100 Weisheiten, um das Leben zu meistern: Selbst, wenn du aus dem Ghetto stammst

Arye Sharuz Shalicar, in Deutschland aufgewachsener jüdischer Autor, der in Israel für Armee und Regierung arbeitet, hat ein neues Buch herausgebracht (JR).

Von Dr. Nikoline Hansen

Ratgeber sind derzeit beliebt. Das ist verständlich, da man doch beim Lesen Erfahrungen sammeln kann ohne sie selber machen zu müssen. Sie können darüber hinaus auch kurzweilig sein und dazu dienen, sein Leben besser zu meistern und erfolgreicher zu werden.

Arye Sharuz Shalicar schreibt in seinem jüngsten Buch „Hundert Weisheiten, um das Leben zu meistern: Selbst wenn du aus dem Ghetto stammst“ erfrischend offen über seine Erfahrungen und letztendlich den erfolgreichen Verlauf, den sein Leben nahm, als er es schließlich selbst in die Hand nahm und seine kriminelle Vergangenheit hinter sich ließ. Es ist daher eines seiner Anliegen, Menschen in prekären Verhältnissen mit diesem Buch Mut zu machen. Vielen dürfte Shalicar durch seine erfolgreiche und kürzlich verfilmte Autobiografie „Ein nasser Hund ist besser als ein trockener Jude“ bekannt sein, die ebenfalls bereits durch einen lockeren und authentischen Stil besticht – ein wichtiges Dokument über jüdisches Leben und den alten und neuen Antisemitismus in Deutschland. Wer Arye Sharuz Shalicar nicht kennt, hat jetzt erneut Gelegenheit mit ihm Bekanntschaft zu schließen.

Die „hundert Weisheiten“ sind handlich – sie bringen die von Shalicar im Laufe seines abwechslungsreichen Lebens gesammelten Erfahrungen auf den Punkt und zeigen, welche Wege sich öffnen können, wenn man hinsieht und sie wahrnimmt. Das dürfte gerade für junge Menschen, die noch dabei sind ihren Platz im Leben zu finden, eine ausgezeichnete Starthilfe und Motivation sein. Perspektivlosigkeit? Gibt es nicht. Es gibt immer einen Weg, der einen weiterbringt und der einen, wenn nötig, aus der Misere führt. Das Repertoire, aus dem Shalicar schöpfen kann, ist umfangreich, sodass auch ältere Menschen mit Sicherheit noch von diesen Erfahrungen lernen können. Denn wie Shalicar schreibt:

„Ich habe viel durchgemacht. Gefühlt habe ich die Lebenserfahrung eines 120 Jahre alten Mannes. Das ist kein Scherz und keine Übertreibung.

Ich meine, wie viele Menschen kennst du, die im Alter von 43 Jahren in vier Ländern gelebt haben? Sich in fast zehn Sprachen artikulieren können? In zwei Armeen gedient haben? Von der Schule geschmissen wurden, aber das Master-Studium an einer Elite-Universität mit Auszeichnung absolviert haben? Sich vom Bandenmitglied und Straßenrowdy zum hochrangigen Regierungsmitarbeiter entwickelt haben? Früher Wände mit Graffiti beschmiert beziehungsweise angemalt haben und heute Bücher schreiben?

Dieses Buch schreibe ich nicht ohne Grund. Ich habe mein ganzes Leben Menschen beobachtet und von ihnen gelernt. Von jedem Menschen kann man etwas lernen. Wieso also nicht auch du, indem du die eine oder andere Weisheit hier aufnimmst und in die Tat umsetzt?“

 

Die Fakten sind für viele Journalisten nachrangig

Shalicar hat sich im Laufe seines Lebens nicht nur zahlreiche Fähigkeiten angeeignet, er ist auch ein engagierter Israeli geworden. Dies ist nicht zuletzt dem im Berliner Wedding erlebten Antisemitismus geschuldet. Israel ist ein Land, in dem viele Nationalitäten zusammenkommen und das ein multikultureller Schmelztiegel im besten Sinne ist – wer sich darauf einlässt, bleibt kein Fremder. Der Preis, den die Bewohner zahlen, ist phasenweise allerdings hoch. Denn der Antisemitismus macht nicht an der Grenze halt, sondern wird auf den ganzen Staat übertragen. Wer die Berichte über Israel in den deutschen Medien verfolgt, der weiß, dass sie selten ausgewogen sind. Diese Einseitigkeit ist oft erschreckend und rational nicht erklärbar. Auch Shalicar hat als Pressesprecher der israelischen Armee für Europa seine Erfahrungen damit gemacht. Durch Fakten ließen sich die Journalisten, mit denen er es zu tun hatte, nicht beeindrucken – sie nahmen sie zur Kenntnis, aber sie berichteten nicht darüber. So stellt er unter der Überschrift „In den Spiegel schauen können“ ernüchtert fest:

„Der Sommer des Jahres 2014 hat mir sehr viel beigebracht. Insbesondere, dass die Wahrheit nicht immer eine Rolle spielt, sondern welches Narrativ man verbreiten will, ganz gleich, was wirklich passiert. Das hat mich zutiefst geschockt und sehr enttäuscht.

Man könnte sagen, mein Weltbild über ‚professionelle‘ Medien bekam ein riesiges Fragezeichen verpasst.“

Aber – so sein Fazit – er habe gelernt, dass es wichtig sei, sich immer menschlich zu verhalten – um sich selbst ertragen zu können. So stellte er sich die Frage, „wie es nur drei Generationen nach dem Holocaust möglich sein konnte, dass sich ein Nachkomme des Tätervolkes in die Heimat der Juden begibt und sie dafür kritisiert, dass sie sich gegen islamistischen Terror zur Wehr setzen“ – eine Frage, die wohl unbeantwortet bleiben wird. Shalicar aber gibt nicht auf – auch das eine seiner Weisheiten, dass Durchhalten sich am Ende lohnen kann. Auch wenn es jetzt nicht mehr sein Job ist: Insbesondere auf Facebook ist er präsent und pflegt weiterhin die internationalen Beziehungen und Netzwerke, die er im Laufe seiner professionellen Karriere als Armeesprecher aufgebaut hat. Schreiben hat er zu seinem Hobby gemacht.

Doch dass das Schreiben für Shalicar nicht nur Hobby, sondern Passion und Berufung ist, merkt man auch dem soeben erschienenen Buch an. Es liest sich flüssig und authentisch. Zudem ist es klug aufgebaut, kurzweilig und hält bis zum Ende immer neue Aspekte parat, aus denen der Leser gegebenenfalls persönliche Schlussfolgerungen ziehen und lernen kann. Lesen lohnt sich in jedem Fall – nicht nur, weil man einen interessanten Menschen kennenlernt, sondern auch, weil man dabei sein eigenes Leben reflektieren und sich die eine oder andere Weisheit zu Herzen nehmen kann.

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