An den Leser der Zukunft!

Im Winter 1943/44 beschlossen fünfzehn jüdische Journalisten und Schriftsteller eine Enzyklopädie über das Leben im Ghetto Łódż anzufertigen. Dieses ursprünglich polnisch- und jiddischsprachige Werk erscheint nun erstmals in deutscher Sprache.

Von Theodor Joseph

„Das Zusammenleben einer Gruppe von Menschen unter einem äußeren Zwang ohne den bewussten Willen, eine Schicksalsgemeinschaft zu bilden, brachte mit der Zeit Formen hervor, die eben nur auf dem Boden des Gettos möglich waren. Der Alltag erfordert gewisse Normen des Arbeitens und Existierens“. Mit diesen wohl gesetzten, sachlichen, auf Deutsch geschriebenen Sätzen beginnt Dr. Oskar Rosenfeld (1884-1944), der bekannteste Chronist des Ghettos Łódż, sein Vorwort zu seinem Bericht der „Enzyklopädie des Gettos“ in Łódż, das die Nazis in „Litzmannstadt“ umbenannt hatten. Rosenfelds Textpassage schließt mit dem Satz: „Nirgends in der Welt gab es eine Gemeinschaft von Menschen, die mit der des Gettos verglichen werden könnte“. Ein Satz wie in Stein gemeißelt in seiner Verzweiflung – und Poesie.

Das Original dieses Textes befindet sich im YIVO-Institute for Jewish Research. Das „Yidisher visnshaftlekher institut“ ist das wohl bedeutendste Institut zur Erforschung der Kulturgeschichte des osteuropäischen Judentums und der jüdischen Emigration nach Amerika. Es hat heute seinen Hauptsitz in New York City und ist Mitglied des Center for Jewish History. Die vorliegende Enzyklopädie ist eine zentrale Quelle zur Geschichte der Verfolgung der europäischen Juden, über den „Krepierwinkel Europas“ wie Oskar Rosenfeld das Ghetto in Łódż bezeichnet hat.

Das „Archiv des Ältesten der Juden“ in Łódż war eine kleine Abteilung in der umfangreichen Ghetto-Verwaltung, in der etwa fünfzehn Journalisten und Schriftsteller (unter ihnen nur eine Frau) arbeiteten, die im Winter 1943/44 den Entschluss fassten, ein enzyklopädisches Großprojekt auf den Weg zu bringen. Nachdem sie über drei Jahre hinweg eine tägliche Chronik erstellt hatten, die sie konsequent an den „Leser der Zukunft“ richteten, wollten sie ihre Geschichte noch einmal in einer anderen Textform überliefern. Ihr ehrgeiziges Ziel war es, über 1.200 Einträge zu verfassen, die Personen und Institutionen beschreiben sollten, vor allem auch die Sprache der Zwangsgemeinschaft. Das war unter den obwaltenden Umständen ein kühner Plan, und da sie sich angesichts des Vernichtungswillens der Deutschen über ihr Schicksal keine Illusionen machten, war es auch ein Wettlauf gegen die Zeit.

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