Der unangepasste EKa

Ein außergewöhnliches Leben verdient eine außergewöhnliche Biographie. Der deutsch-jüdische Mediävist Ernst Kantorowicz, in der Weimarer Republik ein Star in intellektuellen Kreisen, geriet nach seiner Emigration aus Nazideutschland in Vergessenheit. Dank der neuen Biografie des amerikanischen Mittelalterhistoriker Robert E. Lerner erlebt der 1963 in New Jersey verstorbene Ernst Kantorowicz ein Revival.

Von Filip Gaspar

Die Biographie von Ernst Kantorowicz (1895–1963), einer der vielleicht schillerndsten intellektuellen Persönlichkeiten, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht haben, verfasst vom amerikanischen Historiker Robert E. Lerner, liegt dank der grandiosen Übersetzung von Thomas Gruber endlich auch auf Deutsch vor. Kantorowiczs Freunde gaben ihm den Spitznamen EKa, den auch sein Biograph Lerner übernimmt. Aufgrund der ambivalenten Persönlichkeit EKas und seiner weitgefächerten Interessengebiete, schien es eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, eine wissenschaftlichen Maßstäben genügende Biographie zu verfassen.

Geboren als Spross einer wohlhabenden deutsch-jüdischen Likörfabrikantenfamilie im damals zu Preußen gehörenden Posen, kam er in den Genuss einer exzellenten Ausbildung. Obwohl die Familie sich als gläubig bezeichnete, verzichtete EKa auf eine Bar-Mitzwa, wenngleich er sich dennoch nicht als Atheisten betrachtete. Zum Ende seines Lebens hin bevorzugte er als Selbstcharakterisierung statt „jüdischen Glaubens“ die Bezeichnung „jüdische Descendenz“. Das Judentum betrachtete er in erster Linie als Abstammungsgemeinschaft.

 

Wegen Polen weg aus Posen

Nach der Annexion durch Polen 1918 sah sich die Familie gezwungen nach Deutschland überzusiedeln. Als Kriegsfreiwilliger erlebte er die Schützengräben von Verdun, war dann als Übersetzer bei der Osmanischen Armee tätig; später bekämpfte er die Spartakisten, wurde in den George-Kreis aufgenommen, begann eine vielversprechende Hochschulkarriere in Deutschland, kritisierte öffentlich das Nazi-Regime, wurde in der „Reichskristallnacht“ versteckt und floh über die Niederlande und Großbritannien in die USA der McCarthy-Zeit, wo er zwar seine universitäre Laufbahn fortsetzen konnte, sich das Leben aber dennoch unnötig schwer machte, weil er den Loyalitätseid verweigerte. Man ahnt, dass es eine Menge aus dem facettenreichen Leben von EKa zu erzählen gibt; Lerner tut dies, ohne vorzugreifen, in chronologischer Ordnung.

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