Das Pazifismus-Paradoxon: Warum ausgerechnet Pazifismus nicht selten zum Krieg führt

Zum 90. Geburtstag des israelischen Nobelpreisträgers Robert Aumann, einem Berater der Regierung seines Landes und Vertreter einer stets verteidigungsbereiten Politik.

Robert Aumann 2005 bei der Verleihung des Wirtschafts-Nobelpreises durch den schwedischen König Carl XVI. Gustaf.
© SVEN NACKSTRAND , AFP

Von Jurij Pereversev

Israel Robert John Aumann, Mathematiker, Preisträger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften 2005, ehemaliger Präsident der israelischen mathematischen Union, Preisträger des Israel-Preises, ist in Frankfurt am Main in eine jüdisch-orthodoxen Familie hineingeboren, die zwei Wochen vor der Reichspogromnacht 1938 vor dem Naziregime in die USA geflohen ist.

Er studiert und promoviert am Massachusetts Institute of Technology (MIT). 1956 siedelt Aumann, inzwischen eine anerkannte Größe in seinem Fach, nach Israel über. Er zieht nach Jerusalem und übernimmt eine Professur an der Hebräischen Universität.

Als religiöser Zionist schreibt er eine Reihe von halachischen Kommentaren zu wirtschaftlichen und juristischen Aspekten des Talmuds. Ausgehend von diesen Nachforschungen nutzt Professor Aumann die Methoden seines Faches und kommt zu dem Schluss, dass Konflikte verschiedenster Art bestimmten mathematischen Modellen folgen, deren Vernachlässigung unausweichlich zum Fiasko führt. Er ist davon überzeugt, dass „die Ergebnisse verschiedenster Wettbewerbe und Streitigkeiten zwischen Völkern und Ländern einer mathematischen Analyse unterworfen werden können.“ Und seine Methode der mathematischen Analyse hat sich bestens in der großen Politik bewährt. Nicht umsonst wurde Aumann in der Zeit des Kalten Krieges von den USA als Berater des Rüstungskontrolldienstes eingeladen. Und nicht umsonst warnt Aumann die Teilnehmer der renommierten internationalen Herzliya-Konferenz – internationale Politiker, Diplomaten und Generäle:

„Wir haben zwei tödliche Bedrohungen für Israel erwähnt, die mit Atomwaffen zu tun haben: die direkte und die indirekte. Aber es gibt noch eine dritte Bedrohung, die wesentlich gefährlicher ist. Sie geht weder von Iran, noch von irgendwelchen Terrorgruppen aus, nicht einmal von außen. Ihr Ursprung sind wir selbst. Das Paradoxon ist, dass die Politik von Hamas völlig rational ist. Währenddessen ist die Politik von Israel absolut irrational. Wir haben die Orientierung verloren und befinden uns im Bann von Illusionen“.

Damals hat Professor Aumann auch zum ersten Mal ein ausführliches öffentliches Interview darüber gegeben, wie die Spieltheorie für die Analyse von politischen Entscheidungen angewendet werden kann. Nachfolgend die gekürzte Fassung der Rede des Professors:

„Die Spieltheorie ist die Analyse der Strategie der Beziehung von zwei miteinander interagierenden Seiten. Diese Beziehung kann sich auf verschiedenste Art und Weise äußern – von Kooperation bis zum Konflikt, und in verschiedensten Bereichen bestehen – von Schach bis zur Geschäftsbeziehung oder bis hin zum Krieg zwischen Staaten. Nichtsdestotrotz bleibt das Modell immer dasselbe. Es gibt einen Satz von Regeln, die die Entwicklung von Konflikten beim Zusammenstoß von zwei Systemen bestimmen. Es gibt weiterhin einen Satz von bestimmten Handgriffen, die dazu notwendig sind, den Gegner, Feind, Konkurrenten dazu zu bringen, die eigene Position anzunehmen. Nehmen Sie diverse Konflikte von lokalen bis hin zu globalen, und Sie werden feststellen, dass die Modelle, die die Grundlage für den Widerstand bilden, immer wieder dieselben sind. Religion, Ideologie, nationaler Charakter usw. haben lediglich eine sekundäre Bedeutung.

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