„You don't know what you’ve got ‘till it's gone!“

Ein Nachruf auf den jüdischen Komponisten Adam Schlesinger, der mit nur 52 Jahren in New York am Coronavirus gestorben ist.

Adam Schlesinger (links) mit Kollegen bei der Emmy-Verleihung.© Amy Sussman / GETTY IMAGES NORTH AMERICA , AFP

Von Gerd Buurmann

An diesen Satz aus dem Lied „Big Yellow Taxi“ der Liedermacherin Joni Mitchell musste ich denken, als ich vom Tod Adam Schlesingers erfuhr: „Du weißt nicht, was du hast, bis es weg ist.“

Als das Lied von Mitchell herauskam, war Adam Schlesinger gerade mal zwei Jahre alt. Er wird das Lied vermutlich zum ersten Mal irgendwo in Manhattan, New York oder Montclair, New Jersey, gehört haben, wo er in einer säkularen jüdischen Familie groß wurde. Aus ihm sollte ebenfalls ein bedeutender Liedermacher werden.

Im Jahr 1997 erhielt Schlesinger eine Oscar-Nominierung für sein Lied „That Thing You Do“, das er für die gleichnamige Komödie von Tom Hanks komponierte. Als Hanks von dem Tod Schlesingers erfuhr, sagte er, er sei „schrecklich traurig heute“.

Im Jahr 2003 erhielt Schlesinger zwei Grammy-Nominierungen für die Band „Fountains of Wayne“, in der er den E-Bass spielte und zusammen mit Chris Collingwood das erfolgreichste Lied der Gruppe schrieb: „Stacy's Mom“. Im Jahr 2009 erhielt er den Grammy in der Kategorie „Bestes Comedy-Album“ für „A Colbert Christmas: The Greatest Gift of All!“

Für eine Sensation sorgte er, als er für die 65. Verleihung des Tony-Awards die Eröffnungsnummer „It's Not Just for Gays Anymore“ komponierte. An dem Abend wurde es von Neil Patrick Harris vorgetragen und zu einem Hit auf YouTube, wo es in kurzer Zeit mehrere Millionen Mal aufgerufen wurde. In dem Lied wird auf wunderbar selbstironische Art das Genre Musical persifliert.

Schlesinger selbst wirkte an vielen Musicals mit und erhielt zwei Tony-Nominierungen für das Musical „Cry-Baby“. Vor seinem Tod befand er sich in Arbeit an dem Musical „The Bedweter“ nach der Autobiografie der Komikerin Sarah Silverman. Als Silverman von seinem Tod erfuhr, erklärte sie: „Adam war ein erstaunlicher Liedermacher und Komponist und einer der lustigsten Menschen. Seine Lieder sind lustig und oft – trotz seiner selbst – erstaunlich herzlich.“

Im Jahr 2019 erhielt er, nachdem er Jahre davor bereits mehrfach nominierte worden war, einen Emmy-Award für das Lied „Antidepressants Are So Not a Big Deal“ aus der Fernseh-Musical-Serie „Crazy Ex-Girlfriend“ mit Rachel Bloom. Adam Schlesinger arbeitete ebenfalls an einem Musical nach der erfolgreichen Serie „The Nanny“ mit Fran Drescher.

Sarah Silverman, Fran Drescher und Rachel Bloom gehören zu den erfolgreichsten jüdischen Künstlerinnen und Komikerinnen der Vereinigten Staaten von Amerika. Alle drei Frauen sahen in Adam Schlesinger den besten Verbündeten, um all das in Musik zu fassen, worüber sie so herzerfrischend komisch erzählen konnten.

Schlesingers hatte einen enormen musikalischen Sinn für Humor. Ob in Dur oder in Moll, jedem seiner Lieder wohnte eine augenzwinkernde Liebe zu den Menschen und ihren Schwächen inne. Er verstand es, den Menschen, die seine Lieder hörten, trotz ihrer Zweifel und Ängste immer wieder Mut zu machen. Sein Lied „Gettin‘ Bi“ zum Beispiel ist zu einem Lied geworden, das viele junge Menschen nutzen, um damit öffentlich zu ihrer sexuellen Orientierung zu stehen.

Auch ich singe seit Jahren immer wieder laut seine Lieder im Auto, wenn ich mit meiner Frau an die holländische Küste in Urlaub fahre. Besonders das Lied „End of the Movie“, an dem er mitwirkte, singen wir immer besonders laut. In Anbracht seines zu frühen Todes möchte ich ein paar Zeilen ins Deutsche übersetzen:

„Das Leben ist nur eine stetige Aneinanderreihung von Offenbarungen, die über einen gewissen Zeitraum geschehen. Es ist keine sorgfältig ausgearbeitete Geschichte. Es ist ein Chaos und wir werden alle sterben. Wenn Du einen Film siehst, der wie das echte Leben ist, wirst Du sagen: ‚Worum zum Teufel ging es in diesem Film?‘ Das Leben ergibt keinen narrativen Sinn!“

Das Leben ergibt zwar keinen narrativen Sinn, aber ein Leben hat Sinn, wenn es das Leben so vieler anderer Menschen glücklicher macht. Adam Schlesinger hat mein Leben lustiger, reicher und leichter zu ertragen gemacht, und das merke ich gerade jetzt, da er weg ist.

„Du weißt nicht, was du hast, bis es weg ist.“

Am 1. April 2020 starb Adam Schlesinger im Alter von nur 52 Jahren nach einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus. Er hinterlässt seine zwei Töchter und viele Menschen, die er glücklicher gemacht hat.

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden