Keine Provokation: Scharons Besuch vor 20 Jahren auf dem Tempelberg und der von langer Hand geplante Ausbruch der zweiten Intifada

Bis heute wird vorsätzlich die Behauptung lanciert, der damalige israelische Oppositionsführer Scharon habe mit seinem Besuch auf dem Tempelberg die „Al-Aksa-Intifada“ ausgelöst. Doch der Plan für die brutalen „palästinensischen“ Mordangriffe auf Israelis lag in Wirklichkeit schon lange in der Schublade.

Ariel Scharon mit Begleitern auf dem Tempelberg© AWAD AWAD , AFP

Von Ulrich W. Sahm

Es gibt wohl kein zweites allseits bekanntes Ereignis in der Geschichte Israels, das so viele falsche Mythen erzeugt hat, wie der „provokative“ Besuch des damaligen Oppositionschefs Ariel Scharon auf dem Tempelberg in Jerusalem am 28. September vor genau 20 Jahren. Er wird meist fälschlich als Grund des Ausbruchs der „2. Intifada“ bezeichnet, die PLO-Chef Jassir Arafat später propagandagerecht „Al-Aqsa-Intifada“ nannte, nach der bekannten Moschee, die dort zu Beginn des 8. Jahrhunderts nach Christus auf den Ruinen einer christlichen Basilika erbaut worden war.

Wer keinen Grund hat, sucht einen Anlass

Zwei historische Dokumente bezeugen einwandfrei, dass Scharons Besuch zwar als willkommenes Zeichen für den Ausbruch des erneuten blutigen Aufstandes der „Palästinenser“ benutzt wurde, tatsächlich aber der Beschluss zur „Intifada“ lange zuvor gefasst wurde: Zum einen gibt es den von den USA angeordneten Untersuchungsbericht des demokratischen Senators George Mitchell, der den Mythen widerspricht. Zum anderen gibt es einen ausführlichen Zeitungsartikel von Marwan Barghuti, der damals die rechte Hand Arafats war und mit der Organisation des Aufstandes betraut worden war. Dieser Artikel ist also ein Zeugenbericht aus erster Hand.

Warum Arafat nur noch einen Anlass für die „Intifada“ brauchte, ist schnell erzählt: Am 25. Mai 2000 war der letzte israelische Soldat aus dem Südlibanon abgezogen worden, nach einer Besatzungszeit von 18 Jahren. Den Befehl dazu hatte der damalige Premierminister Ehud Barak gegeben. Schon im Mai 1999 hatte er versprochen, dass innerhalb eines Jahres kein israelischer Soldat mehr im Libanon stationiert sein würde. Möglicherweise ließ sich Barak von einer Bewegung namens „6 Frauen“ leiten, die den Abzug wegen der vielen Toten unter den Soldaten infolge von Attacken der Hisbollah-Miliz gefordert hatte. Im Schnitt ging es um 23 gefallene Soldaten pro Jahr. Der Beschluss Baraks stieß auf ein sehr positives Echo in der Bevölkerung Israels, wo jeder tote Soldat betrachtet wird, als sei es der eigene Sohn.

Der Vorsitzende der „Palästinensischen Befreiungsorganisation“ (PLO) hingegen interpretierte den Rückzug auf seine eigene Weise. Laut Barghuti war Arafat erfreut, dass die Israelis sich allein wegen 23 toten Soldaten pro Jahr aus strategisch wichtigen Stellungen zurückziehen. Für ihn war klar: Wenn sie wegen zwei Dutzend Toten freiwillig den Libanon räumen, dann bräuchte man ihnen nur noch mehr Tote zu verursachen, damit sie sich auch aus den übrigen besetzen Gebieten zurückziehen, speziell dem Westjordanland. Das war der Grund für Arafats Beschluss, eine zweite, möglichst blutige „Intifada“ losbrechen zu lassen.

Aufstand lag in der Luft

Noch vor den Friedensverhandlungen im Juli 2000 hat Arafat bei einer Veranstaltung in Nablus den geplanten zweiten Aufstand angedroht, falls die Israelis Konzessionen und speziell einen Rückzug aus dem Westjordanland bei den bevorstehenden Verhandlungen in Camp David verweigern sollten. Im Laufe jenes Sommers liefen auch schon die Vorbereitungen auf Hochtouren. Immer wieder filmten die BBC und andere Medien, wie junge „Palästinenser“ für Angriffe auf israelische Stellungen übten, etwa indem sie zu Trainingszwecken einen Hügel eroberten, auf dem ein Stuhl mit israelischem Fähnchen stand.

Das bevorstehende Ereignis eines weiteren Aufstandes lag also in der Luft. Die israelische Regierung hätte die Möglichkeit gehabt, diese konkreten Vorbereitungen zu stoppen oder wenigstens öffentlich zu machen. Doch Barak und seine Berater weigerten sich, diese Vorgänge zur Kenntnis zu nehmen.

Einen Anlass für den Ausbruch der „Intifada“ lieferte dann die israelische Innenpolitik. Im Juli hat Barak in Camp David den „Palästinensern“ angeblich große Versprechen gemacht, sowohl territorial wie auch in Jerusalem auf dem Tempelberg. Das schmeckte dem rechtsgerichteten Oppositionschef Scharon überhaupt nicht. Er kündigte Proteste und Demonstrationen gegen die Politik des Regierungschefs an.

Besuch war mit den „Palästinensern“ abgesprochen

Als Scharon erklärte, in dem Rahmen der Demonstrationen auch den Tempelberg, eine heilige Stätte des Islam, besuchen zu wollen, gab es Bemühungen, das wegen befürchteter Unruhen zu verhindern. Ein Jerusalemer Gericht konfrontierte Vertreter der „Palästinenser“, darunter den „Jerusalem-Minister“ Faisal Husseini, mit den Besuchsplänen Scharons.

Die „Palästinenser“ versprachen, persönlich auf dem Tempelberg zu erscheinen und dafür zu sorgen, dass nichts passiert. Den Richtern blieb also keine Wahl, als dem Demonstrationsrecht Scharons nachzugeben. Sie genehmigten die Kundgebung des Oppositionschefs, da nicht mit einer „öffentlichen Ruhestörung“ zu rechnen sei. Und so erschien Scharon am 28. September auf dem Tempelberg, angeblich in Begleitung von 1.000 Polizisten „zu seinem Schutz“. Augenzeugen berichten, dass Husseini und andere offizielle „Palästinenser“ sich mit Abstand auf dem Berg aufhielten. Nach einem kurzen Rundgang verließ Scharon wieder das Gelände, ohne dass es zum geringsten Vorfall gekommen wäre, also weder Steinwürfe noch Schüsse.

Barghuti schrieb später, dass diese „Provokation“ von Scharons Besuch wie ein Gottesgeschenk gekommen sei. Und tatsächlich starteten die Unruhen einen Tag später, am Freitag, dem 29. September, nachdem der Mufti von Jerusalem in der Al-Aksa-Moschee eine aufhetzende Predigt gehalten hatte. Diese war das Zeichen für die Jugendlichen, mit Steinwürfen gegen die Polizisten auf dem Tempelberg loszugehen. Die reagierten mit Tränengas und scharfen Schüssen. Es war der Auftakt der „Intifada“, die schnell eskalierte.

Israelische Militärkreise zählten in den nächsten fünf Jahren 4.862 Kassam-Raketen und Mörsergranaten, 939 Panzerfäuste und 15.485 Angriffe mit Gewehren. Hinzu kamen 126 Selbstmordattentate, 2.453 Explosionen von Sprengsätzen und 2.101 Granaten. 250 Attentate mit Messern und Versuche, Israelis mit Autos zu überfahren, wurden gezählt. Bei so genannten „gezielten Tötungen“ (Liquidierungen) wurden 74 „palästinensische“ Terroristen getötet.

Urteile gegen Attentäter in USA und Israel

Es gibt bis heute keine einheitliche Statistik über die Opfer auf beiden Seiten, aber noch Jahre später beschäftigen sich die Gerichte mit den Folgen des Terrors: Ein US-Bundesgericht in New York verurteilte im Februar 2015 die „Palästinensische Autonomiebehörde“ (PA) und die PLO wegen Attentaten in Israel zur Zahlung von umgerechnet rund 192 Millionen Euro an Opfer aus den USA. Die Geschworenen befanden die Angeklagten am Montag wegen sechs Anschlägen zwischen 2002 und 2004 für schuldig. Bei den Anschlägen hatte es insgesamt 33 Tote und mehr als 390 Verletzte gegeben. Elf Opferfamilien hatten vor dem Bundesgericht auf Schadenersatz geklagt.

Das Bezirksgericht in Jerusalem sprach am 8. Juli 2019 die PA und die PLO für 17 Terrorattacken während der „Zweiten Intifada“ schuldig. Sie seien mitverantwortlich für die Taten von Terror-Organisationen wie der Hamas und dem Islamischen Dschihad.

Das Urteil belege, dass die Intifada kein Volksaufstand gewesen sei, sondern ein absichtlicher und geplanter Krieg gegen die israelische Zivilbevölkerung, sagte die Vertreterin der geschädigten Familien, Nitzana Darschan-Leitner. Begründet wurde das Urteil damit, dass die PA und die PLO keine staatlichen Organe und somit bei Schadensersatzforderungen nicht durch Immunität geschützt seien. Sie hätten Stipendien an gefangene Terroristen bezahlt und getötete Attentäter verherrlicht, indem sie etwa Straßen, Schulen und öffentliche Plätze nach ihnen benannt haben. Die Autonomiebehörde habe außerdem die Waffen für die Erschießung der Zivilisten finanziert. Die PA soll für 40 Prozent der Kompensationen aufkommen, die Täter für den Rest. Bei den verhandelten 17 Terrorattacken wurden 34 Israelis getötet und sieben verletzt.

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