Entnazifizierungsgeschichten: Ein grandioses Scheitern?

Über die zum Teil sehr ungewollte und missglückte deutsche Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit in der frühen Nachkriegszeit

Ausfüllen von Fragebögen in der britischen Zone zur Entnazifizierung bei Hamburg (1945)© WIKIPEDIAP

Von Dr. Joseph Heid

Auf ihrer Konferenz in Jalta im Februar 1945 und dann auf der Potsdamer Konferenz im August 1945 hatten die Alliierten beschlossen, das besiegte Großdeutsche Reich umfassend zu demokratisieren und zu entmilitarisieren. Ihr wichtigstes Ziel war die Auflösung der NSDAP und der ihr angeschlossenen Organisationen. Die Siegermächte wollten herausfinden, in welchem Ausmaß die deutsche und österreichische Gesellschaft – Kultur, Presse, Ökonomie, Justiz und Politik – in das System des Nationalsozialismus eingebunden und verstrickt gewesen war. Das verordnete Programm zielte auf eine politische Umerziehung und ist unter der Bezeichnung „Entnazifizierung“ in die Nachkriegsgeschichte eingegangen. Es war dies eine einmalig ehrgeizige Idee, wie es ebenso ein grandioses Scheitern war. Gescheitert ist die Entnazifizierung vor allem deshalb, da sie von einer Mehrheit der Deutschen als eine willkürliche Maßnahme der Besatzungsherrschaft gesehen und scharf ablehnt wurde. Die Deutschen waren nach 1945 grosso modo nicht bereit, sich mit der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Die Entnazifizierungsmaßnahmen betraf die deutsche Nachkriegsgesellschaft in ihrer Gesamtheit, die sich der politischen Vergangenheit stellen musste. Millionen Deutsche waren behördlich aufgefordert, Antworten auf Fragen nach der eigenen NS-Vergangenheit zu geben. Die administrative Überprüfung machte den Deutschen nachdrücklich klar, in welcher Machtordnung sich Nachkriegsdeutschland mit einem Male befand. Die Alliierten hatten von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, dass es ihr übergreifendes politisches Ziel war, die Nachwirkungen der NS-Herrschaft zu beseitigen. Aber es gab darüber hinaus weitere Motive.

 

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Den Alliierten ging es bei ihrem Entnazifizierungskonzept weder um die „Umerziehung“ der Deutschen, noch um die juristische Bestrafung ihrer Unterstützung des Nationalsozialismus oder gar die Beteiligung an den Verbrechen, wie immer wieder behauptet wird. Das sagt die Historikerin Hanne Leßau in ihrer Studie über die „Entnazifizierungsgeschichten“. Die breit angelegte Überprüfung der Deutschen auf ihre jeweilige Rolle im Nationalsozialismus sei in erster Linie sicherheitspolitisch motiviert gewesen und sollte vor allem dafür sorgen, dass der Aufbau einer demokratischen Nachkriegsordnung nicht durch den Einfluss von (ehemaligen) Nationalsozialisten in den Schlüsselstellungen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft torpediert wurde.

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