Dem „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki zum 100. Geburtstag

Die Autorin traf den Holocaust-Überlebenden und Deutschlands berühmtesten Literaturkritiker bereits in den 1970er Jahren.

Marcel Reich-Ranicki während einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Bundestag© JOHN MACDOUGALL , AFP

Von Dr. Elvira Grözinger

Ein Fußballstar war er nicht, und dennoch gehört er zu den bekanntesten Gestalten Deutschlands. Dass er es wurde, ist einer Reihe glücklicher Umstände zu verdanken, denn ein gerader Weg dorthin war es nicht. Seine sogar verfilmten Memoiren, „Mein Leben“, zeugen davon.

Der am 2. Juni 1920 im polnischen Wloclawek (Leslau im Raum Posen) als Sohn von assimilierten Juden geborene Marceli Reich kam 1958 in die BRD und wurde mit der Zeit zum einflussreichsten Literaturkritiker des Landes. Die Literatursendung des ZDF, „Das Literarische Quartett“, die er konzipierte und in der er 1988-2001 und von 2005-2006 regelmäßiger Wortführer war, wurde, nicht zuletzt wegen seiner Auftritte, auch von Lesemuffeln gesehen. Reich-Ranicki war ein Charakterdarsteller, seine rollende Aussprache und sein markantes Aussehen machten ihn zum beliebten Objekt von Kabarettisten und Karikaturisten, wobei die Letzteren nicht immer vor antisemitischen Klischees zurückschreckten.

 

Das Literarische Quartett

Er war wegen seiner Streitbarkeit berüchtigt, sein literarischer Geschmack wurde auch nicht von allen geteilt und goutiert. So verließ Sigrid Löffler, seine Antipodin, die Sendung, weil er ihr die Abneigung gegen erotische Szenen in den Romanen vorwarf, während sie bei ihm das Ergötzen an Liebesszenen anprangerte. Das Letztere allerdings nicht ganz zu Unrecht, denn Reich-Ranicki mochte Frauen und Literatinnen. Eine davon war die Lyrikerin Ulla Hahn, von ihm entdeckt und gefördert. Ihre Gedichte sind auch in seinem dicken Buch mit 181 Gedichten und Interpretationen, „Frauen dichten anders“, Ingeborg Bachmann in Memoriam gewidmet, mit mehr Gedichten als andere vertreten. Und, was Löffler sicherlich kannte: In seinem 1966 erschienenen Band mit literaturkritischen Beiträgen „Wer schreibt, der provoziert“. Kommentare und Pamphlete schrieb er im Kapitel „Sexus und die Literatur“ über das damals in den USA vielgelesene Buch von Mary Mac Carthy, „The Group“: „Ich halte ‚Die Clique‘ zwar nicht für ein bedeutendes Kunstwerk der Epik, wohl aber für ein beachtliches, trotz mancher Einwände gutes und auf jeden Fall sehr lesenswertes Buch. Und lesenswert ist es besonders dank der Kapitel und Szenen, die sexuelle Phänomene betreffen.“

Aber zu seinen meist temporären Vorlieben zählten auch Männer, mit denen er sich im Lauf seines Lebens entzweit hatte, wie z.B. Günter Grass und Martin Walser. Der Letztere hat dann bekanntlich in seinem antisemitisch anmutenden Roman „Der Tod eines Kritikers“, Reich-Ranicki auf infame Weise angegriffen. Als der verschmähte Kritiker meinen Verriss von Walser gelesen hat, schickte er mir ein Buch mit Widmung zum Dank.

Seine Liebe zur deutschen Kultur und Literatur wurde ihm schon früh eingepflanzt. Seine aus Deutschland stammende Mutter schickte ihn auf die deutsche Schule seiner Heimatstadt. 1929 wurde er zu ihren wohlhabenden Verwandten nach Berlin geschickt, wo er aufs Gymnasium ging und 1938 das Abitur erlangte. Früh entdeckte er seine Leidenschaft für deutsche klassische Literatur, Musik und Theater. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde er als Jude schikaniert, die Immatrikulation an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität hat man ihm verweigert. Ende Oktober 1938 wurde er im Zuge der auf Anweisung Himmlers durchgeführten sogenannten „Polenaktion“ ausgewiesen, bei der etwa 17.000 Menschen (meist aus Polen ins Deutsche Reich eingewanderte Juden) das Land verlassen mussten.

 

Rettung in letzter Sekunde durch eine polnische Familie

In Warschau erlebte Reich-Ranicki am 1. September 1939 den deutschen Überfall, im November 1940 wurde er ins Ghetto umgesiedelt. Dort war er Mitarbeiter des Untergrundarchivs von Emanuel Ringelblum, vor den Deportationen 1942 heiratete er noch seine Freundin Teofila (Tosia) und Anfang 1943, auf dem Weg zum Umschlagplatz flohen beide und fanden Unterschlupf bei einer polnischen Familie, wo sie bis zum Kriegsende ausharren konnten. Nachzulesen ist das in seiner Autobiographie.

Das Leben nach dem Überleben war im Nachkriegspolen auch nicht einfach. Seit Ende 1944 arbeitete Reich beim Polnischen Geheimdienst. 1948 wurde er als Vize-Konsul an die Polnische Botschaft nach London entsandt und nahm den Namen Ranicki an. Seine Gegner warfen ihm immer wieder diese kommunistische Phase vor. In Polen arbeitete er auch publizistisch und vermittelte deutsche Literatur an die polnischen Leser, ähnlich der Tätigkeit, die Karl Dedecius mit der Polnischen hierzulande tat. In Deutschland nahm der Immigrant seit 1958 an den Treffen der „Gruppe 47“ teil, was die Widmung des eingangs erwähnten Buches für Ingeborg Bachmann erklärt. Zunächst für die „Welt“, schrieb er von 1960 bis 1973 Literaturkritiken für die „Zeit“ und von 1973-1988 für die „Frankfurter Allgemeine“. Er war Gastprofessor an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland, bekam Ehrendoktorate und wurde mit Preisen geehrt. Er publizierte Bücher und Aufsätze über die west- wie ostdeutsche Literatur, gelegentlich auch über polnische und amerikanische. Diese begleiteten mich in meinem Germanistikstudium. Als er in der FAZ über den großen polnisch-jüdischen Poeten Julian Tuwim schrieb, der hierzulande kaum bekannt war, hatte ich gerade einen Aufsatz über ihn geschrieben und Reich-Ranicki zugeschickt. Er freute sich und wir unterhielten uns über diesen – ihm wie mir – nahen Dichter.

 

Begegnung 1972 beim Heine-Kongress in Düsseldorf

Ich bin Reich-Ranicki und seiner Frau 1972 in Düsseldorf bei einem Heine-Kongress begegnet. Uns beide verband die Liebe zu diesem Enfant terrible der deutschen Literatur. Als ich später in den 1980er Jahren im Polen-Institut in Darmstadt gearbeitet habe, traf ich ihn öfter und er freute sich, in mir die Vertreterin der Generation seines Sohnes gefunden zu haben, deren Eltern ebenfalls aus dem Warschauer Ghetto fliehen und mit falschen Papieren überleben konnten. Er war an meiner Geschichte interessiert, der Kindheit im Nachkriegspolen. Meine Eltern waren allerdings keine Kommunisten, hatten aber auch einen großen Freundeskreis unter Literaten und Künstlern. Ich verließ Polen Ende 1957, er 1958. Auch das verband. Er redete gern, war ja sehr belesen und ein Musikliebhaber, stand im Mittelpunkt und genoss es sichtlich. Seine Frau schwieg meist an seiner Seite, wenn er aber gerade in einem anderen Raum war, da sprudelte sie voller Geist und Humor.

Eine Kostprobe von Reich-Ranickis Habitus gab es im Dezember 1986 in Frankfurt am Main, anlässlich eines Kafka-Kongresses. Reich-Ranicki kam zum Vortrag meines Mannes über Kafka und das Judentum. Während mein Mann sprach, saß der Kritiker mit grimmiger Miene und gekräuselter Stirn. Als mein Mann zu Ende kam, erhob sich der große Kritiker, immer noch mit dem Zornesblick und donnerte: „Ja! Endlich! So muss man Kafka lesen!“. Das Publikum, das auf ihn starrte, stimmte in den Beifall ein. Dabei gab es lange in der Germanistik erhebliche Widerstände dagegen, Kafka als jüdischen Autor zu sehen. Ähnlich wie zuvor bei Heine und Tuwim, empfand Reich-Ranicki das Bedürfnis, die jüdische Komponente in der Literatur sichtbar zu machen.

Marcel Reich-Ranicki gehörte nicht zu den Stillen im Lande, er lebte das vor, was ihm auch an mutigen Schriftstellern gefiel: Sie sollten Querdenker, Provokateure, „Ruhestörer“ sein, wie er sie in seinem Buch von 1973 beschrieb: „Über Ruhestörer: Juden in der deutschen Literatur“. Er war eine Persönlichkeit wie es hierzulande nicht viele gibt und mit einem hohen Unterhaltungswert. Ich hoffe, dieser Gruß zum 100. Geburtstag würde ihm gefallen.

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