Aussichtslosigkeit und tieferer Sinn – der jüdische Widerstand im KZ Auschwitz-Birkenau

Der Jahrestag des Aufstandes der Mitglieder des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau am 7. Oktober 1944 ist ein Anlass, um an jüdischen Widerstand und jüdisches Heldentum in Auschwitz zu erinnern.

Rudolf Vrba ist einer der wenigen, denen die Flucht aus Auschwitz-Birkenau gelang.
© WIKIPEDIA

Von Pavel Polyan

Der Aufstand der Mitglieder des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau am 7. Oktober 1944 ist zweifellos der Höhepunkt des jüdischen Widerstands und des jüdischen Heldentums während des Holocausts. Als direkte Träger des Hauptgeheimnisses des Dritten Reiches waren die Mitglieder des Sonderkommandos a priori sogar noch mehr dem Tod geweiht als die Menschen, die sie verbrannten. Aber es gab keine klaren Anweisungen, das Sonderkommando auszuwechseln – sagen wir alle vier oder sechs Monate –, sonst hätten die Deutschen sie strikt ausgeführt, und bei den Aktionen selbst hätte es eine strengere wiederkehrende Abfolge gegeben, als es sie tatsächlich gab.

Im Übrigen gab es nach Angaben des Auschwitz-Kommandanten Rudolf Höss jedoch eine bestimmte Anweisung von Adolf Eichmann, nach der in Folge einer jeden großen Aktion die ordentlichen Mitglieder des „Sonderkommandos“ aufgelöst werden mussten. Das Wort „groß“ war ihre Rettung, denn das Kaliber der jeweiligen Aktion wurde an Ort und Stelle bestimmt. Die Aktionen wurden jedoch zur täglichen Routine, und es machte keinen Sinn, erfahrene Fachleute auf diese Weise gegen ungeschulte Leute einzuwechseln. Im Gegenteil, die Intensivierung der „Aktionen“ erforderte sogar zusätzliche Arbeitskräfte. Die Deutschen wussten ihre Erfahrung natürlich zu schätzen – die Lebenden waren für sie immer noch nützlicher als die harmlosen Toten; und für die Ausbildung der Neuankömmlinge inmitten der Überforderung durch die Eliminierung ungarischer Juden gab es keine Zeit und sie war zudem auch zu aufwendig.

Und wenn doch Rotationen, d.h. Massenwechsel von „Sonderkommandobeständen“, stattfanden, dann aus völlig anderen Gründen und zeitlich absolut unvorhersehbar. Das Wichtigste war, dass diese Bedrohung jeden Tag, jede Stunde und jede Minute über ihnen hing.

 

In Sobibor hatte die Flucht geklappt

Daher auch die Taktik und Strategie des „Sonderkommandos“ selbst – einen Moment auszuwählen, zu rebellieren, den Ofen und das Gas zu deaktivieren, den Draht durchzuschneiden und den Grenzen des Lagers zu entfliehen, und dort ... dort ging es in die Freiheit! Zum Beispiel in die Tatra, zu den Beskiden. Zu den Partisanen! Mit anderen Worten, es war die massenhafte und erfolgreiche Flucht, die ein würdiges Ziel des Aufstands zu sein schien. Selbiges geschah auch in anderen Todeslagern – in Treblinka und Sobibor.

Erfolgreiche Fluchtversuche wurden zu einer Rettung für Einzelne, aber mit der Zeit entstand und verstärkte sich eine Rebellion, die möglichst vielen Gefangenen die Flucht ermöglichen sollte. Diese passierte dann tatsächlich – nämlich am 7. Oktober 1944 – am Tag des Aufstandes des jüdischen Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau.

Deshalb ist es höchst skrupellos, sowohl Fluchten als auch Rebellionen herunterzuspielen mit Aussagen wie: Ja, sie wollten „ihre eigene Haut retten!“ Ja, sie wollten „nur“ weglaufen – als ob andere Rebellionen darauf abzielten, Berlin einzunehmen.

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