Auf den Spuren des Judentums von der Zarenzeit bis zur Gegenwart

Ein Reisebericht aus dem Herbst 2021 über die jüdische Kultur in den russischen Städten Ufa und Samara kurz vor Beginn des aktuellen Geschehens. (JR)

Das Jüdische Gemeindezentrum in Ufa

Von Matti Goldschmidt

Nicht vielen ist bekannt, dass es in Russland mindestens ein Dutzend Städte mit über einer Million Einwohner gibt. Sechs davon besuchte ich während meines kürzlichen Urlaubs in Russland, und meine Eindrücke von dreien sei in dieser Reihenfolge wiedergegeben: a. Ufa, die Hauptstadt der Autonomen Republik Baschkortostans und mit 1,1 Millionen die elftgrößte Stadt der Russischen Föderation, b. Samara (Platz 8, 1,15 Mio.), von 1935 bis 1991 unter dem Namen Kuibyschev bekannt, benannt nach dem bolschewistischen „Revolutionär“ Valerian Vladimirovich Kuibyshev (1888-1935), sowie c. Kazan (Platz 5, 1,125 Mio.), die Hauptstadt der Autonomen Republik Tatarstan innerhalb der Russischen Föderation. Während der zaristischen Zeit lag das Gebiet, in dem diese drei Städte liegen, außerhalb des sog. Ansiedlungsrayons (pale of settlement, russ. tscherta osedlosti), der 1791 deklariert wurde, nämlich als einer der Maßnahmen zur Beschleunigung der Kolonisierung der neu erworbenen Gebiete am Schwarzen Meer unter der Regierung von Katharina der Großen (1729-1796). Grob nachgezeichnet ging dieser Ansiedlungsrayon vom Baltikum bis an das Schwarze Meer. Zunächst um 1850 sollten die ersten Juden in diesen von mir besuchten Städten siedeln dürfen, wobei es sich in der Regel um Veteranen der zaristischen Armee aus den Kaukasuseroberungen unter Nikolaus I. (1796-1855) und einigen wenigen jüdischen Kaufleuten handelte; erst aufgrund neuer Gesetze von 1859 und 1865 erhielten alle Kategorien von jüdischen Händlern und Handwerkern die Erlaubnis, sich grundsätzlich außerhalb des Ansiedlungsrayons niederzulassen, allerdings mit Ausnahme von Moskau und Sankt Petersburg. Bis 1827 war es Juden übrigens gänzlich untersagt, in der zaristischen Armee zu dienen; stattdessen wurde ihnen eine Sondersteuer auferlegt, weil sie eben keinen Militärdienst ableisteten.

In den Jahren danach wurden Juden häufig zwangsrekrutiert, normalerweise ab einem Alter von 12 Jahren, mitunter sehr zum Leidwesen der jüdischen Familien aber auch noch jünger – achtjährige Knaben waren keine Seltenheit. Jüdische Dörfer hatten ab einer bestimmten Größe eine festgelegte Anzahl von Jugendlichen für den Wehrdienst abzuliefern (sogenannte Kantonisten), die Auswahl wurde in der Regel von den Dorfoberen getroffen. Der sechsjährigen Schulzeit im militärischen Umfeld folgten 25 Jahre als Militärangehörige, üblicherweise weit weg von der Heimat. Nicht wenige waren nach einer derart langen Abwesenheit von ihrem ursprünglich sozialen Umfeld ihrer Religion entfremdet, sollten sie nicht schon vorher zur Konvertierung in die orthodoxe Kirche genötigt worden sein. Nur in einigen Ausnahmefällen gelang es, soweit bekannt, sich innerhalb der Armee zu organisieren und gegenseitig derart zu unterstützen, dass die 613 Gebote eingehalten werden konnten. So gründete sich etwa ab 1843 eine Organisation in einem Regiment des Oblast Briansk (südöstlich von Moskau gelegen) unter dem Namen „schomre’i emunah“, die Wächter des Glaubens. Diese Gemeinschaft innerhalb des aktiven Wehrdienstes konnte sich immerhin über rund fünfzig Jahre halten – selbst wenn die Zahl der Mitglieder, handschriftlich geführt in einem Registrierbuch (pinkas), wahrscheinlich gleichzeitig niemals fünfzig überstieg. Wie ihre nicht-jüdischen Kameraden erhielten viele nach Beendigung ihrer Militärzeit ein Stück Land, meist eben in den Grenzregionen. Die heutige jüdische Bevölkerungszahl wird in allen drei Bezirken, dem Oblast Samara wie auch den beiden autonomen Republiken, mit jeweils weit weniger als 10.000 angegeben.

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