Meisterwerke eines Feuilletonisten

Die in Buchform veröffentlichten „Plauderbriefe“ des großen jüdischen Schriftstellers Alfred Kerr zeichnen ein einmaliges Porträt des Berlins des Kaiserreiches und der Weimarer Republik.

Von L. Joseph Heid

Im Jahre 1997 erschienen unter der Autorenschaft von Alfred Kerr (1867-1948) ein voluminöser Briefband mit dem Titel „Wo liegt Berlin? Briefe aus der Reichshauptstadt“. Herausgeber war der frühere Feuilleton-Chef der FAZ, Günther Rühle. Er hatte im Berliner Alfred-Kerr-Archiv bis dahin unbekannte Texte aus der Feder von Kerr entdeckt, die seinerzeit in der „Breslauer Zeitung“ erschienen waren. In der Breslauer Universitätsbibliothek fand Rühle dann alle Texte Kerrs für die Zeit ab Januar 1895 bis Ende 1900.

In der am 11. Dezember 1997 ausgestrahlten Kultursendung „Literarisches Quartett“ besprach der damals bekannteste deutsche Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki die Edition mit den hymnischen Worten: „Die Geschichte des deutschen Feuilletons muss neu geschrieben werden“ und nannte die Neuerscheinung ein „Meisterwerk eines Feuilletonisten“. Nicht genug des Lobes, erklärte Reich-Ranicki „Wo liegt Berlin?“ zum wichtigsten deutschsprachigen Buch des Bücherjahres. Reich-Ranickis Literaturempfehlung verfehlte ihre Wirkung nicht: Am Tag darauf gingen zehntausend Bestellungen beim Verlag ein. Und ein Jahr später war der Verlag bereits bei der vierten Auflage und bei 75.000 verkauften Exemplaren.

Wie Rühle hat sich die Literaturwissenschaftlerin Deborah Vietor-Engländer intensiv mit Leben und Werk Kerrs beschäftigt und mit ihrer grandiosen Kerr-Biografie (2016) ihrem eigenen wissenschaftlichen Leben ein Glanzlicht aufgesetzt. Das Thema Kerr bestimmte auch weiterhin ihre Forschung. Mit der von ihr herausgegebenen vierbändigen Edition „Alfred Kerr: Berlin wird Berlin. Briefe aus der Reichshauptstadt 1897-1922“ mit seinen stattlichen fast 3.000 Seiten, hat sie einen weiteren literaturhistorischen Höhepunkt gesetzt.

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