Ein KZ in Afrika

Ein Tagebuch erhält derzeit große Aufmerksamkeit. Während des Zweiten Weltkriegs schrieb es der in einem libyschen Konzentrationslager inhaftierte Jude Josef Dadusch. Besondere Beachtung fand das Schicksal dieses KZ-Insassen bei arabischsprachigen Nutzern der Sozialen Netzwerke, die sich nun eine Übersetzung in die arabische Sprache wünschen.

Der italienische Diktator Benito Mussolini
© WIKIPEDIA

(Israelnetz) Ein Beitrag, der den Holocaust libyscher Juden ins Rampenlicht rückt, weckt großes Interesse unter den Nutzern in der arabischen Welt. Das israelische Außenministerium hatte am 27. Januar zum Internationalen Holocaust-Gedenktag auf seiner Facebookseite die Neuerscheinung eines Buches beworben.

Den Hauptteil des Buches stellt ein Tagebuch dar. Dieses hat Josef Dadusch heimlich geschrieben, als er während des Zweiten Weltkriegs im Konzentrationslager Jadu inhaftiert war. Dadusch habe das Buch „unter den Augen der italienischen und nationalsozialistischen Wachen in einem Lager geschrieben, das 1942 in der Wüste südlich von Tripolis betrieben wurde“, berichtet die israelische Tageszeitung „Yediot Aharonot“.

Der Post habe 2.500 Kommentare und knapp tausend Likes aus Libyen, Ägypten, Marokko, anderen arabischen Ländern und den „palästinensischen“ Gebieten erhalten. Die Nutzer forderten eine Übersetzung des Buches ins Arabische.

Dadusch hat sich dem Bericht zufolge über bestehende Verbote hinweggesetzt und das Tagebuch jede Nacht geschrieben, mit Bleistift auf dünnem Papier. Bis zu seinem Tod habe es unentdeckt in einem seiner Schränke gelegen. Durch Schimmel- und Fettflecken seien Teile der Schrift unlesbar gewesen und sein Sohn habe vier Jahre gebraucht, um es zu entziffern und aus dem Italienischen ins Hebräische zu übersetzen.

Einblick in unbekannten Lageralltag

Das Tagebuch gibt einen Einblick in den Lageralltag und die dort verübten Gräueltaten. Es thematisiert die Vertreibung der Juden aus ihren Häusern in Bengasi, den Transport in das Konzentrationslager sowie die Haftzeit im Lager. Daduschs Beschreibungen geben einerseits einen Eindruck von Terror, Hunger, Krankheit und Tod. Andererseits betonen sie den entschlossenen Widerstand der Gefangenen in Jado gegen Misshandlung, Demütigung und Todesgefahr, die zum Alltag gehörten.

Dadusch beschreibt die Beerdigung seiner an Typhus verstorbenen kleinen Tochter Ada. Mit seinen Händen hatte er dafür inmitten der Wüste die Grube gegraben.

 

Reaktionen aus der arabischen Welt überraschen

„Die Welle der Reaktionen hat mich überrascht“, zeigte sich der Autor des Buches, Schlomo Abramovitsch, erfreut. Es habe auch Hasskommentare gegeben, „doch die waren zu erwarten. Dass es in der arabischen Welt mehrere Tausend Likes für eine Holocaust-Geschichte gibt, und Dutzende Menschen den Beitrag geteilt haben, ist faszinierend.“

Der Autor sagte weiter: „Historische Untersuchungen und Hunderte von Zeugnissen zeigen, dass es gute Beziehungen zwischen Juden und Arabern in Ländern wie Libyen, Marokko, Ägypten, Irak und anderen gab.“ Bereits in einem früheren Buch, das er über das libysche Judentum geschrieben habe, sei er auf Zeugnisse von Muslimen aus Tripolis und anderen Ländern gestoßen, die Juden als Brüder betrachteten und sich gegen Unruhen gegen Angriffe auf sie aussprachen.

Abramovitsch ist überzeugt, dass dies erst der Anfang einer größeren Welle ist: Dass Israel mehr und mehr Friedensverträge mit arabischen Ländern schließt, führe zu einer neuen Realität im Nahen Osten. „Wir hören immer offenere Aussagen von Nutzern aus arabischen Ländern, die sich für Israel und für ein Gedenken des Holocaust aussprechen.“ Auch das Tagebuch aus Jadu und die Informationen über die Juden von Libyen trügen zu einer anderen Haltung bei. „Langfristig wird das zu einer veränderten Stimmung in der Region führen.“

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