Eine Hymne an die Freiheit

Der lettisch-jüdische Komponist Don Jaffé über seine Werke

Don Jaffé lebt heute in Bremen.

Der Lebensweg des Cellisten, Komponisten und Pädagogen, in Bremen lebenden Don Jaffé ist gleichzeitig bunt und solide, voll von Abenteuern und unerwarteten Wendungen. Zusammen mit seinen Eltern konnte er vor den Nazis aus Riga fliehen und so dem Holocaust entkommen. In der Sowjetunion bekam er immer wieder den staatlichen Alltagsantisemitismus zu spüren, so dass er 1971 nach Israel ging, wo er nicht nur seine pädagogische und musikalische Karriere fortsetzen konnte, sondern das Land mit der Waffe in der Hand verteidigte.

Seit 1974 lebt Don Jaffé in Deutschland. Zunächst war er Konzertmeister bei den Berliner Symphonikern, um von 1975 bis zu seiner Pensionierung 1997 im Bremer staatlichen Symphonie-Orchester zu spielen. Aber auch danach blieb er seinen Ambitionen als Musiker treu, nämlich als Komponist. Zahlreiche seiner Werke wurden von Ereignissen der neuesten Geschichte Europas inspiriert und dienen denjenigen als eine Warnung, die dazu neigen, Fehler der Vergangenheit allzu schnell aus ihrem Gedächtnis zu verdrängen, Fehlentwicklungen, die Tragödien ganzer Völker nach sich zogen.

 

Don Jaffé hat das Glück zu sehen, dass sein musikalischer Lebensweg von seinen Nachfahren fortgesetzt wird: Sein Sohn, der Cellist Ramon Jaffé, trägt Sorge für die Werke des Vaters und leitet seit über 25 Jahren das Musikfestival in Hopfgarten im Brixental (Österreich). Für diese Tätigkeit bekam Ramon den Großen Tiroler Adler-Orden in Silber verliehen. Don Jaffés 22-jährige Enkeltochter Serafina spielt ebenfalls die Kompositionen ihres Großvaters. Mit acht Jahren begann sie, Cello zu spielen und mit 12 die Harfe. 2017 gewann sie den ersten Preis im Wettbewerb „Jugend musiziert“ und bekam darüber hinaus noch vier weitere Preise.

Anlässlich seines 88. Geburtstags am 24. Januar hatte ich die Möglichkeit, mit Don Jaffé und seiner Ehefrau Elza über seine künstlerische Lebensgeschichte zu sprechen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Ihre Werke für Cello sind äußerst eindrucksvoll. Sie zeigen Ihr tiefstes Verständnis der musikalischen Ausdruckskraft dieses Instruments und vermitteln dies überzeugend dem Zuhörer, wie beispielsweise in Ihrer allerersten Komposition „Passionen“. Wie ist dieses Werk entstanden?

Don Jaffé: An dieser Stelle ist besonders wichtig anzumerken, dass ich meine Musik schreibe ohne nachzudenken, denn ich habe Komposition nicht studiert. Zwar hatte ich natürlich eine grundlegende Vorstellung von den Formen musikalischer Werke. Jedoch war es eher ein Zufall, dass ich zu komponieren begann. Eines Tages, kurz von meiner Pensionierung, spielten wir in einem Konzert zeitgenössische Musik. Als wir die Bühne verließen, fragte mich ein Kollege, unser Erster Posaunist, ob mir das gerade Gespielte gefallen habe. Ich gab zu, dass mir dieses Werk nicht gefiel. Der Posaunist erwiderte: „Versuch‘ selbst, Musik zu schreiben, dann wirst du sehen, wie schwierig das ist!“ An diesem späten Abend, zuhause angekommen, kam mir der Gedanke: „In der Tat, warum sollte ich nicht ausprobieren zu komponieren? Vielleicht ein Solo für Cello? Aber zu welchem Thema?“ Die politische Situation in der Welt war zu dieser Zeit sehr angespannt, die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Staaten groß; man machte sich Gedanken darüber, wohin das führen und wie das enden könnte. Und plötzlich war es so, als würde ich eine Musik hören, die in mir ertönte. Fieberhaft begann ich, sie aufzuschreiben. In dieser Nacht schrieb ich den ganzen ersten Teil meiner Sonate „Passionen“. Die Form beschäftigte mich nicht im Geringsten.

Meine Gedanken waren bei den Weltereignissen, und jedes Mal ertönte in mir die Musik. Ich verstand nicht, wie es kam. Am Morgen spürte ich: Etwas Interessantes ist entstanden. In der nächsten Nacht schrieb ich den zweiten Teil der Sonate – darüber, dass uns der Dritte Weltkrieg drohe, wenn die Menschen ihr Verhalten nicht ändern würden. Und ich dachte auch, dass jemand das Ganze beobachtet – und wer könnte es sein? Der Tod, natürlich. Der Tod triumphiert, wenn er im Falle eines Krieges zu tun bekommt. Ich stellte mir vor: Das wird sein Tanz sein, sein Frohlocken, der Tod jubelt darüber, was die Menschen nach all ihren Streitigkeiten imstande sind zu tun. Und so ergab sich der dritte Teil der Sonate, ich habe ihn in derselben Nacht geschrieben.

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