Görlitz und der Davidstern

Ein Gespräch mit Alex Jacobowitz, dem engagierten Gründer der „Jewish Community of Görlitz“, einem Gemeindeverein, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, jüdischer Kultur und Religion in Görlitz wieder neues Leben einzuhauchen.

Alex Jacobowitz
© Gregor Zielke

Nun sprechen wir mit Alex Jacobowitz, Musiker und engagierter Gründer der „Jewish Community of Görlitz“, einem Gemeindeverein, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, kulturell wie religiös geprägtes jüdisches Leben in der Stadt Görlitz wieder neues Leben einzuhauchen.

 

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Herr Jacobowitz, Sie sind in New York geboren und haben als Musiker schon große Teile der Welt bereist.

Jacobowitz: Das ist richtig.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Was hat Sie nach Berlin und – in der Folge – nach Görlitz verschlagen? Und was hat Sie dazu gebracht sich dort für den Wiederaufbau der Synagoge und die Wiederbelebung jüdischen Lebens einzusetzen?

Jacobowitz: Ich habe Ende 2002 in Berlin viel von der Kreativität, der Freiheit, aber auch der Traditionen und Kultur wiedergefunden, die ich im New York der 80er Jahre genossen habe. Nach Görlitz bin ich erstmals 2008 gekommen, auf eine Einladung von jüdischen Bekannten aus Berlin, die sich für die Synagoge einsetzten, aber nach Unterstützung in dieser Sache suchten.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Die Stadt Görlitz ist seit vielen Jahren Eigentümer der Synagoge. Warum hat es Ihrer Meinung nach in dieser langen Zeit bislang nicht geklappt, die Nutzung der Synagoge als Gotteshaus wieder in den Fokus der politischen Diskussion zu rücken?

Jacobowitz: Ursprünglich wollte die Stadt Görlitz die Synagoge nicht kaufen. Der damalige Besitzer, die Görlitzer jüdische Gemeinde, wurde 1940 ausgelöscht. Nach dem Krieg haben die Sowjets schließlich die Synagoge der kleinen jüdischen Gemeinde in Dresden überschrieben. Doch mit damals nur wenigen Gemeindemitgliedern und einer Entfernung von 100 Kilometern, hatte die Dresdner Gemeinde 1963 beschlossen die leerstehende Synagoge durch die Jewish Claims Conference an die Stadt Görlitz zu veräußern. Auf diese Weise konnten zumindest die jüdischen Überlebenden des Holocaust noch eine finanzielle Entschädigung erhalten, und für die Stadt Görlitz war das Problem eines herrenlosen Gebäudes inmitten der Stadt auch gelöst. Jedoch wurden ohne eine bestehende jüdische Gemeinde mitsamt der ablehnenden Haltung des DDR-Regimes allen Religionen gegenüber, keinerlei Entscheidungen getroffen, wie mit dem Gebäude zu verfahren sei. Die damalige jüdische Gemeinde benötigte zwischen 1909 und 1911 nur zwei Jahre, um die Synagoge zu bauen, und ein halbes Jahrhundert später (zwischen 1963 bis etwa 2004) wusste die Stadt Görlitz als neuer Besitzer noch immer nicht, was sie damit anfangen sollte.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Ist die jetzt geplante Nutzung als Kulturforum wirklich eine adäquate Antwort auf das historisch lebendige, jüdische Leben in Görlitz? Wie könnte Ihrer Meinung nach eine mögliche Kombination aus Synagogennutzung als Gotteshaus in Verbindung mit einer Nutzung als Kulturraum aussehen?

Jacobowitz: Die Görlitzer Synagoge besteht eigentlich aus zwei Synagogen: dem großen Kuppelsaal für ca. 550 Beter sowie der kleinen Wochentagssynagoge, mit Platz für ca. 50 Beter. Wenn die Synagoge am 6. Dezember 2020 wieder eröffnet wird, soll es ausreichend Platz geben für ca. 300 Besucher im Kuppelsaal. Es ist meine Hoffnung – mit der Jewish Community of Görlitz – die Wochentagssynagoge als festen Bestandteil nutzen zu dürfen. Nicht nur für unsere bescheidenen Bedürfnisse, sondern für alle Menschen – Juden wie Nicht-Juden – die in der Synagoge einen Raum des Gebets, der Meditation, Ruhe und Versöhnung finden können. Es finden im Moment noch immer Gespräche mit dem Betreiber (KulturService) statt, ob die kleine Synagoge als Künstlergarderobe, Instrumentenlager oder ähnliches genutzt werden soll. Das hoffen wir natürlich nicht.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: In Görlitz haben sich sowohl der „Förderkreis Görlitzer Synagoge, e.V.“, dessen Stellvertretender Vorsitzender Sie einmal waren, als auch die von Ihnen gegründete Gemeinde „Jewish Community of Görlitz“ als Verein als Ziel gesetzt, jüdisches Leben und die dortige Synagoge zu fördern. Wie würden Sie Gemeinsamkeiten und Abgrenzungen definieren?

Jacobowitz: Wir hoffen auf eine langfristige und respektvolle Zusammenarbeit. Die Nutzung der beiden Synagogen sollte für die betroffenen Seiten zu keinem Konflikt führen. Das Programm und das Angebot des Förderkreises – ebenso wie anderer möglicher Nutzer – wird sich von dem der JGG unterscheiden. So wird der Förderkreis z.B. die Wochentagssynagoge verwalten, die JGG wird einen Gottesdienst organisieren. Es soll niemals ein „entweder/oder“, sondern immer ein „sowohl/als auch“ sein.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Sie betonen, dass Sie sich zukünftig eine etablierte Nutzung der kleinen Synagoge als Wochentagssynagoge wünschen. Welche Chancen würde dies für die Synagoge und die Stadt Görlitz eröffnen, und könnten Sie unseren Lesern noch einmal den Unterschied zwischen der Wochentagssynagoge und dem großen Kuppelsaal erläutern?

Jacobowitz: Wir gehen davon aus, den großen Kuppelsaal nur sehr selten für einen Gottesdienst zu benötigen, wenngleich dies immer wieder vorkommen kann. Wir möchten die Gelegenheit nutzen, authentische jüdische Themen zu präsentieren, sei es eine Einführung in das religiöse jüdische Brauchtum oder die traditionellen jüdischen Künste und Kunsthandwerke an einem authentischen Ort. Die JGG (in Zusammenarbeit mit den jüdischen Gemeinden im Umkreis) wird ein einzigartiges und authentisches Programm anbieten.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Bis zuletzt wurde um das Wiederanbringen des Davidsterns auf dem Dach der Synagoge gerungen. Nun scheint entschieden worden zu sein, ihn wieder auf der Kuppel anbringen zu wollen. Warum ist dem Ihrer Meinung nach eine solch komplexe Diskussion vorausgegangen?

Jacobowitz: Es gibt in Görlitz – sowie dem Rest der Welt – eine Auseinandersetzung darüber, an was erinnert wird und wie erinnert wird. Noch wichtiger ist die Frage, wer über diese Fragen entscheidet. Wir denken, dass eine solche Entscheidung am besten gemeinsam getroffen wird, wie auch die Frage, ob ein Davidstern wieder auf der Spitze der Kuppel angebracht werden soll. Dieser meterhohe Davidstern war über der gesamten Stadt sichtbar, weshalb er von den Nazis in der Kristallnacht niedergerissen wurde. Doch was ist mit den Davidsternen über dem Haupteingang, dem Seiteneingang und dem Kuppelsaal? Diese wurden durch das DDR-Regime entfernt. Diese sollten gleichwertig im Sinne des Denkmalschutzes wieder angebracht werden. Oder sollen die Menschen nur an die Zerstörung der Nazis, nicht aber an die Vernachlässigung und Verwahrlosung der DDR-Führung erinnert werden? Die Wiederinstandsetzung der Synagoge ist ein sehr langsamer und mühsamer Prozess. Alte Missverständnisse, falsche Vermutungen müssen abgeschafft werden, und das kann nur im Dialog mit der jüdischen Gemeinde erfolgen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt wurden diese Gespräche vielleicht zu 10 % mit Juden gesucht. Die toten jüdischen Seelen sollten auch endlich ihre Stimmen erheben dürfen.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: In der von Ihnen gegründeten Facebook-Gruppe: „Conflict - the Görlitzer Synagogue“ werben Sie für weitere Unterstützer, um die Görlitzer Synagoge zu einem Ort deutscher, jüdischer und polnischer kultureller Verbindung zu etablieren. Wie könnte eine solche Vision konkret aussehen?

Jacobowitz: Natürlich ist die Synagoge – nur 300m von der polnischen Grenze entfernt – ein idealer Ort, nicht nur um Antisemitismus zu thematisieren und aufzuarbeiten, sondern ebenso ein Leben in friedlicher Co-Existenz aufzuzeigen. Wie geht man mit den Nachrichten über Judenhass und Fremdenfeindlichkeit um, ohne auch mit Juden darüber sprechen zu können? Wie kann man mit den Nachkommen der ausgewanderten Görlitzer Juden ins Gespräch kommen, um mehr Frieden in die Gesellschaft zu bringen? Ich denke nicht, dass Deutschland einzigartig ist, wenn es um das Problem Judenhass geht. Die Synagoge soll auch für Polen jüdischer Herkunft in Westschlesien ein Ort des Gebets werden. Man schätzt, dass ca. 25 % der polnischen Bevölkerung auf die ein oder andere Weise jüdische Wurzeln haben. In Deutschland liegt der geschätzte Anteil bei 10 %. Wo können diese Menschen ihre eigene (oder verlorene) Identität besser wiederfinden als in der Görlitzer Synagoge?

Unsere kleine jüdische Gruppe ist nicht Eigentümer der Synagoge, aber wir können sie mieten, wie andere Nutzer auch. Und als Juden unterschiedlicher Strömungen hoffen wir im Sinne einer Zusammenarbeit auf konstruktive Gespräche: z.B. mit dem Bündnis gegen Antisemitismus in Dresden und Ostsachsen e.V.. Wir möchten Begegnungen schaffen, mit Polen und Deutschen, gläubigen und nicht-gläubigen oder atheistischen Besuchern.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Die jüdische Gemeinde in Görlitz, die in Form eines Vereins, des „Jewish Community of Görlitz, e.V.“ eingetragen ist, hat aktuell etwa 20-30 Mitglieder. Glauben Sie daran, dass es möglich ist, mit entsprechender Unterstützung seitens der politisch Verantwortlichen jüdisches Leben in Görlitz neu etablieren und wachsen zu lassen?

Jacobowitz: Ich glaube fest daran, dass religiöses Leben nicht von Politikern entschieden wird. Aber eine Zusammenarbeit ist wichtig, um Vorurteile abzubauen. Ich habe so viel mehr Vertrauen in den OB und den jetzigen Stadtrat gewonnen. Künftige Entscheidungen unseres Vorstands sollen langfristige Ergebnisse von internen Gesprächen werden. Jeden Tag ein Schritt nach vorne…

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Antisemitische Angriffe auf Synagogen gibt es hierzulande leider immer wieder. Gibt es ein Sicherheitskonzept, mit dem man versuchen wird, dem vorzubeugen, so dass alle Synagogenräume unbeschwert von Besuchern und Vereins-(Gemeinde)mitgliedern genutzt werden können?

Jacobowitz: Der OB hat mir versprochen, dass ein Sicherheitskonzept für die Synagoge entwickelt werden wird, ohne mir weitere Details mitzuteilen. Als vor zwei Monaten Werkzeuge im Wert von 12.000 Euro entwendet wurden, hat mich dies verständlicherweise etwas beunruhigt. Ich hoffe, dass der Stadtrat, der OB, die Polizei und die zuständigen Behörden einen zeitnahen und gründlichen Plan erstellen werden. Im Judentum hat die Rettung menschlichen Lebens höchste Priorität – dieser Wert wird hoffentlich in dem neuen Sicherheitskonzept bedacht werden. Menschen zu schützen hat in meinen Augen eine höhere Wertigkeit als die Anbringung eines Davidsterns.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Nach langjähriger Renovierung soll die Synagoge nun am 6. Dezember dieses Jahres feierlich als Kulturforum wiedereröffnet werden. In der darauffolgenden Woche werden Sie dort am 13. Dezember ein Konzert mit einem eigens von Dr. Alan Bern komponierten Stück geben. Welche Bedeutung messen Sie diesen Festivitäten bei?

Jacobowitz: Wissen Sie, Musik erreicht Sphären in unserer Seele, die nicht mal dem Gebet offenstehen. So steht es in der jüdischen Mystik geschrieben. Ich hoffe mit meiner Musik eine Art eines intimen jüdischen Gottesdienstes in der Synagoge – für Juden und Nicht-Juden – erschaffen zu können.

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Sie berichten, dass es zahlreiche Nachfahren früherer Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Görlitz gibt, welchen die Entwicklung der Gemeinde ein Herzensanliegen ist. Gibt es Möglichkeiten, mit denen sich auch Leser unserer Zeitung unterstützend einbringen könnten?

Jacobowitz: Sehr gerne. Die neue Jüdische Gemeinde erreichen Sie unter

juedische.gemeinde.goerlitz@gmail.com

Die Adresse lautet: JCG Parkstraße 1, #14

02826 Görlitz

JÜDISCHE RUNDSCHAU: Herr Jacobowitz, vielen Dank für das Gespräch.

 

Das Interview führte Silke Schröder.

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