Helen Mirren als Golda Meir: "Jewfacing" oder eine glänzende Besetzung?

Anlässlich der Vergabe der Rolle der Golda Meir an die nichtjüdische Oscar-Preisträgerin Mirren, entbrannte eine Diskussion darüber, wie weit die sogenannte politische Korrektheit in der Kunst gehen darf. (JR)

Golda Meir und Helen Mirren© WIKIPEDIA

Von Nataliya Indikova

In London und Israel laufen derzeit die Dreharbeiten zum biografischen Politdrama Golda (2022) auf Hochtouren. Die legendäre ehemalige israelische Außenministerin und Ministerpräsidentin Golda Meir wird von der international renommierten englisch-russischen Schauspielerin Helen Mirren verkörpert.

Handelt es sich hierbei um eine würdige Besetzung, oder hätte eine Jüdin die Rolle übernehmen sollen? Der Fall wird aktuell medial heiß diskutiert.

Mirrens jüdische Schauspielkollegin – ebenso wie Mirren eine von der britischen Krone gekürte Dame – Mauren Lippmann ist nicht begeistert. Die ehemals politisch äußerst inkorrekte, der Obszönität nicht abgeneigte jüdische Komikerin Sarah Silverman, bezeichnet die Besetzung der Rolle mit Mirren als „Jewfacing“.

Hierbei handelt es sich um eine provokante Anspielung auf eine veraltete amerikanische Praktik namens „Blackfacing“. Dieses beschreibt das Schwärzen des Gesichts bei hellhäutigen Schauspielern, um Afro-Amerikaner zu spielen. Der implizite Rassismus, der dieser Praxis innewohnt, ist heutzutage kaum zu leugnen.

Doch ist in diesem Fall Antisemitismus im Spiel, oder geht es eigentlich um etwas völlig anderes? „Blackfacing“ wurde in vergangenen Zeiten im Rahmen von Theateraufführungen praktiziert, um vermeintliche Stereotype schwarzer Menschen in grotesker und herablassender Manier abzubilden. Die Prothesen im Film „Golda“ werden dagegen eingesetzt, um Mirren dem Politstar möglichst ähnlich zu machen. Das ist eine gängige Praxis beim Film und wäre genauso bei einer Besetzung der Rolle mit einer jüdischen Schauspielerin gelaufen.

Zum dem sei anzumerken, dass der israelische Regisseur Guy Nattiv darauf bestand, Helen Mirren die Hauptrolle zu übertragen. Die beliebte Schauspielerin, die bereits einige jüdische Figuren auf der Leinwand verkörperte, war sich zunächst unsicher, nahm die Herausforderung allerdings an. „Ich hoffe es, der Rolle gerecht zu werden!“ so die 76-jährige Mirren.

Wer von den großen jüdischen Stars in dieser Alterskohorte hätte Golda Meir sonst spielen sollen? Mauren Lippmann selbst? Können wir uns Barbra Streisand, Bette Milder oder gar Roseanne Barr in der Rolle der Ministerpräsidentin vorstellen?

Die blass-rothaarige Königin von England aus dem 16.Jahrhundert Anne Boleyn zum Beispiel, wird von der dunkelhäutigen britisch-jamaikanischen Schauspielerin Jodie Turner Smith verkörpert. Doch der Film ist eher ein „psychologischer Thriller als ein historisch akkurates Drama,“ so das Smithsonian Magazin. Es macht nämlich durchaus einen Unterschied, ob ein Film den Anspruch hat, historisch akkurat zu sein, oder sich eher als freies Kunstwerk sieht, welcher lose auf einer Geschichte basiert.

„Golda“ legt den Fokus auf eine schwierige Zeit der Entscheidungen während des Yom Kippur Krieges von 1973. Da es sich um eine Filmbiografie handelt, ist davon auszugehen, dass der Film sich weniger Exzentrik erlauben möchte, sondern nach Authentizität strebt.

Wie wird „Golda“ vom Publikum aufgenommen werden? Wird es ein sehenswerter Film?

Durchaus vorstellbar, denn Helen Mirren ist nicht völlig fachfremd. Sie hat Israel mehrmals besucht – das erste Mal als junge Frau hat sie 1967 auf einer Kibbuz Farm Trauben gepflückt, 2016 kam sie, um die Preisverleihung zum Genesis-Preis zu moderieren. Sie sprach sich offen gegen die BDS Bewegung aus und sieht sich als Freundin des jüdischen Volkes.

„Ich glaube an Israel...Ich denke, es ist ein sehr außergewöhnliches Land voller sehr, sehr außergewöhnlicher Menschen“ so Mirren. Sie scheint sich der Wichtigkeit des Themas bewusst zu sein und ist branchenintern als hervorragende Schauspielerin geschätzt. Das allein sollte ausreichen für einen gelungenen Film.

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