Die heilige Hure

Zum 120. Geburtstag von Hedwig Porschütz: Die deutsche Prostituierte wurde bereits 2012 als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt, weil sie unter Lebensgefahr zahlreiche Juden während der NS-Zeit versteckte.

Gedenktafel an dem Haus, wo Hedwig Porschütz Juden versteckte. © WIKIPEDIA

Von Juri Tabak

Während des Zweiten Weltkrieges wurden Juden nicht nur von Menschen gerettet, deren Lebensweise den allgemein anerkannten sozialen und religiösen moralischen Standards entsprach, sondern auch von denjenigen, die von der Gesellschaft ausgestoßen wurden und als verabscheuenswert galten.

Hedwig Porschütz, geboren 1900, arbeitete als Stenographin in einer Fabrik, später in einem Versicherungsunternehmen. Sie heiratete. In den 1930er Jahren, der Zeit der Wirtschaftskrise, verlor ihr Mann seine Arbeit, und Hedwig begann, als Prostituierte ihr Geld zu verdienen. Über diese Zeit ihres Lebens ist wenig bekannt; es existieren lediglich Informationen darüber, dass sie 1934 für 10 Monate wegen Erpressung inhaftiert wurde.

1940 lernte Hedwig Porschütz Otto Weidt kennen, den Inhaber einer Blindenwerkstatt (Besen- und Bürstenbinderei), wo sie als Lagerverwalterin arbeitete. Als Berlin von Juden „gesäubert“ werden sollte, versteckte Weidt Juden; Porschütz half ihm dabei. Bis 1943 lebten in ihrer Berliner Wohnung jüdische Zwillingsschwestern; im März 1943 kamen noch zwei Jüdinnen hinzu: Greta Dinger mit ihrer Nichte. Dies gestaltete sich schwierig: Die Wohnung wurde stundenweise den Prostituierten-Kolleginnen überlassen, also musste man die Juden woanders verstecken, sobald ein Kunde auftauchte. Dafür zahlten Kunden nicht selten mit Lebensmittelmarken.

Im Sommer 1943 entdeckte die Gestapo im gleichen Haus ein jüdisches Paar, und Hedwig Porschütz war gezwungen, für „ihre“ Juden ein anderes, sicheres Versteck zu suchen. Eine Zeit lang wurden Greta Dinger mit ihrer Nichte im Hause von Hedwigs Mutter untergebracht.

Im Oktober 1944 wurde ein Bekannter von Hedwig verhaftet: Seine Lebensmittelmarken waren gefälscht. Man beschuldigte auch sie, sie habe „den Umgang mit Lebensmittelreserven manipuliert“. Sie wurde zu 18 Monaten im Arbeitslager Zillerthal-Erdmannsdorf (Riesengebirge) verurteilt. Die Tatsache, dass Hedwig die Marken selbst gefälscht hatte, blieb der Polizei offenbar verborgen.

Im Arbeitslager blieb Hedwig bis zum Kriegsende. Endlich draußen, erfuhr sie, dass ihr Haus zerbombt wurde. Hedwig und ihr Mann waren krank, es gab so gut wie keine Arbeit.

1956 beantragte Hedwig Sozialhilfe als Opfer nazistischer Verfolgungen. Beamte in Berlin waren der Ansicht, dass die Hilfe für Juden kein Akt des Widerstandes war. Außerdem lastete man Hedwig ihren Lebensstil an: Einer Prostituierten und Diebin (man bezog sich auf das damalige Nazi-Urteil) irgendwelche Privilegien zu gestatten, wäre doch anstandslos! Dementsprechend wurde ihr Antrag abgelehnt.

1959 wurden die Verdienste von Porschütz bei der Rettung der Juden von der „Stiftung der unerkannten Helden“ anerkannt, allerdings mit dem Vermerk, die heroische Leistung habe „unter der Bedingung der Demonstration eines derart niedrigen moralischen Niveaus“ stattgefunden, dass es völlig unmöglich sei, ihr die sozialen Privilegien von Widerstandshelden zuzuerkennen. Dabei bezogen sich die Berliner Beamten wieder einmal auf das Urteil des Nazi-Gerichts wie auch auf das Urteil von 1934, ohne Hedwig Porschütz oder die geretteten Juden als Zeugen anzuhören.

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