Ein Jude, der Frankreich mobil machte: Zum 90. Todestag von André Citroën

André Citroën© WIKIPEDIA/ Library of Congress
Er war der Mann, der dem französischen Automobil den Motor der Moderne einbaute – und zugleich ein Pionier jüdischen Unternehmertums im 20. Jahrhundert. André Citroën, der geniale Ingenieur mit sephardischen Wurzeln, machte nicht nur das Auto für die breite Masse erschwinglich, sondern auch sichtbar: am Himmel von Paris und am Eiffelturm selbst. Während Antisemiten in Deutschland bereits an der „Entjudung“ der Industrie arbeiteten, schrieb Citroën seinen Namen in die Geschichte Europas – in Form einer überdimensionalen Leuchtreklame auf Frankreichs bekanntesten Wahrzeichen. (JR)
Auf die Frage, was Frankreich symbolisiert, antworten Europäer: in der Politik – General de Gaulle, im Kino – Brigitte Bardot und Alain Delon, in der Literatur – Honoré de Balzac und Marcel Proust, in der Kunst – Marc Chagall und Pablo Picasso. Es gab noch mehr herausragende Politiker, berühmte Schriftsteller und geniale Künstler – die Gallier haben viel, worauf sie stolz sein können, aber jeder hat seine eigenen Vorlieben. Einig sind sich jedoch alle darin, dass Frankreich ohne seine Küche, Paris ohne den Eiffelturm und die Geschichte des Automobilbaus ohne das Unternehmen Citroën nicht vorstellbar sind.
Der jüdische Auto-Pionier aus Frankreich
Es war André Gustave Citroën, der 1919 sein erstes Auto baute, das innerhalb weniger Jahre nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa zum Verkaufsschlager wurde. Denn der geniale Ingenieur sollte zu einem der erfolgreichsten Unternehmer an den Ufern der Seine und darüber hinaus werden. Er stattete sein 4000 mm langes und 1410 mm breites Modell mit einem kleinen wassergekühlten Vierzylindermotor mit 1327 cm³ Hubraum aus. Mit einer Leistung von 18 PS erreichte es eine Geschwindigkeit von 65 km/h, kostete 7950 Francs und war damit für Familien mit durchschnittlichem Einkommen erschwinglich. Die Franzosen verliebten sich in diesen Typ A weil er erschwinglich war und Citroën ihn mit den neuesten Erfindungen des Automobilbau ausstattete: einem elektrischen Anlasser und einem linksseitigen Lenkrad. In dem Bestreben, das neue Modell zu einem Massenprodukt zu machen, steigerte er die Produktion, erweiterte die Modellpalette und erhöhte in den ersten zehn Jahren die Zahl der produzierten Fahrzeuge fast um das 50-fache. Das Auto verkaufte sich wie warme Semmeln, trotz des allmählich steigenden Preises. Der Sohn des erfolgreichen Diamantenhändlers Levi Citron aus den Niederlanden und der aus Polen stammenden Hausfrau Mascha Kleiman wurde am 5. Februar 1878 in Paris geboren. 1884 beging der Familienvater Selbstmord, da er den Betrug ausländischer Geschäftspartner nicht verkraften konnte, kurz darauf starb auch seine Mutter. André entschied sich für einen gänzlich anderen Weg und bestand die Aufnahmeprüfung an der renommierten Polytechnischen Schule. Nach dem Abschluss 1900 dauerte es 13 Jahre, um sein eigenes Unternehmen Citroën Gear Factory zu gründen, das zunächst Getriebe herstellte und später die Produktion von Autos aufnahm. Ausschlaggebend war die Reise nach Amerika und ein Besuch in Henry Fords Fabrik, um bei dem ehrgeizigen André Citroën den Wunsch real werden zu lassen, Autokönig von Frankreich zu werden.
Der Auto-Konstrukteur als Allrounder
Zunächst waren zehn Arbeiter und ein Zeichner für die Firma des diplomierten Ingenieurs tätig; der angehende Unternehmer musste gleichzeitig Direktor, Manager, Techniker und sogar Verkäufer sein. Schon sehr bald rollte das erste Auto auf den Straßen von Paris, mit dem vom Erfinder entworfenen Logo. In dem vertikalen Oval, in dunkelblau und gelb, war ein doppelter V-förmiger Chevron eingefügt; die nach oben gerichteten „Pfeile” symbolisierten Durchbruch, Geschwindigkeit, neue Ideen und Technologien. Damit erlangte das Auto Bekanntheit und hatte Wiedererkennungswert, wurde zum Symbol für Erfolg und eroberte nicht nur die Herzen der Pariser. André, der gleichzeitig sein eigener PR-Mann war, begann eine Zeitung mit durchaus beeindruckender Auflage herauszugeben, für die nicht nur professionelle Journalisten schrieben. Abgeordnete, Dichter und Operettensänger lobten darin sein Auto, berichteten den Lesern von den Errungenschaften des Herrn Citroën und durften auch von seiner Teilnahme an internationalen Ausstellungen von Peru bis Australien erzählen; auch von seiner Wohltätigkeit und seinen großzügigen Geschenken, wobei sie nicht vergaßen, die Leser mit Anekdoten über das Auto und seinen Besitzer zu unterhalten. Citroën tat was vor ihm noch niemand getan hatte. Er baute einen riesigen Glasladen, durch dessen Schaufenster jeder die brandneuen bunten Autos betrachten oder zusehen konnte, die zum Verkauf standen. Er strebte nach stabilen Gewinnen und erfand eine phänomenale Werbemaßnahme, denn er begann mit der Produktion von Spielzeugautos für Kinder. Als er gefragt wurde, warum er das tue, zeigte er sich überrascht, waren doch Kinder die Kunden der Zukunft. Tatsächlich kauften viele, die als Kinder mit einem „Citroën” gespielt hatten, als Erwachsene sein Auto. Der Bau des Eiffelturms begann als André Citroën neun Jahre alt war. Mit vierundzwanzig Jahren hatte er die geniale Idee, den Turm als erster französischer Unternehmer als Werbefläche für seine Autos zu nutzen.
Der Eiffelturm als Reklameträger
Vorab gab es eine großartige Flugzeug-Show, bei der am 12. Oktober 1922 die Pariser und die Gäste des 7. Pariser Autosalons mit offenem Mund in den Himmel starrten, während Flugzeuge in 400 Meter Höhe Buchstaben aus Rauch zeichneten, die sich zum Namen Citroën zusammenfügten. Kaum hatte man sich von der Verwunderung erholt, da erleuchteten 250.000 Glühbirnen den Eiffelturm, dann erschienen darauf riesige leuchtende Bilder: die Silhouette des Turms als Sternenregen, Kometenflüge, Tierkreiszeichen, das Baujahr des Turms, das aktuelle Jahr, gekrönt von dem Namen – Citroën. Augenzeuge dieses noch nie da gewesenen Spektakels war der bekannte sowjetische Schriftsteller Ilja Ehrenburg, der anschließend seine Eindrücke mit seinen Lesern teilte: „Der Eiffelturm ist hoch. Über ihm ist nur der Himmel. Also muss man sich um den Himmel kümmern. Seifenverkäufer schreiben sich auf die Eisenzäune. Herr Citroën muss sich in den blauen Himmel schreiben. Er bestellt Flugzeuge. Die bescheidenen Genossen Lindbergs müssen nun mit Rauch den Namen Herrn Citroëns in den Himmel schreiben. Unten stehen die Pariser mit hochgereckten Köpfen und staunen. Sie haben noch nie etwas am Himmel gelesen, außer Sternzeichen. Aber Hieroglyphen sind etwas für Ägyptologen oder Kinder. Herr Citroën schreibt seinen Namen in gewöhnlichen lateinischen Buchstaben. Es gibt kein Entkommen mehr vor den lästigen Buchstaben. Sie sind unten und oben. Sie sind überall. Sie leuchten. Sie bedecken die Felder. Sie verdecken die Sonne.“ Neun Jahre lang war der Eiffelturm Werbeträger für Citroën und ging als größte Werbefläche der Welt ins Guinness-Buch der Rekorde ein. Das Licht der Werbung war so hell, dass sich der Pilot Charles Lindberg, der am 20. Mai 1927 den Transatlantikflug von New York nach Paris absolvierte, bei der Landung in Le Bourget an dem leuchtenden Turm orientierte.
Weltwirtschaftskrise und die Nationalsozialisten
Die Räder von Citroën hingen Mitte der 1930er Jahre über dem Abgrund, als die Finanzkrise nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa traf. Nach dem Beginn der Weltwirtschaftskrise in den USA wurden Fabriken geschlossen, Menschen auf die Straße geworfen und das Land verlor rasch seine Position auf dem Weltmarkt. Citroën baute zu dieser Zeit seine Fabriken an der Quai de Javel komplett um. Er investierte enorme Summen in den Umbau und schaffte ihn in Rekordzeit – in nur fünf Monaten. Er ging ein Risiko ein – Risikobereitschaft war eines der charakteristischen Merkmale seiner facettenreichen Persönlichkeit –, setzte auf „Rot“ und verlor. Die Arbeit an dem innovativen Auto kam nur langsam voran. Europa befand sich noch immer in der Krise, die Autoverkäufe gingen zurück, es fehlte katastrophal an Geld.
Er reduzierte die Modellpalette so weit wie möglich, um Mittel freizusetzen, aber es half nichts, die Gläubiger drohten mit Gerichtsverfahren. Schlimmer konnte es nicht mehr werden, doch dann kam noch eine Nachricht aus Deutschland: Der Führer ordnete die Schließung des Unternehmens an, das in Köln reibungslos lief, da Citroën mit Mercedes, Maybach und Volkswagen konkurrierte und außerdem einem Juden gehörte. Aber André gab nicht auf und brachte ein neues Modell auf den Markt: den Citroën 7A Traction Avant. Dieser war nicht nur in vielerlei Hinsicht innovativ, sondern auch sehr komfortabel und schön. Das rettete das Unternehmen jedoch nicht, obwohl die Verkaufszahlen zunächst gut waren. Bald änderte sich die Lage, es hagelte Beschwerden, die Servicezentren kamen mit den Reparaturen nicht mehr hinterher. Die Verkäufe stagnierten, die Geschäfte verschlechterten sich, die Banken verweigerten neue Kredite. Der Nachfragerückgang machte es unmöglich, sich aus eigener Kraft zu retten. Nach mehreren Versuchen, Finanzierungsquellen zu finden, musste Citroën Insolvenz anmelden, woraufhin mehr als die Hälfte der Aktien des Unternehmens in die Hände des Reifenkonzerns Michelin übergingen.
André Citroën starb am 3. Juli 1935 an einem bösartigen Tumor. Er wurde nur 57 Jahre alt. Die Beerdigung fand auf dem Pariser Friedhof Montparnasse statt – einem der berühmtesten Friedhöfe von Paris. Gemäß jüdischer Tradition sprach der Oberrabbiner in Anwesenheit des Präfekten und zahlreicher Arbeiter das Kaddish.
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