Warum schon meine jüdische Großmutter mich vor dem Weltfrauentag warnte

Dass Berlin einen sozialistischen Alibi-Feiertag wieder einführt, spricht auch für aufrichtige Unterstützer der Gleichstellung der Frau, Bände über das politische Klima in der linken Filterblase Deutschland.

Von Ekaterina Quehl

„Mach das nie wieder!“, sagte mir meine jüdische Großmutter, als ich ihr mal als kleine sowjetische Schülerin drei rote Nelken an einem 8. März schenkte. Sie durfte nicht studieren, weil sie Jüdin war, wurde aber einmal im Jahr mit pathetischen Parolen und Pseudo-Aufmerksamkeit beglückt, unter anderem auch von denen, die sie wegen ihrer Herkunft ihr ganzes Leben benachteiligten.

Kalter Schauer läuft mir über den Rücken, wenn ich in der „Berliner Zeitung“ jetzt, im Jahr 2021 lese:

„Der Frauenkampftag steht bevor, eine große Demonstration findet in diesem Jahr nicht statt. Feministische Bündnisse organisieren sich pandemiebedingt dezentral.“

Das erinnert mich an Demonstrationen aus der sowjetischen Vergangenheit, auf denen Frauen im synchronen Schritt für ihre Rechte marschierten, während Männer an diesem einen Tag im Jahr die Blumenläden plünderten. Als ob es keine anderen Tage im Jahr gibt, an denen man einer Frau Blumen schenken könnte. Als ob es keine anderen Tage im Jahr gibt, an denen Frauen die gleichen Rechte haben wie am 8. März.

 

Als einziges Bundesland

Doch was hat das alles mit Deutschland 2021 zu tun? Ich muss ehrlich sagen, ich weiß es nicht. Ich kann nur vom Sozialismus-Déjà-vu sprechen, das ich von Jahr zu Jahr in Deutschland erlebe: Auch diesen „Feiertag“, den Berlin letztes Jahr in alter sozialistischer Tradition als einziges Bundesland wieder eingeführt hat. Ich nehme das als Teil der Symbolik wahr, die hier zur Veranschaulichung der aktuellen Entwicklungen nach links in Richtung Sozialismus benutzt wird.

Dass mich dieses sozialistische Überbleibsel in Deutschland einholt, konnte ich mir nie im Leben vorstellen. Heute wie damals soll mir erklärt werden, dass ich als Frau benachteiligt werde und an diesem einen Tag alle Welt daran erinnern darf. Es soll mir erklärt werden, dass ich die gleichen Rechte habe, wie die restlichen m/d/x. Und das in dem Land, in dem ich mich bis jetzt weder als Ausländerin noch als Frau jemals benachteiligt gefühlt habe. Seit meiner Einwanderung nach Deutschland in 2004 und bis zu diesem Jahr.

„Coronabedingt sind viele Veranstaltungen in den digitalen Raum verlegt worden, die ‚Alliance of Internationalist Feminists‘ zieht aber auch in diesem Jahr durch die Stadt. Weitere Kundgebungen gibt es in Mitte und Wedding, bei allen Veranstaltungen gelten strenge Abstandsregeln und Maskenpflicht.“, so die „Berliner Zeitung“. Frauen, über die hier berichtet wird, wollen gegen ihre Benachteiligung in Deutschland im Jahr 2021 demonstrieren. Und währenddessen Abstandsregeln einhalten und Masken tragen. Und sehen dabei scheinbar den Widerspruch nicht.

Meiner jüdischen Großmutter habe ich zu verdanken, dass ich Widersprüche als solche meistens erkennen kann. Deutschland kämpft für gleiche Rechte bei Frauen im 21. Jahrhundert. Medien und Regierung sind angetan. Doch wie würden Medien und Regierung reagieren, wenn diese Frauen auf die Straße gehen würden, weil sie mal wieder Kleider für ihre Kinder kaufen wollen oder vielleicht gar ins Fitnesscenter?

 

Ekaterina Quehl ist gebürtige St. Petersburgerin, russische Jüdin, und lebt seit über 16 Jahren in Berlin. Pioniergruß, Schuluniform und Samisdat-Bücher gehörten zu ihrem Leben wie Perestroika und Lebensmittelmarken. Ihre Affinität zur deutschen Sprache hat sie bereits als Schulkind entwickelt. Aus dieser heraus weigert sie sich hartnäckig, zu gendern. Mit 27 kam sie nach einem abgeschlossenen Informatik-Studium aus privaten Gründen nach Berlin und arbeitete nach ihrem zweiten Studienabschluss viele Jahre als Übersetzerin, aber auch als Grafik-Designerin. Mittlerweile arbeitet sie für reitschuster.de und studiert nebenberuflich Design und Journalismus.

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