1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland: „Die jüdische Gemeinde in Halberstadt war doch etwas ganz Einzigartiges“

Die Stadt Halberstadt am Harz war einst ein bedeutendes jüdisches Zentrum – das Berend-Lehmann-Museum stellt diese Geschichte vor.

Von Dr. Joseph Heid

Die Stadt Halberstadt ist eine Kreisstadt des Landkreises Harz in Sachsen-Anhalt. Obwohl vier Wochen vor Kriegsende im April 1945 durch einen Luftangriff zu mehr als 80 % zerstört und danach über Jahrzehnte wieder oder neu aufgebaut, hat sie kulturgeschichtlich einiges zu bieten. Der aus dem 13. Jahrhundert stammende Halberstädter Dom mit seinem Domschatz, um nur ein markantes Beispiel zu nennen, ist ein architektonisches Juwel.

Während des Zweiten Weltkrieges richtete die SS im Stadtgebiet von Halberstadt mehrere KZ-Außenlager ein, darunter 1944 im Junkers-Werk an der Harslebener Straße ein Außenlager des KZ Buchenwald für 400 bis 900 Häftlinge, die dort Zwangsarbeit leisten mussten.

Bedeutsam ist die jüdische Geschichte der Stadt Halberstadt, die, ausgestattet mit einem bischöflichen Schutzprivileg, im 13. Jahrhundert ihren Ausgang nahm – viel Tradition und Gelehrsamkeit: Die in ihrem barocken Baustil 1712 vom Hofjuden Berend Lehmann (1661 – 1730) gestiftete Synagoge in der Bakenstraße mit einer Mikwe zählte zur Zeit ihrer Entstehung zu den schönsten Europas. Darüber hinaus stiftete Lehmann ein Wohn- und Studierhaus („Klaus“), das zum Mittelpunkt der Talmud-Studien in Brandenburg/Preußen wurde. Halberstadt ist einer der wenigen Orte in Deutschland, an denen ein nahezu komplettes Ensemble von baulichen Zeugnissen an die jüdische Tradition der Stadt erinnert und deren museale Gegenstände im Berend-Lehmann-Museum ein angemessenes Domizil gefunden haben. Im 19./20. Jahrhundert war Halberstadt ein Zentrum der Orthodoxie. Sowohl der Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands als auch der Landesverband jüdischer Gemeinden hatten hier ihren Sitz.

Im Dienste August des Starken

Der Halberstädter Bankier, Münzagent, Heereslieferant sowie Verhandlungsdiplomat Lehmann, dem im vorliegenden Ausstellungskatalog ein eigenes Kapitel gewidmet ist, wirkte als Hoffaktor hauptsächlich für August den Starken. Dank seines kulturellen Engagements war Lehmann um 1700 eine in Mittel- und Osteuropa berühmte jüdische Autoritätsperson.

Der Schriftsteller Sammy Gronemann, Jurist und Zionist in einer Person, war von seinem Vater, dem Hannoveraner Rabbiner Selig Gronemann, zum Talmud-Studium an der Halberstädter Klaus geschickt worden, da er dies als erquickliche Vorbereitung für dessen Jurastudium ansah. In seinen „Erinnerungen“ schildert Sammy Gronemann die Atmosphäre in Halberstadt: „Die jüdische Gemeinde in Halberstadt […] war doch etwas ganz Einzigartiges. Eine Hochburg der Orthodoxie, hielt sie sich doch frei von Fanatismus und Weltfremdheit. Es vereinte sich dort das Streben nach jüdischem Wissen mit Verständnis für moderne Kultur“. Gronemann betonte zugleich, selten so viele originelle Menschen – womit er Juden meinte – angetroffen zu haben wie in Halberstadt. Damit spielte er wohl nicht zuletzt auf Esriel Hildesheimer an, einer der bedeutendsten Vertreter der Neo-Orthodoxie, der Mitte des 19. Jahrhunderts in Halberstadt gewirkt und sich bemüht hatte, das gesetzestreue Judentum auf eine neue Grundlage zu stellen.

Während des November-Pogroms 1938 wurde die Halberstädter Synagoge durch die Nationalsozialisten geplündert und alle Thorarollen wurden auf der Straße verbrannt. Da das Gotteshaus eng in die bestehende „arische“ Fachwerkbebauung eingebunden war, vermied man die Brandschatzung und zwang die jüdische Gemeinde, ihre Synagoge eigenhändig und auf eigene Kosten abzureißen. Am 23. November 1942 wurden die letzten noch verbliebenen Mitglieder der jüdischen Gemeinde deportiert.

Berend Lehmann ließ 1703 die Klaus-Synagoge im Rosenwinkel als Wohn- und Studierhaus für drei jüdische Gelehrte erbauen. Im ehemaligen Rabbinerseminar der Klaus-Synagoge ist heute eine Internationale Begegnungsstätte mit vielfältigem Tagungs-, Seminar- und Veranstaltungsprogramm entstanden. Auch beherbergt dieses Gebäude das Berend-Lehmann-Museum sowie die 1995 gegründete Moses-Mendelssohn-Akademie und wird für Ausstellungen genutzt. Die Akademie vermittelt einer breiten interessierten Öffentlichkeit Kenntnisse über Grundlagen des Judentums und jüdische Geschichte und Kultur, die weit über das Lokale hinausgehen.

Keine Orgel

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde das bestehende Gebäude der Klaus modernisiert und um einen angrenzenden Neubau ergänzt. In dessen Erdgeschoss wurde eine Lehrerwohnung eingerichtet und im ersten Stock ein Beth HaMidrasch, ein Studierzimmer mit Bibliothek, an das ein über zwei Stockwerke reichender Gebetsraum anschloss. Im Zuge dieser Baumaßnahmen wurden die vor der Klaus gelegenen Vorderhäuser abgerissen. Nun war sie nicht mehr ein verborgenes Hinterhaus. Dieser Umbau lässt sich als Ausdruck selbstbewussten Judentums verstehen: In Zeiten der Judenemanzipation wollte man sich nicht länger abschotten, sondern sich zeigen. Jüdische Religion sollte wie andere Religionsbekenntnisse integraler Teil der Gesamtgesellschaft sein.

Als in den 1870er Jahren nach einem Brand eine Renovierung der barocken Gemeindesynagoge notwendig wurde, fand auch jetzt eine Orgel, wie sie in Reformgemeinden üblich geworden war, keinen Einzug. Dafür nahm ganz selbstverständlich an der Nordwand der Synagoge das mit dem preußischen Adler geschmückte Gebet für den Landesherrn einen zentralen Platz ein.

Die Judengasse in der DDR

In der DDR fiel das Immobilieneigentum der jüdischen Gemeinde Halberstadt an die Kommune und wurde von der städtischen Wohnungswirtschaft verwaltet. Die Klaus wurde in kleine Wohnungen aufgeteilt und in den 1960er Jahren war hier eine Besen- und Pinselfabrik ansässig. 1952 wurde die Dachkonstruktion der Sukka der ehemaligen Rabbinerwohnung entfernt. Das Tauchbecken der Mikwe in der Judenstraße wurde verfüllt. An die Halberstädter Juden erinnerten nur noch zwei Straßennamen: Die Judengasse, die während der NS-Zeit in „Krumme Gasse“ umbenannt worden war, erhielt ihren alten Namen zurück und eine neue Straße wurde nach dem sozialdemokratischen Arzt Dr. Moritz Crohn benannt.

Die im Frühjahr 2021 eröffnete Dauerausstellung unter dem Namen „Koscher, Klaus & Kupfer“ ist an zwei Orten des ehemaligen jüdischen Gemeindezentrums zu sehen: Im ehemaligen jüdischen Lehrhaus – hier sind Exponate des Halberstädter Judentums zu besichtigen – und im Mikwen-Haus (in der Judenstraße) wird die bis ins 13. Jahrhundert zurückreichende, wechselvolle Geschichte der Juden in Halberstadt im Kontext der jüdischen Geschichte im europäischen Raum erzählt – autobiografische Texte, Dokumente, Fotos, auch profane und rituelle Objekte aus Halberstädter jüdischen Familien. Der sachsen-anhaltinische Ministerpräsident Reiner Haselhoff hat im Zusammenhang mit der Ausstellung zurecht an einen treffenden Satz Heinrich Heines erinnert, der einmal sagte: „Der heutige Tag ist ein Resultat des gestrigen. Was dieser gewollt hat, müssen wir erforschen, wenn wir zu wissen wünschen, was jener will“.

Jutta Dick ist Direktorin der Stiftung Moses Mendelssohn-Akademie, Kuratorin der Dauerausstellung „Koscher. Klaus & Kupfer“ und zeichnet auch für den höchst informativen Begleitband zur Ausstellung verantwortlich. Nach dem Gang durch die Ausstellung wird dem Besucher die sinnstiftenden, alliterierenden „K“s bewusst – Koscher und Klaus. Aber warum Kupfer?

Koscher, Klaus & Kupfer. Berend-Lehmann-Museum Halberstadt. Begleitband zur Ausstellung. Hrsg. im Auftrag der Moses Mendelssohn Akademie v. Jutta Dick, Quintus Verlag, Berlin 2021, 152 S., 20 Euro.

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