„Wir sind da! 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“

Zum neuen, außergewöhnlich umfangreichen Buch von Uwe von Seltmann

Von Matti Goldschmidt

Uwe von Seltmann, Jahrgang 1964, wurde in einer kleinen Ortschaft namens Müsen im Kreis Siegen-Wittgenstein (Nordrhein-Westfalen) mit damals rund 2.000 Einwohnern geboren. Er arbeitet heute als freier Journalist und pendelt zwischen Leipzig, Krakau und einem ungenannten „Dreihäuserdorf“ in Kroatien. Zu Seltmanns bisherigen Veröffentlichungen gehören u.a. das leider vergriffene „Schweigen die Täter, reden die Enkel“ (2004), in der er das Leben seines Großvaters Lothar von Seltmann, einem SS-Mann, der an der Niederschlagung des Warschauer Ghetto-Aufstands beteiligt war, nachzeichnet, wie auch eine weitere unter dem Titel „Es brennt“ (2018), eine Biographie über Mordechai Gebirtig, dem Vater des jiddischen Liedes.

 

Auch Czernowitz war noch deutscher Kulturraum

Bei einer Überschrift, die die Worte „jüdisch“ und „Deutschland“ enthält und einen Zeitraum von 1.700 Jahren behandeln soll, denkt ein aufmerksamer Leser sicherlich als Erstes an Definitionen. Zum einen: Was genau ist überhaupt mit Deutschland gemeint? Zumindest im vorliegenden Buch handelt es sich im Wesentlichen um die (politischen) Grenzen von 1914, was beispielsweise auch die Gebiete um Posen oder das Elsass einschließt, nicht jedoch außerhalb davon gelegene Gebiete deutschsprachiger Kultur wie etwa Prag, Wien, Budapest oder gar Czernowitz. Ist allerdings somit beispielsweise das mehrfache Erwähnen des zweifelsohne österreichischen, wenn auch deutschsprachigen Schriftstellers Stefan Zweig (1881-1942) in diesem Buch legitim? Oder Franz Kafka (1883-1924), dem (Zitat:) „böhmisch-jüdischen Weltliteraten deutscher Sprache“?

Mit der Definition von „jüdisch“ oder vielmehr „wer ist ein Jude“ ergeben sich Probleme bestenfalls ab etwa der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, denn bis dato war ein Jude eben ein Jude, orthodox im heutigen Verständnis waren sie nahezu alle. Diese innerjüdischen Probleme entstanden ausgerechnet in Deutschland (oder in Österreich mit den sog. „Taufjuden“ um 1900), setzten sich in den USA fort und sind bis heute höchstaktuell, wie die kürzliche Debatte in Israel über eine im Inland selbst erfolgte, nicht-orthodoxe Konversion zum Judentum zeigte: Acht von neun Richtern des Obersten Gerichtes in Jerusalem stimmten nämlich am 1. März ein wegweisendes Urteil. Basierend auf zwei Petitionen aus den Jahren 2005 und 2006 (sic!), verpflichtet nun das israelische Innenministerium, derartige Konversionen als Übertritt zum Judentum anzuerkennen. Sehr zum Leidwesen der Ultraorthodoxen, die von einer „Fälschung des Judentums“ sprachen und die so Übergetretenen nicht als Juden anerkennen wollen. Wer oder was ein Jude ist, ist damit immer noch umstritten.

 

Das Jahr 321

Ohne Zweifel jedoch war 321 n.d.Z. das Jahr, in dem Juden auf heutigem deutschem Territorium zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurden, und zwar in einem Edikt des römischen Kaisers Konstantin an den Stadtrat einer römischen Kolonie, erst Jahrhunderte später Colonia Agrippina genannt, woraus noch später Köln wurde. Selbst wenn anzunehmen ist, dass in südlicher gelegenen Siedlungen wie Trier, Regensburg oder Augsburg bereits vor dem Jahre 321 Juden ansässig waren. Während 1921 noch nicht annähernd an ein Jubiläum zu 1.600 Jahren gedacht wurde, erschien in jedem Fall das jetzige Jubiläum von 1.700 Jahren derart wichtig, dass ein eigens dafür gegründeter (gemeinnütziger) Verein am 21. Februar in Köln eine Festveranstaltung bzw. einen „Festakt“ organisierte, darunter mit Gästen wie dem Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Frank Walter Steinmeier, dem Präsidenten des Staates Israels, Reuven Rivlin, dem Ministerpräsidenten Nordrhein-Westfalens, Armin Laschet, oder auch Josef Schuster, dem Präsidenten des Zentrates der Juden in Deutschland. Die Deutsche Post brachte am 4. Februar eine grafisch etwas einfallslose Sonderbriefmarke mit der Wertstufe 80 Cent heraus. Insofern bietet sich zu diesem Jubiläum natürlich auch ein Buch an, in dem Matthias Schreiber, der Vorsitzende des Vereins „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ mit einem Vorwort erklärt, „Jüdinnen und Jude haben im Laufe der Jahrhunderte wesentlich dazu beigetragen, dieses Land aufzubauen und zum Blühen zu bringen“, was letztlich mit über 300 Seiten Information belegt wird.

Gleich vorneweg: Das Buch besticht trotz seines Umfanges mit seiner Kürze. Soll heißen, dass sich die große Anzahl von Beiträgen niemals als zu lange anfühlt und mit einer Vielzahl an Fakten, Jahresangaben oder Namen gespickt sind. Dabei hatte sich der Verfasser am Leitgedanken des Jüdischen Lexikons orientiert, der ersten umfassenden Darstellung der „Kultur des Judentums“ in deutscher Sprache, dessen fünf Bände Ende der 1920er Jahre in Berlin erschienen sind; mit dem Ziel, einen Einblick in „möglichst große Ausschnitte aus dem bewegten jüdischen Leben“ zu geben. Ganz konsequent sind so die meisten kürzeren Artikel in sich abgeschlossen und müssen nicht notwendigerweise hintereinander gelesen werden. Wer sich von all dem auch nur ein Viertel aller Daten merken könnte, dürfte sich aufgrund der Quantität ohne Weiteres bereits einen Spezialisten zur Thematik „Juden in Deutschland“ nennen.

 

Nur die Feinde des Judentums halten es für einen monolithischen Block

Das Buch ist in sechs Kapitel aufgeteilt, wobei man sich im ersten in der (Zitat) „Quadratur des Kreises“ übt, eine Art Standortbestimmung zu betreiben versucht und insbesondere auf Simon Dubnow und die 1929 vollendete, bis heute als Standardwerk der jüdischen Geschichtswissenschaft „Weltgeschichte des jüdischen Volkes“ verweist. Schließlich wurde auch der Münchener Schalom Ben-Chorin erwähnt, dessen Meinung nach die Vorstellung des Judentums als ein monolithischer Block „nur in den Köpfen seiner Feinde“ existiere. Im zweiten Kapitel mit der Überschrift „Gegenwartsbewältigung“ wird ein Schritt in das Heute gewagt. Der Wortkreation für „die Gegenwart zu bewältigen“ (und eben nicht nur die Vergangenheit) stammt von dem in Berlin lebenden, 1978 in Detroit (Michigan) gebürtigen Klezmor Daniel Kahn. Der Blick müsse auf die Gegenwart gerichtet sein und darf nicht auf „Vernichtung und Überleben der reichen jiddischen Kultur“ reduziert werden.

Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, ob man in Deutschland als Jude überhaupt leben könne. Natürlich kann man, auch wenn die Zahl der in den jüdischen Gemeinden registrierten Personen von einem Hoch von über 110.000 wieder deutlich zurückgeht. Die Zahl der nicht-registrierten Juden, soweit sie überhaupt von den jüdischen Gemeinden als solche anerkannt wären, ist weitaus schwieriger zu belegen, wobei von etwa 150.000 ausgegangen werden kann. Und wie immer findet man Juden in Verbindungen, Organisationen oder Parteien aller Farbrichtungen, sei es in der Gruppe „Juden in der AfD“ bis zur sich selbst als anti-rassistisch definierenden Bewegung BDS. Waren noch Jahrzehnte nach der Gründung der BRD die Koffer der Juden gepackt, um quasi „sofort“ das Land verlassen zu können, so gab es ab etwa 1990 ein Umdenken und man war bereit, die Koffer nach knapp fünfzig Jahren auszupacken. Der Anschlag von Halle allerdings mahnte zu neuer Vorsicht, meint etwa Michael Brenner: „Es ist an der Zeit zu überlegen, was wir einpacken. Noch können wir sie [die Koffer] stehenlassen, aber sie sollten bereit sein, denn der Tag, an dem wir sie brauchen, mag nicht mehr weit sein“.

 

Kein Fokus auf Weimarer Republik und NS-Zeit

Das nachfolgende Kapitel porträtiert sieben Persönlichkeiten, darunter den in Ost-Berlin gebürtigen Sänger der Band „Pankow“, André Herzberg, die in Frankfurt/Main gebürtige, durch ihr Tagebuch allseits bekannte Anne Frank oder den aus Dessau stammenden „deutschen Sokrates“ Moses Mendelsohn. Die notwendigerweise umfangreichen Kapitel 5 und 6 widmen sich schließlich dem „jüdischen Leben in Deutschland“, von seinen Anfängen über die Aufklärung bis hin zur Gegenwart. Das Streben nach Gleichberechtigung um 1800 sowie die Erlangung bürgerlicher Rechte waren im Wesentlichen eine Männersache, auch wenn es gerade vereinzelt Jüdinnen wie Rahel Varnhagen von Ense, Henriette Merz, Amalie Beer, Brendel Mendelsohn oder Dorothea Schlegel waren, die versuchten, eigene emanzipatorische Wege zu gehen. Für alle Juden galt zu dieser Zeit aber, über die Taufe den jüdischen Glauben zu verlassen, wollten sie sozialer Anerkennung beispielsweise in Form einer Karriere als Beamter den Vorrang geben. Über all das, über Stadt- und Landjuden, Neuchristen, Juden deutscher Nation, Austrittsgemeinden und vieles mehr ist in diesem Buch zu erfahren. Vollkommen angemessen ist die Blütezeit der Weimarer Republik nur kurz dargestellt, die Zeit 1933-1945 nurmehr am Rande. Darüber gibt es reichlich weiterführende Literatur und hätte das vorliegende Buch nur unnütz aufgebläht.

Die Titelseite des Buches ist graphisch etwas unspektakulär gelungen, wobei man sich glücklicherweise von der Titelseite einer Sonderausgabe des „Spiegels“ mit der Überschrift „Jüdisches Leben in Deutschland“ distanzierte, das allen Ernstes zwei orthodoxe Juden als repräsentativ für heute in Deutschland lebende Juden ansah. Ein Personenverzeichnis sowie ein Abschnitt „Textverweise“ mit Angaben verwendeter und auch weiterführender Literatur schließen dieses Buch ab.

Vermisst wurde in der sonst überwältigend umfangreichen Sammlung an Informationen vielleicht ein Punkt: Wie schaut denn eigentlich heute, im 21. Jahrhundert, das Leben deutscher Juden aus? Oft für die breite Öffentlichkeit abgeschlossen hinter hohen Mauern, meist streng bewacht von deutscher Polizei oder eigenen Sicherheitskräften, ist nicht wirklich viel von außen einsehbar. Ein Blick hinter diese Mauern hätte dem nicht-jüdischen Leser sicherlich die Augen öffnen können, werden doch neben Synagogendiensten und Feiern zu Chanukka oder dem israelischen Unabhängigkeitstag auch Kurse für alle, eben auch nicht-jüdischen Interessenten angeboten, so etwa über die Jüdische Volkshochschule der Israelitischen Kultusgemeinde in München ein Kochkurs für koschere Speisen, Hebräisch als Fremdsprache oder ein Kurs für israelische Folkloretänze. Dies entspräche eigentlich dem Anspruch der oben erwähnten „Spiegel“-Publikation, nämlich jüdisches Leben in Deutschland von heute so darzustellen, wie es wirklich ist.

Dies soll aber in keinem Fall darüber hinwegtäuschen, dass mit dem vorliegenden Buch über 340 Seiten, ergänzt durch viele Fotos, kaum umfangreicher und detailfreudiger über das jüdische Leben in Deutschland hätte geschrieben werden können, wobei eintausendsiebenhundert Jahre eine wirklich historisch anmutende Zeitspanne bedeuten.

 

„Wir sind da! 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“

Uwe von Seltmann

Erlangen 2021 (346 S., Homunculus Verlag, € 29,00)

ISBN 978-3-946120-81-0

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