Der 9. November – ein Schicksalstag in der deutschen Geschichte

Ein schwarzes Datum, nicht nur für die Juden, war die verhängnisvolle Reichspogromnacht von 1938

Deutsche aus der „DDR” werden freudig begrüßt als sie am 9. November 1989 über den Checkpoint Charlie nach Berlin (West) einreisen.© Françoise CHAPTAL / AFP

Von Dr. Nikoline Hansen

Kein Datum in der deutschen Geschichte ist mit für die Geschicke des Landes so schwerwiegenden Ereignissen belastet wie der 9. November. Das ist nicht nur Zufall, denn das für die deutschen Juden so unheilvolle Pogrom am 9. November 1938 war ein bewusst gewähltes Datum der nationalsozialistischen Bewegung. Heute ist dieses Datum ein Tag der Erinnerung und der Trauer, ein Tiefpunkt der jüngeren deutschen Geschichte. Noch vor wenigen Jahren lebten Juden, die diesen Tag mit vollem Bewusstsein und Schrecken erlebt hatten, auch noch in Deutschland. Inzwischen sind es nur noch sehr wenige – die Generation der Überlebenden stirbt und es liegt nun an der Politik und den Nachfahren, die Erinnerung wachzuhalten.

Als es darum ging, einen Gedenktag für Deutschland – insbesondere die Wiedervereinigung zu schaffen – fiel die Wahl auf den 3. Oktober. Dies diente in erster Linie dazu, den 9. November als offiziellen Gedenktag zu vermeiden. Man wollte keinen Feiertag, der auch durch Schatten belastet war. Man wollte auch keinen Feiertag mit Bezug zum Grundgesetz, so wie in anderen Nationalstaaten üblich – wohl eine Rücksichtnahme auf mögliche Ressentiments der ostdeutschen – oder sogenannten neuen Länder, denen aufgrund der bestehenden Verfassung, dem am 23. Mai 1949 in Bonn verabschiedeten Grundgesetz, kein Mitspracherecht eingeräumt wurde: Das Grundgesetz entstand im Auftrag der drei westlichen Besatzungsmächte. Schon damals war Deutschland gespalten, auch wenn die Mauer erst im Jahr 1961 errichtet wurde.

Was geschah in Deutschland am 9. November? Am 9. November 1848 scheiterte die sogenannte Märzrevolution endgültig. Mit der Hinrichtung des volkstümlichen Führers Robert Blum war die Niederschlagung des Aufstands besiegelt und Blum wurde zur Symbolfigur für den Umbruch der Revolution und deren gewaltsames Ende. Erst ein gutes halbes Jahrhundert und einen ersten Weltkrieg später kommt es in Europa wieder zu Revolutionen: Am 25. Oktober 1917 ergriffen die Bolschewiki in der Sowjetunion die Macht, die Zarenherrschaft war bereits im Februar 1917 beendet worden und endete mit der Ermordung der Familie am 17. Juli 1918. Am 9. November 1918 steht der Umsturz auch in Deutschland an: Philipp Scheidemann ruft die erste deutsche Republik aus, nachdem die deutschen Militärs den Krieg im September verloren gaben. Kaiser Wilhelm II. verzichtete auf den Thron und dankte ab. Es folgte ein blutiger Machtkampf, da auch in Deutschland die radikale Linke eine sozialistische Rätediktatur nach dem russischen Vorbild erzwingen wollte. In diese Zeit fällt auch die Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, derer noch heute jedes Jahr von der Linken in Berlin im Januar gedacht wird. Sie waren nicht die einzigen Todesopfer: Insgesamt verloren bei blutigen Auseinandersetzungen über tausend Menschen ihr Leben. Diese bis ins Frühjahr 1919 andauernden Machtkämpfe konnten schließlich von den Anhängern der parlamentarischen Demokratie gewonnen werden. Die Weimarer Republik hatte trotz wiederholter Angriffe der radikalen Linken bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 Bestand.

 

Putschversuch am 9. November 1923

Auch diese geschah nicht aus heiterem Himmel: Sie zeichnete sich durch das Erstarken radikaler nationalsozialistischer Kräfte ab. Am 9. November 1923 scheiterte in München der erstmalige Versuch Adolf Hitlers, die politische Macht zu erlangen; sein Putschversuch wurde blutig niedergeschlagen. Die Bewegung blieb hartnäckig. Hitler wurde leicht verletzt, seine Strafe fiel glimpflich aus – bereits zu diesem Zeitpunkt brillierte er rhetorisch, eine Ausweisung aus Deutschland lehnte das Gericht mit der Begründung ab, dass er sich durch „rein vaterländischen Geist und edelsten Willen“ auszeichne. Es folgte die Festungshaft in Landsberg, die Hitler nutzte um seinen Mithäftlingen Emil Maurice und Rudolf Heß Teile seines Buchs „Mein Kampf“ zu diktieren. 1924 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen und hatte so Gelegenheit, seine politischen Ambitionen weiter auszubauen.

Die orthodoxe Synagoge Ohel Jakob in der Münchner Herzog-Rudolf-Straße nach dem Brandanschlag am 9. November 1938

Somit ist es kein Wunder, dass das Pogrom gegen die deutschen Juden auf den 9. November 1938 fiel – vielmehr war es ein wohlüberlegtes Zeichen der Nationalsozialisten, die ihren Machtanspruch und dessen Ausbau mithilfe eines populären Ressentiments unterstützten: Zu wenige Deutsche protestierten gegen das brutale Vorgehen, die Zerstörung der jüdischen Geschäfte, das Abbrennen der Synagogen und die Verhaftungen der deutschen Juden, die bis dahin über Jahrhunderte weitgehend friedlich und unbehelligt in Deutschland leben konnten, obwohl sie konstanter Diskriminierung ausgesetzt waren. Der 9. November 1938 muss also zu Recht als ein Tiefpunkt der deutschen Geschichte bezeichnet werden – er steht für den Antisemitismus in Deutschland und den Auftakt zur Ermordung von sechs Millionen europäischen Juden.

Angesichts dieser belastenden Tatsache fällt es tatsächlich schwer, vom 9. November 1989 als einem freudigen Tag zu sprechen. Dieser Tag markiert den Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen in Deutschland und Europa, denn an diesem Tag „fällt“ die Mauer – die Grenze des geteilten Landes wird durchlässig. Ein Auftakt für eine Neugestaltung Europas mit freiheitlichen Demokratien. Dass auch dieser Aufbruch sich nicht ohne Komplikationen gestaltet, verspüren wir in diesen Tagen wieder besonders: gerade in den Ländern des ehemaligen Ostblocks verstärken sich die Ressentiments gegen den „freiheitlichen Westen“ – es werden Ängste aufgebauscht und geschürt und Machtkämpfe geführt, die auf dem Rücken der Menschen ausgetragen werden, die sich ein freies Leben erhoffen.

 

1700 Jahre jüdische Leben und moslemischer Antisemitismus

Besonders erschreckend ist, dass Juden in Europa, und ganz besonders auch in Deutschland, wieder häufiger gewalttätigen Angriffen ausgesetzt sind. Sie werden, wenn sie als solche kenntlich sind, immer häufiger nicht nur verbal, sondern auch tätlich angegriffen. Der Initiative von Menschen, die dies nicht hinnehmen wollen, ist es zu verdanken, dass diese Vorfälle nun registriert und damit mehr als früher ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt werden. Einen ausreichenden Schutz für jüdisches Leben gibt es im Alltag aber immer noch nicht. Nach dem Anschlag von Halle wird zwar die Sicherung jüdischer Einrichtungen durch entsprechende bauliche Maßnahmen gefördert, nach wie vor gibt es aber für laufende Schutzmaßnahmen, insbesondere durch Polizei und Sicherheitspersonal, nicht in allen Bundesländern ein ausreichendes Budget. Die meisten Maßnahmen müssen von den Gemeinden selbst finanziert werden. Dieser Umstand ist ebenso skandalös wie die Tatsache, dass Juden geraten wird, sich außerhalb der jährlichen Gedenkzeremonien oder pro-israelischer Demonstrationen nicht als Juden kenntlich zu zeigen, um ihr Leben nicht zu gefährden. Ein trauriger Höhepunkt war in Deutschland erreicht, als auf einer pro-israelischen Demonstration im Juli 2014 Gegendemonstranten „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“ skandierten.

Gerade muslimische Zuwanderer, deren Bild des Juden durch die Medien und den indoktrinierenden Schulunterricht ihrer Herkunftsländer von Vorurteilen und insbesondere einem Hass gegen Israel geprägt ist, werden in letzter Zeit zunehmend gewalttätig. Aber auch den deutschen Staatsbürgern mit arabischen Wurzeln wird oft genug nicht entschieden genug entgegengetreten, wenn sie sich antisemitisch äußern. Es ist an der Zeit, die deutsche Geschichte insgesamt zu betrachten und unangenehme Aspekte nicht zu ignorieren. Und es ist an der Zeit, die Verantwortung zu übernehmen und das jüdische Leben in Deutschland nicht nur angemessen zu würdigen, sondern es auch proaktiv zu schützen. Antisemitismusbeauftragte sind ein erster Schritt, aber sie reichen in der Praxis nicht aus. Die Feier von „1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland“ wird sonst zu einer Farce, die keinen Bestand für die Zukunft hat.

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