Ein kleines Denkmal der Gottesliebe

Der fränkische Künstler Siegfried Schwinn baut die 1938 zerstörte Synagoge seiner Heimatgemeinde im Kleinformat in sechs Monaten mit Holzstäben nach. Es ist für ihn Erinnerung und konstruktiver Beitrag zum Jubiläumsjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

Hobbykünstler Siegfried Schwinn präsentiert in Miniatur die ehemalige Synagoge im fränkischen Bad Königshofen, die er aus rund 2000 kleinen Hölzern gefertigt hat. © Josef Kleinhenz

Von Josef Kleinhenz

Hobbykünstler Siegfried Schwinn aus dem fränkischen Sylbach bei Haßfurt setzte für ein Modell der Synagoge von Bad Königshofen im Landkreis Rhön-Grabfeld Holzstäbchen auf Holzstäbchen. Der gelernte Fabrikarbeiter erinnert mit seinem Werk an das kulturelle Erbe jüdischer Mitbürger in seiner Heimat, denn der Originalbau war in der Reichspogromnacht am 10. November 1938 teilweise zerstört und nach dem Krieg abgetragen worden. Die Miniatur-Synagoge und das Bemühen um das Aufarbeiten der Geschichte sind ein konstruktiver Beitrag zum diesjährigen Motto „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.

Dank Siegfried Schwinn steht die verschwundene Synagoge wieder als Modell zur Verfügung, um damit die Bedeutung jüdischer Kultur zu würdigen. Als der 71-Jährige loslegte, um das Original im Maßstab 1:100 nachzubilden, zeigte sich deutlich: Gekonnt beherrscht der gelernte Fabrikarbeiter die Kunst seines Handwerks.

Der Hobbykünstler achtet bei der Auswahl seiner Werke darauf, dass Gotteshäuser, Kapellen und andere Gebetsstätten nicht fehlen. Denn sie prägen die religiöse Kultur in Franken.

So war es nicht verwunderlich, dass er sich auch der Synagoge in Bad Königshofen annahm, die seit 70 Jahren aus dem Stadtbild verschwunden ist. Zumindest kann sich die heutige Generation unter der früheren Synagoge in der Stadt wieder etwas vorstellen.

 

Vermessungsarbeit

Der Rentner macht seine Arbeit nicht oberflächlich. Er misst zunächst an Ort und Stelle den Grundriss des Objektes aus. Seine Frau Gisela unterstützt ihn. Sie stellt sich mit einem drei Meter langen Zollstock vor das Bauwerk. Der Künstler macht ein Foto davon, womit er die Höhe des Gebäudes abschätzen kann. So erspart er sich eine mühevolle Vermessung, wenn es etwa um Kirchen, Schlösser, Burgen und mehr geht.

Bei der Synagoge war es anders. Weil sie nicht mehr an Ort und Stelle existiert, musste Siegfried Schwinn auf historische Bilder zurückgreifen. Zur Verfügung stand ihm zudem eine Luftaufnahme. Das war die Basis für den Nachbau, vor dessen Verwirklichung freilich ein manchmal kaum zu übersehendes Maß an Arbeit stand.

Von 1903 bis 1904 war die Synagoge im neugotischen Stil erbaut und 1929 renoviert worden. Im Krieg diente sie als Unterkunft für australische Kriegsgefangene. An die im Ersten Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten von Königshofen erinnert eine Gedenktafel.

Die Synagoge wurde beim Pogrom am 10. November 1938 jedoch von den Nationalsozialisten im Innenraum zerstört. Später war das leere Gebäude von Privatleuten erworben worden, um etwa 1951 – nach Genehmigung der Israelitischen Kultusgemeinde – die Mauern abzutragen und an gleicher Stelle eine Autoreparaturwerkstatt zu eröffnen.

 

Nur noch ein Stein

Heute erinnert nahe dem ehemaligen Standort ein Gedenkstein der Stadt an die Synagoge. Sie weist auf ein trauriges Kapitel der Geschichte, auf die Verfolgung und Leiden ihrer jüdischen Mitbürger hin. Die Historie erzählt, dass deren Zahl um 1900 in der Stadt stark angestiegen sei. „Zuerst war ein Betsaal vorhanden, der zur jüdischen Gemeinde Königshofen im Grabfeld gehörte“. Der Betsaal habe sich bis 1904 in einem Haus in der Rathausstraße befunden, bevor die Synagoge ihrer offiziellen Bestimmung übergeben worden sei.

Ein Gedenkstein erinnert an die ehemalige Synagoge in Bad Königshofen und an die Verfolgung jüdischer Mitbürger. 
© Josef Kleinhenzr

 

Glaubensdenkmal

Beim Weihe-Akt würdigte der damalige Spitalpfarrer Dr. Frank das im neugotischen Stil errichtete Bauwerk: „Die israelitische Gemeinde wird es gewiss niemals bereuen, aus eigenen Kräften den Bau hergestellt zu haben. Diese Synagoge ist ein bleibendes Denkmal ihres Glaubens und ihrer Gottesliebe. Ich glaube keinem Widerspruch zu begegnen, wenn ich sage, dass der geschmackvolle, elegante, formgerechte Bau es auch verdient, ein Schmuck für Königshofen und eine Zierde des ganzen Grabfeldgaus genannt zu werden“.

Siegfried Schwinn stellte sich der Herausforderung, die Synagoge in akribischer Weise im Modell nachzubauen. Heute zeigt sich die Synagoge im Kleinformat als hübsches Bauwerk. Sie hebt die Bedeutung jüdischer Kultur hervor und hat einen Ehrenplatz im örtlichen Museum gefunden.

Die Synagoge gehörte zu seinen wenigen Auftragsarbeiten, die in diesem Fall der Verein für Heimatgeschichte im Grabfeld erteilte, so Schwinn. Nicht jede Bauphase des Modells gestaltete sich einfach: „Schwierig war zum Beispiel die Imitation der Rundbogenfenster, letztlich konnte ich sie aber maßgerecht in den Bau integrieren“, erzählt der Hobbykünstler.

 

Tausende Hölzer

Mehr als 2000 kleine Bastelhölzer hat der Rentner für das Bauwerk gebraucht. Bei anderem Baumaterial müsse er kreativ werden: „Fenster fertige ich allgemein mit Kunststoff und Balsaholz. Bei Fachwerk-Bauteilen verwende ich rote Farbe, damit auch alles originalgetreu aussieht“. Größtenteils Sperrholz verwendet Siegfried Schwinn für den Unterbau der Objekte. Auch Streichhölzer kommen zum Einsatz, teils bereits verwendete. Dazu kommen Schere, Messer und viel Klebstoff. Am Ende nimmt der Hobbykünstler zufrieden sein Miniatur-Bauwerk der Synagoge in die Hand, um es stolz zu präsentieren.

 

Zeitlose Arbeit

„Meine Arbeitsstunden habe ich noch nie gezählt“, sagt Schwinn auf die Frage nach der Zeit, die er für seine Werke im Schnitt benötigt. Bei der Synagoge investierte der Hobbykünstler nach eigenem Bekunden ein halbes Jahr an Arbeitszeit. Er habe allerdings mehrere Pausen gemacht, zumal es nicht ganz einfach gewesen sei, alle Holzelemente formgerecht zu platzieren. Oft saß Schwinn schwitzend vor dem Objekt, um Details originalgetreu ins richtige Licht zu rücken.

Zum Vergleich: Für das Wasserschloss Unsleben in der Rhön, das zur Reihe seiner Werke gehört, habe er rund drei Monate gebraucht. Damit war er vergleichsweise schnell fertig. „Es macht freilich einen Unterschied, ob ich täglich durchgehend arbeite oder wie bei der Synagoge größere Pausen einlege“, sagt der Künstler.

Zu seinem Hobby war Siegfried Schwinn 1975 eher durch Zufall gekommen. Bei einer schlesischen Familie in Sylbach entdeckte er eine Windmühle. Sie faszinierte ihn so sehr, dass er sie unbedingt im Kleinformat nachbauen wollte. Das Ergebnis gefiel ihm, so dass er sich bestärkt sah, später auch die Synagoge in Bad Königshofen im Modell zu errichten.

Mittlerweile entstanden rund 20 filigrane Meisterwerke von Schlössern, Burgen und Kirchen. Wichtig sei ihm, dass sich Menschen über sein Handwerk freuen. Wenn seine Arbeit wertgeschätzt werde, dann sei dies für ihn eine Anerkennung und damit der größte Lohn seiner Mühen.

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