Nach Anschlag von Halle: Wie die Stadt Mainz künftig die Sicherheit ihrer jüdischen Gemeinde gewährleisten will

„Es genügt nicht, wenn jetzt wohlfeile Phrasen ausgetauscht werden, es muss Konkretes passieren.“ Das ist die deutliche formulierte Forderung des Sprechers des Bündnisses „Mainz für Israel“, Robert Herr, auf einer Mahnwache in Mainz nach dem Anschlag auf die Haller Synagoge am Jom Kippur 2019. Die Stadt hat nun reagiert und die Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Mainz auf neue Beine gestellt. Wieso das nötig war, erklärt Robert Herr im Gespräch mit der JÜDISCHEN RUNDSCHAU.

Robert Herr vom Bündnis "Mainz für Israel"

Von Mario Thurnes

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Die Stadt Mainz regelt ihr Verhältnis zur Jüdischen Gemeinde mit einem Vertrag und unterstützt ihre Arbeit mit 90.000 Euro im Jahr. Die Neue Synagoge steht seit zehn Jahren und der Gemeinde ist es mit Veranstaltungen geglückt, sie ins gesellschaftliche Leben einzubeziehen. Ist in Mainz die Welt mehr in Ordnung als in anderen Städten?

Robert Herr: Das Gleiche haben die Menschen in Halle vermutlich auch gedacht. Doch die traurige Realität ist: Jüdisches Leben, egal wo es stattfindet, ist mit einem Risiko verbunden. Dieses Risiko muss man einpreisen. Deswegen ist es auch richtig, dass ein Teil der 90.000 Euro ausdrücklich für die Sicherung des jüdischen Lebens vorgesehen ist. Und wir haben in Mainz ja auch schon gesehen, dass die Welt so heil auch hier nicht ist.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Inwiefern?

Robert Herr: 2014 ist es hier bei einer Demonstration zu schweren antisemitischen Entgleisungen gekommen. Dann hat es nicht mal einen Monat nach Eröffnung der Neuen Synagoge einen Brandanschlag gegeben, der aber nicht als antisemitisch verbucht worden ist, weil er – so die offizielle Wertung – als Anschlag auf den Baum vor der Synagoge gewertet wurde. Und dann gibt es bei entsprechenden Umfragen zu antisemitischen Potenzialen Ergebnisse, die erkennen lassen, dass in Deutschland unter allem ein antisemitisches Grundrauschen liegt.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Sind das neue Phänomene oder eine Fortsetzung des Antisemitismus von vor 40 oder 70 Jahren?

Robert Herr: Es ist das Unfassbare am Antisemitismus, wie wandelbar er ist. Man schlägt ihm einen Kopf ab und es wachsen sieben neue nach. Mittlerweile gibt es Verschwörungstheorien, die kommen ganz ohne Juden aus – und trotzdem schwingt der Antisemitismus immer unterschwellig mit. Bei der Mafia in Sizilien gibt es das Sprichwort: Wer verstehen will, versteht. Und so ist es auch mit antisemitischen Anspielungen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Hilft ein Bekenntnis wie das der Stadt Mainz im Kampf gegen Antisemitismus oder rückt es das Thema wieder in den Mittelpunkt?

Robert Herr: Eine einfache Gegenfrage wäre: Soll man es deshalb nicht machen? Weil es die falschen Leute hinter dem Ofen hervorlocken würde? Jüdisches Leben kann und sollte natürlich auch gefördert werden. Das betrifft auch die Bedingungen des jüdischen Lebens – und da gehört Sicherheit als Aspekt dazu. Gerade die Geschichte der mittelalterlichen SchUM-Städte Mainz, Worms und Speyer sollte uns da eine Lehre sein.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Inwiefern?

Robert Herr: Im Mittelalter gab es hier am Rhein eine große, blühende jüdische Kultur von Weltrang. Die wurde im 14. Jahrhundert fast von einem auf den anderen Tag durch gewalttätige Pogrome beendet. Angestoßen durch eine Pandemie, die Pest. Verschwörungstheoretische Prediger sind durchs Land gezogen und haben versucht, den Juden das Leid in die Schuhe zu schieben. Dieses Vorgehen hat auch funktioniert. Heute sind es vegane Köche, die so argumentieren – und da funktioniert es auch. Damit wären wir wieder bei der Wandelbarkeit des Antisemitismus.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Glauben Verschwörungstheoretiker wirklich, dass hinter Corona Juden stecken? Oder ist das eine Propaganda-Masche, die sie anwenden?

Robert Herr: Ich habe dieses Feld nicht erforscht und daher nur meine private Vermutung: Es ist wie in der Geschichte „Der Drache in meiner Garage“, in der behauptet jemand, in seiner Garage lebe ein Drache. Als seine Freunde das nachprüfen wollen, sagt er nacheinander, man könne den Drachen nicht sehen, nicht hören und auch nicht anfassen. Er hat also seine Geschichte bewusst so angelegt, dass sie sich nicht widerlegen lässt. Und weil sie sich nicht widerlegen lässt, kann er an sie glauben. Auch wenn er im tiefsten Kern vermutlich weiß, dass sie nicht stimmt.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Wozu?

Robert Herr: Wir leben in einer Welt, die gefährlich ist und schwer zu verstehen. Auch leben wir in einem Universum, das sich für uns nicht interessiert. Da ist es schwer zu akzeptieren, dass schlimme Dinge, wie eine Pandemie, einfach passieren. Einfacher zu verstehen und zu ertragen ist es dann, wenn man eine Geschichte hört, die einem erklärt, wie es geschehen ist – und warum. Das befreit uns von einer Angst, die keiner gerne fühlt.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Den Antrag in Mainz haben fast alle Fraktionen zusammen eingebracht, auch im Bündnis sind fast alle Parteien vertreten? Hilft es, dass das Bündnis so breit aufgestellt ist?

Robert Herr: Ja, das hilft, klar zu machen, dass es kein parteipolitisches Anliegen ist, das wir vertreten. Das macht es für uns einfacher, sich für die Sache einzusetzen und diese durchzusetzen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Hoffen Sie auf eine Signalwirkung durch den Mainzer Beschluss?

Robert Herr: Ich hoffe, dass er diese Signalwirkung hat. Bei den „Ruhrbaronen“ habe ich gelesen, dass es in Dortmund eine ähnliche Vereinbarung gibt. Ich hoffe, dass es Schule macht und die Städte nicht erst reagieren, wenn sie gezwungen sind. Auch hoffe ich, dass es Leute ermutigt, sich für das Thema einzusetzen und nicht an dem Trugschluss zu verzweifeln, dass in der Politik ja nichts zu erreichen sei.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Sondern?

Robert Herr: Dass ich etwas bewegen kann, in dem ich Vorträge durchführe, Bildungsarbeit leiste oder Demonstrationen organisiere. Und dass es nicht nutzlos ist, sondern sich etwas verändern kann. Es gibt viele Möglichkeiten dazu. Man muss dazu nicht mal selber etwas auf die Beine stellen. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft oder die Bündnisse gegen Antisemitismus in vielen Städten bieten viele Möglichkeiten, sich zu organisieren.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Vielen Dank für das Gespräch!

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