Das Schtetl zwischen zwei Kriegen

Bis 1939 existierten traditionelle Schtetl vor allem im Osten Polens – danach wurde die jiddische Kultur durch die Nazi-Barbarei gewaltsam ausgelöscht.

Marktplatz im Schtetl Iche (nach Aquarell von V. Shterenberg)

Von Anna Wotejschtschik

Das Schtetl: Ohne diesen Begriff kann man sich das jüdische Leben in Osteuropa kaum vorstellen. Gemäß dem Friedensvertrag zwischen Russland und Polen, unterschrieben am 18. März 1921 in Riga, wurden einige weißrussische Schtetl in mehreren Gebieten – um die Städte Grodno, Minsk und Brest – der Polnischen Republik einverleibt. 1931 lebten in dem „West-Weißrussland“ genannten Gebiet (der Teil Weißrusslands, der nun zu Polen gehörte) 4,6 Millionen Menschen, darunter 2,9 Millionen (65%) Weißrussen, 675.000 (15 %) Polen, 495.000 (11 %) Juden, 113.000 (2,5 %) Litauer und Andere 293.000 (6,5 %), darunter Deutsche, Tataren, Letten, Karaiten, Russen, Sinti und Roma.

In West-Weißrussland gab es 85 Städte und etwa 200 Schtetl (der Begriff „Schtetl“ existierte in West-Weißrussland offiziell bis 1939). Die polnischen Behörden betrachteten die Schtetl als eine Art Raum für den Handel und Tausch zwischen Stadt und Land, und ermöglichten so ihre wirtschaftliche Entwicklung. Die Integration der Schtetl-Wirtschaft in die Wirtschaft Polens erfolgte dank der Beteiligung der Juden sehr schnell, und machte viele Schtetl zu Handels- und Industriezentren von Gemeinden und Bezirken. Obwohl sich die Schtetl wirtschaftlich auf niedrigerem Niveau befanden als die übrigen Gebiete Polens – extrem schwierig war ihre Lage nicht.

 

Dienstleistung, wo es keine Industrie gab

Jüdische Handwerker, Kaufleute und Unternehmer gaben den Ton in der Wirtschaft der Schtetl an, da die meisten Weißrussen und Polen an ihr Land gebunden und hauptsächlich in der Landwirtschaft tätig waren. Es gab keine großen und mittelgroßen Landbesitzer unter den Juden, aber wenn ein Jude eine Parzelle hätte, würde er sie sicherlich verpachten.

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