9. Mai: Die Schlachten-Übersetzerin

Die sowjetisch-jüdische Übersetzerin Jelena Kagan war im Krieg nicht nur an vorderster Front dabei, sondern lieferte auch Knochen von Hitler als Todesbeweis.

Berlin im Mai 1945: Jelena Kagan mit ihren Waffengefährten

Von Semen Kiepermann

Über Jelena Rschewskaja zu sprechen, bedeutet über ihre Generation zu sprechen. Nicht selten wird sie „Zeugin des Jahrhunderts“ genannt und das nicht nur, weil Jelena Moissejewna Rschewskaja tatsächlich nur zwei Jahre weniger als ein Jahrhundert lang lebte. Allerdings ist es auch nicht ganz korrekt, in ihr nur eine Zeugin zu sehen. Immerhin hätten die Ereignisse aus ihrem Leben einen großen Roman füllen können, und sie selbst war ein bemerkenswert aktiver Mensch.

Jelena Rschewskaja, geb. Kagan, kam am 27. Oktober 1919 in der Stadt Homel (Gomel) in Weißrußland zur Welt. Ihr Vater, Moissej Kagan, stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und war als Jurist Vorstandsvorsitzender der Allukrainischen Staatsbank. Später, während die Familie in Moskau lebte, bekleidete er das Amt eines hohen Regierungsbeamten. Jelenas Mutter Rachil Kagan war Zahnärztin.

 

Namensgebung nach einer Schlacht

Als der Zweite Weltkrieg begann, war Jelena Kagan, Studentin am Literaturinstitut und gleichzeitig am berühmten Institut für Philosophie, Literatur und Geschichte in Moskau, 21 Jahre jung. Sie sprach Deutsch und wollte daher unbedingt als Militärdolmetscherin an die Front. Im Februar 1942, mit 22 Jahren, absolvierte sie einen Spezialkurs und nahm als Dolmetscherin im Verlauf des Februars und März 1942 an ihrer ersten Militäroperation teil – an schwersten Kämpfen beim Städtchen Rschew und einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges auf sowjetischem Territorium, die vom Januar 1942 bis zum März 1943 andauerte und von Historikern als „Fleischwolf von Rschew“ bezeichnet wird. Die Schlacht erschütterte Jelena zutiefst, so dass sie sich nach diesen Ereignissen Rschewskaja nannte.

Als Militärdolmetscherin im Hauptquartier der 30. Armee verhörte Kagan Gefangene, übersetzte erbeutete Dokumente und wurde bald in den im April 1943 gegründeten militärischen Spionageabwehrdienst Smersch (Akronym, gebildet aus dem Russischen „смерть шпионам“ - zu Deutsch „Tod den Spionen“, - Anm. d. Übers.) aufgenommen.

Seit 1943 war sie an der Identifizierung von NS-Kriegsverbrechern beteiligt. Neben den „kleinen Rädchen im Getriebe“, den direkten Vollstreckern von Strafbefehlen, entlarvte sie die größeren; so enttarnte sie sechs Brandstifter und Mörder, die sowjetische Dörfer und Städte einäscherten, Zivilisten erhängten und erschossen und aktiv an Strafaktionen gegen Partisanen teilnahmen.

Jelena Kagan war ebenfalls Mitglied jener Einsatzgruppe, deren Ziel es war, den „Urheber“ dieses Krieges und des Holocausts zu finden – Adolf Hitler. Über diese Zeit vom Oktober 1941 bis zum April 1945 berichtet Jelena in ihren Büchern. Ihre Erzählungen basieren auf den Tagebüchern, die sie während des gesamten Krieges verfasste.

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