Niemand bleibt allein!

Zum 100. Jahrestag der „Union russischer Juden in Deutschland“, die Hilfe bei der jüdischen Einwanderungswelle nach dem Ersten Weltkrieg leistete.

Jakow Lwowitsch Tejtel (1850-1939) war der Gründer der Union russischer Juden in Deutschland. © WIKIPEDIA

Von Elena Solominskaya

Jede Auswanderung hat ihren Anfang. Es ist schwierig, sich die Geschichte der Flüchtlinge in Deutschland ohne die Geschichte der ersten Welle der russisch-jüdischen Auswanderung vorzustellen. Die Schicksale von Zehntausenden von Menschen, die von den Wellen der Revolution an „andere Ufer“ geworfen wurden, kollektive Geschichte und Erinnerungen der Weimarer Republik und Russlands, sind den nachfolgenden Migrantengenerationen selbst kaum bekannt. Was wissen wir über diese Auswanderung?

Schließlich wurde die eigentliche Definition des „russisch-jüdischen Berlins“ erst zu Beginn des 21. Jahrhunderts wissenschaftlich beleuchtet. Eine der damals führenden Organisationen war die „Union russischer Juden in Deutschland“ – 500 Flüchtlinge aus dem Russischen Reich, die dazu beitrugen, 5.000 Menschen in Not zu retten.

Die Union wurde am 4. Mai 1920 im Berliner Bezirk Mitte registriert. Bereits im ersten Absatz der Satzung wurde festgehalten, dass die Hauptaufgabe „darin besteht, russischen Juden zu helfen, die in Berlin leben und sich vorübergehend in Deutschland aufhalten“. Mit der Satzung wurde auch ein Selbsthilfe-Fonds für Bedürftige und Arme eingerichtet, auf den die Mitglieder jedoch keinen Anspruch hatten. So war die Vereinigung ursprünglich als eine Wohltätigkeitsorganisation für diejenigen gedacht, die bereit und in der Lage waren, anderen zu helfen. In zahlreichen Interviews betonten die Gründer die unpolitische Natur ihrer Aktivitäten. Um Mitglied des Verbandes zu werden, brauchte man keine Bescheinigung eines Rabbiners oder einer Gemeinde: Diese „hätten russisch-jüdische Bürger beider Geschlechter sein können, die das Alter von 20 Jahren erreicht hatten und Empfehlungen von drei Verbandsmitgliedern vorlegten“.

 

Schicksalsgemeinschaft

Die Entstehung der „Union der russischen Juden in Deutschland“ scheint eine logische Tatsache zu sein: Ihre Initiatoren versuchten, ihre Umgebung und Traditionen zu erhalten und an neue Generationen weiterzugeben. Indem die Emigranten nach Deutschland umsiedelten, schufen sie ähnliche Strukturen wie in Russland, an denen sie aktiv beteiligt waren. Benötigt wurde eine Organisation, die sich mit der Psychologie der Flüchtlinge auskannte, die mit den Bedürfnissen von Flüchtlingen vertraut war, eine Organisation also, die Menschen zusammenbrachte, die sich in Geist und Kultur nahestanden. Die erfahrenen Gründer der Union begriffen, dass ihre Stärke nur im gemeinschaftlichen und konsolidierten Handeln zum Schutz ihrer Rechte lag. Berlin wurde Anfang der 1920er Jahre zu einem riesigen Flüchtlingsbiwak. Im Oktober 1921 beschrieb Alexei Goldenweiser, Rechtsanwalt der „Union russischer Juden“, enthusiastisch seinen Eindruck von der Berliner Öffentlichkeit:

„...Was für ein einzigartiges Phänomen ist die gegenwärtige Emigration! Es ist fast eine populäre Bewegung, die die breitesten Schichten erfasst hat!... Alle Intellektuellen, die ganze Wissenschaft, die Kunst werden in den Westen transplantiert.“

Ebenso resümierte er bitter: „Es besteht kein Zweifel, dass sie hier keine Wurzeln schlagen werden. Sie müssen entweder bald nach Hause zurückkehren oder verschwinden. Eine schwierige, schwierige Situation – demütigend, passiv-leidend.“

Viele Auswanderer waren Vertreter freier Berufe – dies war die Emigration der ersten Generation der russisch-jüdischen Intelligenz.

Sie können diesen Artikel vollständig in der gedruckten oder elektronischen Ausgabe der Zeitung «Jüdische Rundschau» lesen.

Vollversion des Artikels

€ 0,75 inkl. MwSt.

Sehr geehrte Leserinnen und Leser!

Hier können Sie

die Zeitung abonnieren,
die aktuelle Ausgabe oder frühere Ausgaben kaufen
oder eine Probeausgabe der Zeitung bestellen,

in gedruckter oder elektronischer Form.

Vollversion des Artikels

€ 0,75 inkl. MwSt.
Zugang erhalten

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


An den Leser der Zukunft!

An den Leser der Zukunft!

Im Winter 1943/44 beschlossen fünfzehn jüdische Journalisten und Schriftsteller eine Enzyklopädie über das Leben im Ghetto Łódż anzufertigen. Dieses ursprünglich polnisch- und jiddischsprachige Werk erscheint nun erstmals in deutscher Sprache.

Der Schriftsteller John le Carré – ein Israel-Freund bis zum Tode

Der Schriftsteller John le Carré – ein Israel-Freund bis zum Tode

Der verstorbene britische Schriftsteller John le Carré bereiste für seine Recherchen auch den Nahen Osten. Bis zuletzt setzte er sich gegen Antisemitismus ein – auch gegen den von Jeremy Corbyn.

Das Zyklon B kam mit den Wagen des Roten Kreuzes

Das Zyklon B kam mit den Wagen des Roten Kreuzes

Über die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar 1945 und die deutschen UNO-Beschlüsse gegen Israel

Entnazifizierungsgeschichten: Ein grandioses Scheitern?

Entnazifizierungsgeschichten: Ein grandioses Scheitern?

Über die zum Teil sehr ungewollte und missglückte deutsche Auseinandersetzung mit der eigenen NS-Vergangenheit in der frühen Nachkriegszeit

Wie die Balfour-Erklärung zustande kam (Teil 1)

Wie die Balfour-Erklärung zustande kam (Teil 1)

Ohne Balfour-Deklaration gäbe es keinen jüdischen Staat. Wenig bekannt ist die Entstehungsgeschichte dieses berühmten Dokuments. Die JÜDISCHE RUNDSCHAU berichtet in mehreren Folgen darüber.

Die Wiederjudmachung

Die Wiederjudmachung

Eine Reise in die österreichisch-jüdische Nachkriegsgeschichte

„Wir küssen uns durch die Briefe hindurch“

„Wir küssen uns durch die Briefe hindurch“

Der Münchener Zeithistoriker Carlos Haas untersucht in seinem Buch, wieviel Privatheit es in den 1.200 Ghettos Osteuropas gab, wie die verfolgten und drangsalierten Juden es schafften sich in den beengten Wohnverhältnissen einen Rest an Würde zu bewahren.

Entrechtung und Gewalt

Entrechtung und Gewalt

Wie die Nationalsozialisten bereits zu Beginn ihrer Herrschaft die Juden mit zunehmend steigender Gewalt aus dem Kulturleben Deutschlands entfernten.

„Hier habe ich gestern noch getanzt“

„Hier habe ich gestern noch getanzt“

Das Jahr 1938, die Reichspogromnacht und ihre Folgen aus Erinnerungen und Perspektive jüdischer Zeitzeugen

Warum konnte die große Mehrheit der dänischen Juden vor der Schoah bewahrt werden?

Warum konnte die große Mehrheit der dänischen Juden vor der Schoah bewahrt werden?

Wer Yad Vashem besucht hat, kennt die Liste der „Gerechten unter den Völkern“, die als Einzelpersonen Juden vor der Schoah gerettet haben. Als gesamte Nation jedoch wird einzig das dänische Volk auf dieser Liste der Gerechten geehrt – wegen seiner Weigerung sich dem Nazi-Horror gegen die Juden anzuschließen.

Kunst aus der Schoah

Kunst aus der Schoah

Der jüdische Maler Felix Nussbaum konnte trotz seiner Flucht durch halb Europa der Ermordung im KZ Auschwitz nicht entgehen.

80 Jahre „Der große Diktator“

80 Jahre „Der große Diktator“

1940 wurde der antifaschistische Spielfilm von Charlie Chaplin uraufgeführt – eine bis heute berühmte zeitgenössische enttarnende Satire auf Adolf Hitler und den Nationalsozialismus.

Werbung

Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden