Hans Rosenthals „Dalli Dalli“ wird 50 Jahre alt

50 Jahre ist es in diesem Mai her, dass die Show „Dalli Dalli“ zum ersten Mal im Fernsehen lief. Der kultige jüdische Moderator Hans Rosenthal verkörpert wie kaum ein anderer den Versuch Deutschlands nach der Schoah wieder zur Normalität zurückzukehren. Die leichte Unterhaltung verlangte ihrem Erfinder allerdings harte Disziplin ab.

Hans Rosenthal in der kultigen Dekoration von Dalli Dalli. © ZDF/ Arthur Grimm

Von Mario Thurnes

Der Samstagabend gehörte in den 70ern Hans-Joachim Kulenkampff. Der Schauspieler lud das Bildungsbürgertum ein und stellte Fragen zum Theater, den Klassikern der Literatur oder zu Stilrichtungen in der Architektur. Gekleidet war Kulenkampff wie ein Mann von Welt.

Hans Rosenthal war immer angezogen wie ein Arbeiter, der sich für den Kirchgang in seinen Sonntagsanzug zwängt. Genau das war Programm bei ihm: Einerseits nicht zu abgehoben wirken. Andererseits die Etikette erfüllen. Denn Rosenthal war ein bekennend konservativer Mensch.

„Dalli Dalli“ war nicht die Show für das Bildungsbürgertum. Hier wurden keine Fragen zu dorischen Säulen gestellt, sondern Würste in Därme gefüllt und Flüssigkeiten in dafür ungeeigneten Gefäßen transportiert. Wenn die Prominenten in der Schnellraterunde nach Dingen gefragt wurden, die im Museum zu sehen sind, warfen sie irgendwelche Begriffe in die Runde – und es spielte überhaupt keine Rolle, ob es die da wirklich zu sehen gibt. Lustig sollte es sein. Kurzweilig.

 

Das war den „Bildungsbürgern“ zu einfach

Entsprechend ätzte das Feuilleton über „Dalli Dalli“: „Jene heile Welt, in der die Bundesrepublik noch Deutschland heißt, wo man grad und schlicht redet, weil man dem Volk, den lieben Millionen Bildzeitungslesern, so richtig aufs Maul geschaut hat“, ätzte der König der zu hoch getragenen Nase, Walter Jens, unter Pseudonym in der „Zeit“.

Auch der Theaterautor Franz Xaver Kroetz nutzte in seinen Volksstücken „Dalli Dalli“ gerne als Metapher für das Leben der Arbeiter und Kleinbürger. Aus gutem Grund. Am Samstagabend saßen die Menschen vielleicht frisch gebadet und satt vorm Fernseher. Doch „Dalli Dalli“ lief am Donnerstagabend. Viele Menschen müffelten, weil sie seit fünf Tagen nicht mehr gebadet hatten und es kaum Duschen in privaten Haushalten gab. Am nächsten Tag warteten nicht Ausschlafen oder Kirchgang, sondern der nervige Chef oder die Mathearbeit.

Rosenthal wusste darum. Er sah sich als Dienstleister. Mit preußischer Härte und Entschlossenheit arbeitete er daran, dass „Dalli Dalli“ leicht und fröhlich wirkte. Nur einmal überzog er in 16 Jahren – um dafür in der nächsten Ausgabe um Entschuldigung zu bitten. Politik spielte keine Rolle. Kabarettisten wie Lore Lorentz waren die Ausnahme unter den Gästen – Sportler und Stars der leichten Unterhaltung die Regel. Als zwei Tage vor der Show die Kandidatin Sylvia Manas tödlich verunglückte, wurde die Folge nicht abgesagt – Heidi Brühl sprang am 10. Oktober 1977 ein – Show must go on.

 

Ein unauffälliger Protest zum 9. November

Nur ein Jahr später war es Rosenthal, der einen Termin verschieben wollte. Die 75. Folge von Dalli Dalli sollte am 40. Jahrestag der Pogromnacht stattfinden. Doch auch da wies das ZDF an: Show must go on. Rosenthal reagierte. In der Folge trug er Schwarz. Statt Schlager gab es klassische Musik zu hören.

Rosenthal selbst war Überlebender. 1942 starb seine Mutter an Darmkrebs. Der 17 Jahre alte Hans „Israel“ Rosenthal, wie er sich nennen musste, kam mit seinem zehn Jahre alten Bruder Gert in ein Waisenheim. Am 19. Oktober 1942 deportierten die Nazis die Kinder, brachten sie nach Majdanek und töteten sie dort – auch Gert. Hans Rosenthal ist entkommen. Der Zufall war sein Verbündeter. Als das Heim deportiert wurde, war er auf der Arbeit. Als die Fabrik deportiert wurde, auf Dienstreise. Dann tauchte er unter. Freundinnen seiner Großmutter versteckten ihn in einer Gartenlaube, riskierten die Denunziation und teilten mit ihm die rarer werdenden Lebensmittelmarken.

Rosenthal war dankbar. Er war um Versöhnung bemüht. Alles andere als einfach in einem Deutschland, das vielleicht Fehler von Hitler einräumte, vielleicht auch noch von Goebbels und Göring – aber alle anderen hatten ja von nichts gewusst und konnten sich nicht wehren oder hätten ja sonst ihr eigenes Leben riskiert. Und außerdem müsse man ja auch mal die andere Seite sehen…

In diesem Sinne wurde ein Interview zu einem peinlichen und peinigenden Zeitdokument, das Rosenthal 1981 dem Saarländischen Rundfunk gab. Der israelische Ministerpräsident Menachem Begin hatte sich zu der Zeit unglücklich geäußert. Und so wurden die Anrufe der Zuhörer, die zugeschaltet wurden, zur Anklage: Begins Aussage war ja wohl falsch und dann die Härten in der „Palästinenser“-Politik, dann noch die Aussagen und die Härten, nicht zu vergessen die Aussage und die Härten. Der Jude hatte sich vor den Deutschen dafür zu rechtfertigen. Rosenthal durchblickte das Spiel nicht. Devot entschuldigte er sich für Begin und für Härten in der „Palästinenser“-Politik, verteidigte diese – aber halt im Rückwärtsgang. Statt der von dem Moderator erhofften Versöhnung wurde das Interview so zum Ventil für das in Deutschland beliebte Ausfluchts-Topik, dass die Schoah natürlich schlimm gewesen sei, aber…

 

Ende der Schau durch Krebs

Im Herbst 1986 diagnostizierten Ärzte Krebs in Rosenthals Magen – wie bei seiner Mutter. Das ZDF setzte die Show aus. Der Moderator kämpfte. Um sein Leben, aber auch darum weiter mit aller Härte Leichtigkeit auf den Bildschirm bringen zu können. Die Zuschauer bangten, drückten ihm die Daumen und hofften, dass „Dalli Dalli“ weitergeht. Im Januar 1987 wollte Rosenthal die Show durchziehen. Die Ärzte verboten es ihm. Im Februar war er tot.

Es gab einige Versuche, „Dalli Dalli“ wieder zu beleben. Sie scheiterten. Sie mussten scheitern. „Dalli Dalli“ war Zeitgeist. War ungeduschter Donnerstag und überspielte Angst vor der morgigen Mathearbeit. War Hans Rosenthal und der Versuch, sich sein eigenes Schicksal nicht anmerken zu lassen – außer einmal, als er Schwarz trug.

Das ZDF feiert das „Dalli-Dalli“-Jubiläum. Am 15. Mai moderiert Johannes B. Kerner eine große Gala mit Gästen aus der Zeit. An den Wochenenden davor zeigt das ZDF Wiederholungen des Originals.

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


Auf den Spuren des russischen Judentums von der Zarenzeit bis zur Gegenwart

Auf den Spuren des russischen Judentums von der Zarenzeit bis zur Gegenwart

Ein Reisebericht aus dem Herbst 2021 über die jüdische Kultur in den russischen Städten Kazan und Samara. (JR)

Gunda Trepps Buch: Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus: Lernen. Wissen. Handeln.

Gunda Trepps Buch: Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus: Lernen. Wissen. Handeln.

Hollywood-Museum negiert vorsätzlich die eigene jüdische Geschichte

Hollywood-Museum negiert vorsätzlich die eigene jüdische Geschichte

David Friedmans Buch „Sledgehammer“: Wie die Trump-Diplomatie dem Nahen Osten den Frieden ein deutliches Stück näher gebracht hat

David Friedmans Buch „Sledgehammer“: Wie die Trump-Diplomatie dem Nahen Osten den Frieden ein deutliches Stück näher gebracht hat

Der ehemalige US-Botschafter in Israel David Friedman beschreibt in seinem Buch „Sledgehammer“ den Weg zum Abschluss der Abraham-Abkommen und gewährt dem Leser einen Blick hinter die Kulissen der von Deutschland und der EU massiv angefeindeten pro-israelischen Trump-Politik. (JR)

Chilly Gonzales – ein exzentrisches Genie

Chilly Gonzales – ein exzentrisches Genie

Der kanadische jüdische Piano-Virtuose erfindet die klassische Musik neu

Helen Mirren als Golda Meir: "Jewfacing" oder eine glänzende Besetzung?

Helen Mirren als Golda Meir: "Jewfacing" oder eine glänzende Besetzung?

Anlässlich der Vergabe der Rolle der Golda Meir an die nichtjüdische Oscar-Preisträgerin Mirren, entbrannte eine Diskussion darüber, wie weit die sogenannte politische Korrektheit in der Kunst gehen darf. (JR)

The Jazz Singer

The Jazz Singer

Die gelungene Integration und Emanzipation der ersten Generation jüdischer Einwandererkinder aus Osteuropa und ihr prägender Einfluss auf die amerikanische Musik- und Filmkultur.

„Leopold Tyrmand – Filip“ – Mit Chuzpe durch den Naziterror

„Leopold Tyrmand – Filip“ – Mit Chuzpe durch den Naziterror

Der polnisch-jüdische Autor Leopold Tyrmand beschreibt in seinem autobiographischen Roman „Filip“, wie er als französischer Kellner im Pariser Parkhotel getarnt, mit gefälschten Papieren, Geschick und einer gewaltigen Portion Chuzpe die Nazi-Zeit überlebte.

Durch das Jüdische Jahr

Durch das Jüdische Jahr

Ein kalendarisches Nachschlagewerk für den jüdischen Alltag sowie für die jüdischen Fasten- und Feiertage, welches die Bedeutung der „Architektur der Zeit“ im Judentum erklärt.

Scharfer Blick aus dem Exil: Chaim Noll ist „Der Rufer aus der Wüste”

Scharfer Blick aus dem Exil: Chaim Noll ist „Der Rufer aus der Wüste”

Im israelischen „Exil“ hat sich der Journalist und Autor Chaim Noll den schon in der DDR trainierten siebten Sinn für Denunziation, Lüge und Gleichschaltung bewahrt. Präzise beschreibt er, wie 16 Merkel-Jahre Deutschland unaufhaltsam zum Negativen verändert haben.

Der Rabbi und der Kommissar

Der Rabbi und der Kommissar

Michael Bergmann bringt eine neue Krimi-Reiheheraus, bei der ein jüdischer Geistlicher in Frankfurt am Main ermittelt.

Ein unerreichter, sehr jüdischer Anarchist und Humorist aus Wien

Ein unerreichter, sehr jüdischer Anarchist und Humorist aus Wien

Ein Nachruf zum 10. Todestag des großartigen österreichisch-jüdischen Sängers und Dichters Georg Kreisler

Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden