Buchrezension: „Die Sache mit Israel. Fünf Fragen zu einem komplizierten Land“

Der 7. Oktober 2023 markierte einen Wendepunkt, als die Mörder-Bande der Hamas einen massiven Angriff auf unschuldige israelische Zivilisten startete und damit den Schutz der jüdischen Bevölkerung radikal in Frage stellte. Richard C. Schneider analysiert in seinem Buch, wie diese Ereignisse trotz der großen Resilienz des jüdischen Staates, Israels politische und gesellschaftliche Grundlagen erschüttert haben. Gleichzeitig betont er die komplexe Identität Israels als Land zwischen modernem High-Tech-Hub und einem Staat, der sich ständig neu erfinden muss, um den Herausforderungen von Terror, Delegitimierung und internen Spannungen zu begegnen. (JR)
Israel ist, wenn man die Ukraine ausnimmt, der einzige Staat der Welt, der um sein Existenzrecht kämpfen muss. Selbst diktatorische Regime, Russland, der Iran, China, Nordkorea und wie sie auch heißen mögen, sehen sich angesichts ihrer Unterdrückungspolitik nicht mit der Drohung konfrontiert, dass es ihren Staat nicht geben darf. Israel dagegen hat sich einer permanenten Delegitimierungskampagne zu erwehren.
Im Nahen Osten scheinen die Uhren schneller zu gehen. Als Richard C. Schneider mit der Niederschrift seines aktuellen Buchs begann, war die nahöstliche Welt in scheinbarer Unordnung - wie stets. Doch der 7. Oktober 2023 änderte die Situation schlagartig. Nichts mehr war wie vorher. Die größte Katastrophe seit Auschwitz kam über das jüdische Volk: Die islamistische Hamas überfiel israelische kibbuzische Ortschaften, griff das Nova-Festival an, schlachtete 1200 Israelis ab und verschleppte 250 Menschen als Geiseln nach Gaza.
Das der jüdischen Bevölkerung gegebene Schutzversprechen war mit einem Mal obsolet geworden. Das ganze militärische und geheimdienstliche Schutzkonzept war schlagartig zu Makulatur geworden. Ausgerechnet auf israelischem Boden kam es zum größten Massaker an Juden nach der Schoah. Das Dilemma: Während sich die Hamas nicht im Geringsten um das internationale Kriegsrecht schert und seine Kampftaktik bewusst jenseits des Völkerrechts stellt, muss die Armee eines demokratischen Staates sich an dieses Recht halten. Der nichtstaatliche, terroristische Akteur ist damit im Vorteil. Von ihm wird nichts erwartet.
Komplexität der Realität
Schneiders vorliegendes Buch ist als Hardcover im April 2023 erschienen. Seine Struktur hatte er bereits im Sommer 2022 konzipiert. Anhand von fünf Fragen, die in der deutschen Debatte um Israel und „Palästina“ immer wieder auftauchen, wollte er die Komplexität der Realität vor Ort darstellen und zeigen, dass es kein „Entweder-oder“ gibt, kein Schwarz oder Weiß, sondern sehr viel Grautöne, sehr viel „Sowohl-als-auch“. Vor allem geht es ihm darum, mit Vorurteilen, Ressentiments und Fehlinformationen aufzuräumen.
Schneider verbrachte als Korrespondent und Studioleiter der ARD (2006-2015) zehn Jahre in Tel Aviv. Stadt und Land haben ihn danach emotional und publizistisch nicht losgelassen. Für ihn ist Israel - 77 Jahre nach der Staatsgründung, 58 Jahre nach der Besetzung des Westjordanlandes, der Golanhöhen und des Gaza-Streifens - ein zwischen Normalität und Ausnahmezustand hin- und hergerissenes nach rechts gerücktes und in Teilen sogar fundamentalistisches Land, ein Land zwischen Konsum und Krieg, zwischen Sehnsucht nach Frieden und dem Bedürfnis nach Sicherheit. Israel hat sich von einem sozialistischen Agrarland zu einem der wichtigsten High-Tech-Hubs der Welt entwickelt und muss sich doch fragen, ob es zugleich ein jüdischer und demokratischer Staat sein kann und will.
Die tektonischen politischen Verschiebungen, die globalen gesellschaftlichen Veränderungen, die digitale Revolution sind hier besonders spürbar und kratzen an den Fundamenten der Demokratie. Israel sei ein „Versuchslabor“ für die westliche Welt, wo das Leben, schreibt Schneider, intensiver, schneller, hektischer, bedrohlicher von innen und von außen als irgendwo sonst läuft. Ihn fasziniert Israel, weil man in dem Land hautnah mitverfolgen könne, welche Fehler gemacht werden, aber auch, welche Lösungen man findet. Er vermisst unter den beiden sich bekriegenden Völkern eine gegenseitige Anerkennung des Leids – Nakba hier, Shoah dort - und der Rechte des jeweils anderen. Schneider ist ein „teilnehmender Beobachter“ eines Landes, das ihn seit seiner frühen Kindheit mehr als alle anderen beschäftigt, mit Ausnahme von Deutschland, seiner kulturellen Heimat. Er sieht Israel, bei allen Entwicklungen zum Guten, bedroht, von außen und im Inneren und sieht dessen Demokratie gefährdet. Dabei sei nicht eine Diktatur die Alternative, das sei mit Juden nicht zu machen, weil der jüdische Widerspruchsgeist zu groß sei. Doch könne der Staat, so seine Befürchtung, rigorosere Formen annehmen bei gleichzeitigem Neoliberalismus und eingeschränkten individuellen Freiheiten.
Klärung grundlegender Aspekte
Inhaltlich dreht sich sein Essay um die Beantwortung von fünf Fragen, die den roten Faden liefern und mit der Existenz des Staates Israel zusammenhängen: Ist Israel eine Demokratie? Ist Israel ein Apartheidstaat? Ist Kritik an Israel antisemitisch? Ist Israel ein fundamentalistischer Staat? Gehört „Palästina“ den „Palästinensern“?
Schneider weiß um die gängigen Vorbehalte und Vorurteile in Deutschland, wenn es um die „Sache“ Israel geht, wenn Reflexe aufscheinen. Um die erwähnten Fragen zu beantworten, setzt er bei seiner Beantwortung dort an, wo es um Klärung grundlegender Aspekte geht. Sein Blick richtete sich auf einen jüdischen Staat, der um seine demokratischen Grundlagen und Werte ringt. Er weiß, wovon er spricht. Er beschreibt Israel als ein Land, dessen Aspirationen ihm geläufig sind.
Schneider benennt die Begriffe „links“ oder „rechts“ in Israel als eine Frage, ob man für oder gegen einen „Palästinenserstaat“ sei. Die Wählerschaft der Parteien war und ist bis in die Gegenwart nicht immer allein durch Ideologie an ihre Parteien gebunden, sondern vor allem durch ihre Herkunft, aber auch durch den Grad ihrer Religiosität. Heute unterscheiden sich die meisten Parteien in ihren Programmen, vor allem wenn es um die „Palästinenser“ oder andere Sicherheitsfragen geht, kaum noch voneinander. Die Unterschiede sind eher im zivilgesellschaftlichen Bereich zu finden, in der Innen- und Sozialpolitik.
Die Oktober-Ereignisse des Jahres 2023 hat in Israel alles verändert, so das Schneider‘sche Fazit: Es wird keine unbefangene Rückkehr mehr zum „6. Oktober“ geben. Wenn das Drama eines Tages vorbei ist, wird Israel Bilanz ziehen müssen – militärisch, wirtschaftlich, politisch. Das Land muss sich selbst vergewissern. Daher rühren die fünf Fragen, die Schneider stellt.
Judenhass ist „universal“
Israel wird nicht nur aufarbeiten müssen, was im Vorfeld des 7. Oktober alles falsch gelaufen ist. Hier geht es um die Frage nach der Verantwortlichkeit. Es bedarf neuer Denkansätze und Strategien, um dem Land eine Zukunft zu schaffen.
Der 7. Oktober hat gezeigt, wie rasch der Firniss der Zivilisation Risse bekommen kann, auch in der westlichen Welt. Es hat weiterhin gezeigt, wie schnell es wieder möglich ist, „den Juden“ überall in der Welt zum Sündenbock zu machen. Ob im Namen des Islam oder im Namen einer scheinbar progressiven „post-kolonialen“ Theorie, ob im Sinne einer Vernichtungsfantasie oder in der intellektuellen Verdrehtheit einiger Israel-Feinde in Deutschland („Free Palestine from German Guilt“): Der Hass auf Juden ist nach dem 7. Oktober 2023 überproportional und explosionsartig angestiegen, frei von jeglichem Tabu. Und er kommt nicht mehr nur von rechts, sondern auch von links und aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Er ist „universal“ und richtet sich gegen alle Juden, auch Juden, die keine Israelis sind.
Spätestens seit dem Oktober 2023 muss man den Friedensversuch zwischen „Palästinensern“ und Israels als gescheitert ansehen – trotz des berühmten Handschlags zwischen Yassir Arafat und Yitzak Rabin 1993 im Rosengarten des Weißen Hauses in Washington, als das Oslo-Abkommen unterschrieben wurde und die Hoffnung aufkeimte, es könne eine Zwei-Staaten-Lösung geben.
Was den Nahostkonflikt betrifft, gibt es auf der Welt kaum eine politisch schwierigere Gemengelage und ein jeder glaubt, die Lage richtig einschätzen zu können. Wenn es um Israel geht, melden sich die Reflexe. Schneider versteht es meisterhaft, die ebenso komplizierte wie sensible politische Sachlage in seinem faktenfundierten Bericht verständlich darzustellen. Ihm gelingt es, seine Kritik so sorgfältig abzuwägen, dass keine Seite Schaden nimmt. Sein Blick auf Israel ist bestimmt von der Notwendigkeit, die deutsche Geschichte mitzudenken, dabei lässt er es auch an Empathie für das Unrecht, das in Israel geschieht, nicht vermissen. Als Jude sieht sich Schneider immer wieder antisemitischen Ressentiments ausgesetzt: Ihm wurde vorgeworfen, nicht hinreichend „objektiv“, will sagen: einseitig, aus Israel zu berichten. Es ist ein intimes, auch parteiisches Buch geworden, und glänzend geschrieben ist es auch.
Richard C. Schneider: Die Sache mit Israel. Fünf Fragen zu einem komplizierten Land, 218. S.; Penguin Random House/Deutsche Verlags-Anstalt GmbH, München 2023; 15 Euro.
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