Die Wüste als zutiefst jüdische Landschaft

Der in der Negev lebende Autor Chaim Noll legt mit seiner Literaturgeschichte der Wüste sein opus magnum vor, das das Zeug zum Standardwerk hat.

Von Artur Abramovych

Chaim Noll dürfte dem geneigten Leser bekannt sein als Kommentator des aktuellen Tagesgeschehens, der aus israelischer Perspektive immer wieder pointiert darlegt, wohin die Bundesrepublik schlittert. Was sich durch seine Kommentare beständig hindurchzieht, ist die Skepsis gegenüber dem am eigenen Leibe erfahrenen kollektivistischen Drang des deutschen Volkes, die er als 1983 aus der „DDR“ in den Westen übergesiedelter und vom MfS observierter Dissident bereits 1992 in seinen „Nachtgedanken über Deutschland“ zu Papier brachte, bevor er auswanderte und nicht mehr zurückkehrte.

Wer ihn allerdings nicht nur als solchen kennt, weiß darum, dass die Politik für Noll durchaus kein Hauptinteresse darstellt, er seine Kommentare nur schreibt, weil er nicht anders kann, und unter anderen Umständen lieber davon absähe. Sein eigentliches Metier ist nämlich, neben der jüdischen Theologie, die Literatur.

Noll hat seit den 80ern selbst eine ganze Reihe von Romanen vorgelegt, zunächst stürmische, fabulierfreudige Geschichten von jugendfrischer Liebe und erwachendem Individualitätsbewusstsein, in denen er die in der „DDR“ erfahrenen Misshandlungen anprangerte. Da das jüdische Leben unter dem kommunistischen Regime weitgehend unmöglich war, repräsentierte Noll damals wohl das, was Alain Finkielkraut in einem persönlichen Rückblick auf seine Zeit als 68er mit dem Terminus juif imaginaire bezeichnete, also einen Juden, der sein Judentum gänzlich profaniert als Verpflichtung zum politischen Engagement zugunsten aller Geknechteten deutet.

Inzwischen ist Noll nicht nur reifer, sondern auch orthodox geworden. Seine Romane haben an Umfang zugenommen und lassen an ihrem gemesseneren Ton und ihrer Gelehrsamkeit den poeta doctus erahnen, zu dem Noll sich entwickelt hat. In seinem jüngsten Roman, „Die Synagoge“, beschreibt er mit abgeklärter Ironie, wie auch in einem kleinen Ort der Wüste Negev sich die gesamte israelische Gesellschaft in nuce widerspiegeln kann, und wie der eine sich zurücksehnt nach dem Treiben der Metropole und darüber den Verstand verliert, der andere aber sich ganz und gar einlebt und auch in dieser unwirtlichen Umgebung Wurzeln zu schlagen imstande ist. In einem der Protagonisten dieses während der Zweiten Intifada spielenden Romans, im Schriftsteller Abi, der gemeinsam mit seiner Frau Livia, einer bildenden Künstlerin, aus Deutschland eingewandert ist, lässt sich unschwer das alter ego des Autors erkennen. Und dass dieser Abi auch literaturgeschichtlichen Interessen nachgeht und mit unablässigem Fleiß an einem opus magnum über Wüstenliteratur arbeitet, lässt bereits erahnen, dass wir es bei Nolls jüngster Publikation, die erst diesen Frühling erschienen ist, mit der Frucht jahrzehntelangen Lesens und Nachdenkens zu tun haben.

 

Eine Geschichte der Wüstenvölker

Das Buch setzt ein bei den frühesten zivilisatorischen Zeugnissen, mit Keilschrift beschriebenen Tontafeln aus den mesopotamischen Stadtstaaten, wo bereits eine Dichotomie vorzufinden ist, die Noll im Verlauf des Buches nicht aus den Augen verliert: nämlich zwischen der engen Stadt und der weiten Wüste. Sowohl für die Mesopotamier als auch für die alten Ägypter, die vornehmlich die schmale Nilebene bewohnten, handelte es sich bei der Wüste, wie Noll herausarbeitet, um das wesenhaft Andere. Am Nil etwa wurden „die Fremde“ und „die Wüste“ mit ein und derselben Hieroglyphe bezeichnet.

Bei den Juden ist die Wüste eine ambivalente Angelegenheit: Das hebräische Adjektiv nora, mit dem sie im TaNaCh häufig beschrieben wird, bedeutet „grausam“ und zugleich „erhaben“. Allerdings erfolgt mit dem Einsetzen der jüdischen Literatur ein deutlicher Wandel in der Bewertung der Wüste. In der Torah erscheinen die Städter nun als lasterhaft. Nicht nur sind es ausgerechnet die Nachfahren des Brudermörders Kain, die die ersten Städte gründen; der Auszug Avrams aus der heidnischen Stadt Ur, die Episoden um Sodom und schließlich die in der Wüste erfolgende Übergabe der Torah zeugen davon, dass die Wüste „nicht länger als außerhalb des menschlichen Lebens befindlicher toter Raum“ auftritt; im Gegenteil erscheint sie als Ort der G’ttesnähe und Kontemplation. Sollte unser Garten Eden, wie manche Forscher vermuten, auf den negativ konnotierten altsumerischen Ausdruck für Wüste, edin, zurückzuführen sein, hätte sich diese jüdische Neubewertung auch auf lexikalischer Ebene manifestiert.

 

Die Klöster als Vorläufer der Universitäten

Als der jüdischen Tradition gänzlich entgegengesetzt arbeitet Noll die antike abendländische Bewertung der Wüste heraus. Zunächst weist er akribisch nach, dass die Wüste in der griechischen und römischen Literatur eine vor allem negative Bewertung als Ort des Todes erfuhr, die sich sogar bei den Historiographen, je länger ihr Gegenstand zurücklag, desto stärker niederschlug, wie etwa an den verschiedenen Darstellungen des Rückzug von Cato Uticensis nach Afrika ersichtlich wird. Zu den wenigen Ausnahmen von dieser Regel gehört bezeichnenderweise der Jude Flavius Josephus.

Mit der zunehmenden Christianisierung setzt allerdings eine Trendwende ein, als deren Anfang Noll den Homileten Origines identifiziert, der die auch im Neuen Testament zu findende Tradition der Wüste als Ort der G’ttesnähe fortsetzt und seinen Jüngern eine genuin jüdische Lebensweise anempfiehlt: nämlich das Eremitentum, das seinen abendländischen Niederschlag schließlich in Form des Klosters findet. Unter Bezugnahme auf den Historiker Jacques Le Goff spricht Noll von der entstehenden „Waldwüste“ (désert-forêt): In Ermangelung von Wüsten gerät der Wald zur neuen Landschaft der Kontemplation und asketischen Veredelung. Bei den Klöstern handelte es sich bis zur Gründung der Universitäten im Spätmittelalter um die einzigen Orte abendländischer Gelehrsamkeit; sie nahmen nachhaltigen Einfluss auf das europäische Denken.

Die Aktualität von Nolls Monographie gründet darin, dass es nottut, sich der nicht zuletzt politischen Tragweite dieser christlichen Übernahme jüdischer Denkfiguren bewusst zu werden, und zwar gerade in Zeiten, wo linke Politiker die Bibel überhaupt nicht mehr zur Hand nehmen und zugleich manche aufseiten der Rechten kundtun, mit ihr nichts anfangen zu können, weil darin „zu viel Wüste und zu wenig Wald“ (B. Höcke) sei. Dass diese vor allem seit der Moderne angestrengte Dichotomie historisch äußerst fragwürdig ist, zeigt Noll deutlich auf. Zugleich stellt er aber eindrücklich dar, warum der Islam dieser jüdisch-christlichen Tradition nicht zuzurechnen ist: Weil sich die Wüste im Koran entgegen abendländischer Clichés nicht als Ursprung des Islam darstellt, sondern im Gegenteil der Städter Mohammed gerade in den Wüstenstämmen nur schwer in sein System einzugliedernde, geradezu freiheitliche Feinde sieht, die es unbedingt zu bekämpfen gilt: „Die Beduinen der Wüste sind am hartnäckigsten dem Unglauben und der Heuchelei verfallen“, heißt es etwa in Sure 9. Unter diesen Stämmen fand sich auch der jüdische Stamm der Banu Qaraiza, der von Mohammeds Kalifen bekanntlich ausgerottet wurde.

Nolls anschließende Betrachtungen über die Nationalliteraturen der Neuzeit, die Romane Flauberts, die Novellen Tschechows oder Thomas Manns Joseph, können auf diesem engen Raum leider keine Beachtung finden. Es möge sie der Leser selbst durchstreifen. Man möchte diesem klugen Buch allerdings neben dem weggefallenen Personenregister auch wünschen, dass sich zum kurzen Vorwort eine ausführlichere Einleitung hinzugeselle. Da freilich diese Monographie nicht nur Philologen, sondern auch Theologen, Historikern und allen anderen Geisteswissenschaftlern von Nutzen sein kann und zweifelsohne noch mehrere Auflagen und Neuausgaben erleben wird, darf man in dieser Hinsicht zuversichtlich sein.

 

Chaim Noll

Die Wüste: Literaturgeschichte einer Urlandschaft des Menschen

688 Seiten

Evangelische Verlagsanstalt GmbH 2020

ISBN: 978-3374063574

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