Junge türkische Juden und ihr Sehnsuchtsort Tel Aviv

Gerade die jungen Mitglieder der massiv dezimierten jüdischen Gemeinde in der Türkei denken immer mehr an die Auswanderung nach Israel. Hierzu ein Interview mit der in Israel lebenden Betsy Perso, die in der türkisch-jüdischen Gemeinschaft als Netzwerkerin und Mitbegründerin von „Avlaremoz“ bekannt ist, einer Initiative zur Wiederbelebung der judäo-spanischen Sprache des Ladino (JR).

Netzwerkerin Betsy Penso

Von Ilgin Seren Evisen

Tausende türkische Juden und Jüdinnen verlassen die Türkei. Viele von ihnen zieht es nach Amerika, Kanada oder auch nach Israel. In Tel Aviv haben sie eigene Vereine und sind in ihrer türkisch-jüdischen Gemeinschaft gut vernetzt. Während Israel von den mehrheitlich sehr gut ausgebildeten und international studierten jungen Juden profitiert, droht der Türkei ein Brain-Drain. Nicht nur die jüdischstämmigen Akademiker, sondern auch viele türkisch-muslimische Studierte verlassen das Land und begeben sich ins Ausland, wo sie auf stabilere politische und wirtschaftliche Verhältnisse hoffen.

Eine der vielen türkischen Jüdinnen, die die Türkei verließen, ist Betsy Penso, die in der Türkei als Rechtsanwältin arbeitete. Für ihren Master kam sie nach Israel und entschloss sich dann, in Israel dauerhaft zu leben. In der türkisch-jüdischen Gemeinschaft ist die junge Frau als Netzwerkerin und Mitbegründerin von „Avlaremoz“ bekannt, einer Initiative zur Wiederbelebung der türkisch-jüdischen Gemeinschaft und des Ladino, des Judäo-Spanischen. Betsy steht für viele türkische Juden, die sehr gut qualifiziert sind und ihre türkische Heimat verlassen, weil sie dort keine Zukunft mehr für sich sehen. Im Interview fragen wir sie nach ihren Beweggründen für ihre Alija nach Israel.

 

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wieso verlassen türkische Juden die Türkei?

Betsy Penso: Viele türkische Juden verlassen das Land, oftmals nach ihrem Master oder wenn sie eine Familie gründen. Manche auch aus beruflichen Gründen. Natürlich befürchten viele von ihnen, Opfer von Antisemitismus zu werden, aber das sind nicht die einzigen Gründe. Das Land verschlechtert sich politisch und ökonomisch. Ein Großteil der dort lebenden Bevölkerung sieht keine Zukunft mehr für sich und ihre Kinder.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wie reagieren die Familien auf die Emigration? Welche Ängste stehen im Vordergrund, und in welche Länder möchten türkische Juden auswandern?

Betsy Penso: Unsere Freunde, die es vorziehen, in der Türkei zu bleiben, sind natürlich traurig, weil wir gehen. Die dortige Gemeinde wird dadurch immer kleiner und es ist schwer, sich von seinen Freunden zu verabschieden. Ich habe den Eindruck, dass unsere Familien uns gut unterstützen und unseren Entschluss, das Land zu verlassen, gut nachvollziehen können. Unsere Eltern merken, dass es für uns schwierig wird, in der Türkei eine Familie zu gründen. Die Migrationsbewegung betrifft ja nicht nur die türkischen Juden, sondern auch andere in der Türkei. Alle, die die Möglichkeit zur Migration haben, überlegen sich, das Land zu verlassen. Manche ziehen es vor, dorthin zu ziehen, wo sie schon Familie und Freunde haben. Der Großteil der türkischen Sepharden hat inzwischen die spanische oder portugiesische Staatsangehörigkeit, dadurch können wir einfach nach Europa einreisen.

Andere wiederum wandern in die USA oder nach Kanada aus. Meines Erachtens wandert aber der Großteil der türkischen Juden nach Israel aus. Wir unterstützen uns hier gegenseitig sehr und sind füreinander da. Dadurch haben wir weniger Existenzängste, denn wir sind hier eine starke und solidarische Gemeinde. Wir haben weniger Existenzängste als in der Türkei und haben hier natürlich keine Angst vor Ausgrenzung. Ich bin froh darüber, nach Israel gekommen zu sein und werde vorerst hierbleiben.

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