Der Holocaust war kein Mysterium

Ist der Holocaust auch ein Ergebnis der christlichen Lehre? Darüber stritten und streiten Historiker und Theologen. (JR)

Von Hyam Maccoby (1924-2004)

Das Neue Testament stellte die Juden als verfluchtes Volk hin, dem eine außergewöhnliche Bestrafung zugedacht war. Die Zerstörung des Tempels (70 n.u.Z.) galt als Erfüllung dieses Fluches, und das spätere Exil der Juden (das in Wirklichkeit nicht vor der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert begann) wurde vordatiert und als weitere Erfüllung des Fluches betrachtet. Es war allerdings nicht das Neue Testament selbst, das die Juden zu einem Pariavolk machte, obwohl es die Bühne bereitete und alle Bedingungen für diese Entwicklung festschrieb. Die Juden wurden zum Pariavolk als Folge des Triumphs des Christentums im Römischen Reich nach dem Regierungsantritt Konstantins, der sie zum ersten Mal zu einem Volk von Untertanen in einem christlichen Reich machte. Auch dann dauerte es noch lange, bis sie zur Paria-Gruppe in einer christlichen Gesellschaft wurden. Das 11. Jahrhundert kann als Wendepunkt bestimmt werden, als die Juden allmählich von der breiten Masse dämonisiert wurden. Sie wurden zur geächteten Gruppe, ausgeschlossen vom gesellschaftlichen Umgang, von der Mischehe und von jedem ehrbaren Beruf.

Das Mittelalter dauerte am längsten für die Juden im zaristischen Russland, wo sie unter mittelalterlichen Bedingungen bis ins 19. Jahrhundert lebten. Die Kontinuität zwischen dem mittelalterlichen Paria-Status und dem modernen Antisemitismus kann man hier ganz deutlich sehen, wo die Abfassung der gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“, die Stütze und Bibel des modernen Antisemitismus, stattfand. Aber der größte Ausbruch von Antisemitismus fand nicht in Russland statt, sondern in Deutschland, wo die Kontinuität nicht ganz so stark ins Auge fällt und deshalb von allen geleugnet wurde, die den Antisemitismus von seinen christlichen Vorläufern loslösen möchten. In Deutschland wurden die Juden nicht in Ghettos zusammengepfercht, sondern waren in den höchsten Berufen vertreten: als Richter, Professoren, Naturwissenschaftler, Ärzte, Schriftsteller, Kritiker, Politiker. Sie erfreuten sich ihrer Freiheit und rühmten sich ihres deutschen Patriotismus. Aber hier wurden sie zusammengetrieben, in Lager im Osten geschickt und umgebracht. Unter Umständen, die an mittelalterliche Bilder von der Hölle erinnern.

Sie können diesen Artikel vollständig in der gedruckten oder elektronischen Ausgabe der Zeitung «Jüdische Rundschau» lesen.

Vollversion des Artikels

€ 0,75 inkl. MwSt.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser!

Hier können Sie

die Zeitung abonnieren,
die aktuelle Ausgabe oder frühere Ausgaben kaufen
oder eine Probeausgabe der Zeitung bestellen,

in gedruckter oder elektronischer Form.

Vollversion des Artikels

€ 0,75 inkl. MwSt.
Zugang erhalten

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


Zum 105. Geburtstag von John F. Kennedy: Vom NS-Sympathisanten zum Verbündeten Israels

Zum 105. Geburtstag von John F. Kennedy: Vom NS-Sympathisanten zum Verbündeten Israels

Moshe Dayan: Der einäugige Wüstenadler

Moshe Dayan: Der einäugige Wüstenadler

55 Jahre Befreiung Jerusalems, der ewigen Hauptstadt des jüdischen Volkes

55 Jahre Befreiung Jerusalems, der ewigen Hauptstadt des jüdischen Volkes

Die Juden auf der Titanic

Die Juden auf der Titanic

175. Geburtstag von Joseph Pulitzer: Ein Journalist mit jüdischen Wurzeln, der zur Institution wurde

175. Geburtstag von Joseph Pulitzer: Ein Journalist mit jüdischen Wurzeln, der zur Institution wurde

Die jüdischen Falken des deutschen Kaisers

Die jüdischen Falken des deutschen Kaisers

Über 100.000 Juden dienten in der Reichswehr dem deutschen Kaiser im Ersten Weltkrieg, was überproportional zu ihrem Bevölkerungsanteil stand. Unter ihnen der Meisterflieger Wilhelm Frankl. Nur 18 deutsche Piloten waren mit dem Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern ausgezeichnet worden. Und drei von ihnen waren die Juden Wilhelm Frankl, Fritz Beckhardt und Edmund Nathanael. (JR)

Auf den Spuren des Judentums von der Zarenzeit bis zur Gegenwart

Auf den Spuren des Judentums von der Zarenzeit bis zur Gegenwart

Ein Reisebericht aus dem Herbst 2021 über die jüdische Kultur in den russischen Städten Ufa und Samara kurz vor Beginn des aktuellen Geschehens. (JR)

120 Jahre AltNeuLand

120 Jahre AltNeuLand

Im Vorfeld der noch im gleichen Jahrhundert nach dem 2. Weltkrieg vollzogenen Staatsgründung Israels erschien 1902 Theodor Herzls utopischer Roman „AltNeuLand“ als letztes Werk vor seinem Tod (Teil II) (JR)

„Kein Jude mit zitternden Knien“: Vor 30 Jahren starb Menachem Begin

„Kein Jude mit zitternden Knien“: Vor 30 Jahren starb Menachem Begin

Dreizehn Ministerpräsidenten haben die Regierung des Staates Israel in den fast 74 Jahren seines Bestehens geführt aber nur einer wurde mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. (JR)

Vor 530 Jahren: Die Vertreibung der Juden aus Spanien

Vor 530 Jahren: Die Vertreibung der Juden aus Spanien

Mit dem Alhambra-Edikt des katholischen Königspaares Isabella und Ferdinand waren die spanischen Juden unter Androhung der Todesstrafe gezwungen, zum Christentum zu konvertieren oder ihr Land zu verlassen. 1492 markierte somit das Ende der jüdischen Blütezeit in Europa bis zur Neuzeit. (JR)

München 1970: Der vergessene antisemitische Anschlag

München 1970: Der vergessene antisemitische Anschlag

Sieben Tote forderte der Brandanschlag auf das Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, der 1970 mutmaßlich von Terroristen der linken RAF verübt wurde. Die unschuldig Ermordeten hatten die NS-Zeit überlebt, zwei von ihnen waren in Konzentrationslagern. Bis heute ist das Attentat nicht restlos aufgeklärt. (JR)

Späte Ehrung: Antonin Kalina, „Gerechter unter den Völkern“

Späte Ehrung: Antonin Kalina, „Gerechter unter den Völkern“

Antonin Kalina wurde von den Nationalsozialisten in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Dort rettete er mehr als 900 Kindern das Leben. Unter ihnen den Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel. Erst 2012 wurde ihm posthum dafür der Titel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen.

Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden