Ein Tag in Regensburg

In seinem 1933 auf Jiddisch verfassten Buch „Ein Tag in Regensburg“ beschreibt der Schriftsteller Joseph Opatoshu die Vertreibung der Juden aus der bayerischen Stadt im Jahre 1519. Nun erschien das Buch auch in deutscher Sprache.

Von Tina Adcock

Die Geschichte, in der es vor allem um eine jüdische Hochzeit geht, entbehrt zwar der historischen Genauigkeit, dennoch spielt sie inmitten des Zeitraums der tatsächlich stattgefunden Judenvertreibung in Regensburg im Jahr 1519. Sie behandelt die Freude und vor allem das Leid der jüdischen Gemeinde in diesem Zeitalter.

Die aus dem Jiddischen übersetzte und kommentierte Ausgabe von Evita Wickie und Sabine Koller beginnt mit einem Geleitwort der Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, Ilse Danziger, das noch einmal die Umstände der vergleichsweise späten Übersetzung erläutert, sowie einem kurzen geschichtlichen Abriss über die Ausgrabungen in den Jahren 1995-1998 in Regensburg, bei denen die Überreste der mittelalterlichen Synagoge im ehemaligen jüdischen Ghetto im Südwesten der Stadt entdeckt wurden.

Im darauffolgenden Hauptteil des Buches ist vor dem eigentlichen Beginn der Geschichte die erste Seite des Original-Manuskripts von Joseph Opatoshu abgebildet, mit der dazugehörigen lateinischen Umschrift. Dieses Vorgehen lässt den Leser den Geist der nahezu vergessenen Welt des Jiddischen einsaugen und vermittelt Nähe zum Autor. Gerade für einen deutschsprachigen Rezipienten, der keine hebräischen Schriftzeichen lesen kann, wird es eine optische Freude sein, sich die Umschrift zu Gemüte zu führen und festzustellen, dass einige Wörter durchaus verständlich sind und die fremdartige Schriftweise schätzen.

 

Anziehungspunkt für jüdische Studenten

Auch während der Geschichte werden immer wieder in kursiver Schrift bestimmte Titel und Begriffe in Jiddisch und Hebräisch hervorgehoben und später erklärt, was dem Leser dabei hilft in eine andere Welt einzutauchen.

Das erste Kapitel des Werks spielt in der Synagoge, wo der alte Synagogendiener sich rege mit seinem Sohn über die anstehende Hochzeit unterhält. Später trifft er seinen Enkel an und erzählt ihm eine Geschichte über einen alten Reb und seine wunderbare Reise, die in Regensburg endete. Kurz darauf treten Jeschiwa-Studenten dazu, die trotz „zerrissener, zerschlissener Kleidung“ scherzen und ebenfalls den anstehenden Festivitäten entgegenfiebern. Diese Zustandsbeschreibung vermittelt dem Leser einen Einblick in den Alltag eines jüdischen Ghettos in einer größeren Stadt, sowie die Träume und den Alltag der Bewohner und Studenten, welche oft aus verschiedenen Ländern in berühmte Jeschiwas kamen, um zu lernen.

Im zweiten Kapitel wird beschrieben, wie eine große Schar Bettler sich beim Synagogendiener meldet, da sie traditionsgemäß zur Hochzeit verköstigt werden. Der Jeschiwa-Vorsteher erscheint und beschwert sich lautstark über die Scherze und „lasterhaften“ Vorschläge der Bettler, welche zotige Lieder und Witze von sich geben – der ewige Kampf zwischen gläubigen und weniger gläubigen Juden eben. Dieser wird auch im dritten Kapitel fortgeführt, in dem die Spielleute erscheinen, unter denen sich eine junge Frau befindet, die von den Jeschiwa-Studenten begehrt wird und die Bäcker, von denen ein Geselle einen Tanz mit ihr wagt.

Im vierten Kapitel geht es vor allem um ein Mitglied der Gauklergruppe namens Fischl, der mit einem der Jeschiwa-Studenten, Mojschl, vormals in einigen Jeschiwot studierte und nicht gerade glücklich über seine derzeitige Situation ist, da er sich für etwas Besseres hält. Er zieht mit den Talmudstudenten anschließend in eine Herberge, wo sie ein Singspiel eines Kommilitonen, Salmen, besprechen wollen. Ebenfalls tritt ein Buchverkäufer mit einem Bauchladen auf, was interessant ist, da er Gebetstücher auf Judendeutsch, also Jiddisch, verkauft und somit einiges Aufsehen erregt.

Das fünfte, bis einschließlich siebten Kapitels spielt im Wirtshaus, in dem der reiche kurfürstliche Lieferant, Lemlin, den Studenten und dem Spielmann Fischl Essen und alkoholische Getränke spendiert. Im Gegenzug darf er Unterhaltung und die Aufmerksamkeit von Rosa genießen, der schönen Gauklerin. Die Szene ist idyllisch und lustig, bis die Hochzeitsbotin seiner Ehefrau erzählt, was ihr Mann gerade im Wirtshaus treibt, was in einer Handgreiflichkeit zwischen Rosa und Lemlins Frau endet, bei der Rosa leicht verletzt wird und anschließend Fischl um den Hals fällt, der sich rührend um sie nach dem Angriff kümmert.

 

Besser zum Sultan?

Im achten Kapitel treten Reb Kalmen von Istanbul und Reb Petachja auf. Letzterer berichtet über die Situation der Juden in Regensburg, welche u.a. Leib- und Schutzzoll zahlen müssen. Er führt ebenfalls Gerüchte an, nach denen alle Juden aus der Stadt vertrieben werden sollen. In Istanbul hingegen, sieht die Lage anders aus: „Mohammed der Zweite hat neben seinem Thron für alle drei Religionen Platz gemacht. Zu seiner Rechten sitzen der Mufti und der Rabbiner, zu seiner Linken – der griechische Patriarch.“

Anschließend zieht die Hochzeitsgemeinschaft ein, samt dem Kurfürsten, der als Fürsprecher für die in Gefahr schwebenden Regensburger Juden gehandelt wird. Nach der Hochzeitszeremonie führt Rosa u.a. den Totentanz auf und sie erzählt Fischl, der ganz offensichtlich in sie verliebt ist, dass sie gern an den Hof gehen würden, was ihn zum übermäßigen Alkoholgenuss veranlasst. Die Geschichte endet damit, dass der Jeschiwa-Vorsteher Fischl offenbart, dass er nicht in Regensburg bleiben wolle und er ihn bittet, ihn zu begleiten.

Anschließend folgt das Kapitel Anmerkungen und das Glossar, das alle im Buch erwähnten hebräischen und jiddischen Wörter erklärt.

Danach findet sich ein in verschiedene Kapitel unterteiltes Nachwort, dass einen historischen, kulturellen und soziologischen Hintergrund der jüdischen Geschichte in Regensburg, sowie zu dem Werk an sich bietet. Abschließend sind eine Literaturauswahl, ein Dank sowie der Bildnachweis zu finden.

Prof. Dr. Sabine Koller, Professorin für Slawisch-Jüdische Studien an der Universität Regensburg, ist eine liebevolle Neuauflage und Übersetzung gelungen, die ein bisweilen heiteres Schauspiel inmitten einer Zeit liefert, in der man bei all dem Wissen um mittelalterliche jüdische Ghettos und Vertreibung meist weniger an fröhliche Gaukler und Hochzeiten denkt. Joseph Opatoshus Geschichte bringt Farbe in eine Welt, in der der Geschichtswissenschaftler allzu oft nur Graues und Tragödien herausarbeitet. Doch trotz aller Fröhlichkeit werden auch wichtige Fakten angesprochen, wie etwa die Abgrenzung zur christlichen Welt und die vermeintlich bessere Stellung des Judentums in anderen Reichen. Die Begriffserklärungen sind gelungen und lassen somit auch einen Rezipienten in die beschriebene Welt eintauchen, der eventuell im Alltag keinerlei Berührung mit dem Judentum hat, aber dennoch z.B. etwas über die Geschichte von Regensburg und eine untergegange Welt des Judentums lesen möchte.

Mein einziger Kritikpunkt ist, dass es für den Leser wohlmöglich einfacher wäre in die Geschichte einzutauchen, wenn diese Erklärungen der eigentlichen Geschichte vorangestellt wären. Dies obliegt aber natürlich ganz dem Geschmack des Herausgebers und schadet dem Gesamtbild des Werkes nicht.

Alles in allem handelt es sich hierbei um eine gelungene Übersetzung und historische Aufarbeitung einer untergegangenen Welt des Judentums, bei der man lacht, mitbangt und sich dank des offenen Endes wünscht (selbst wenn man bereits weiß, dass die Juden aus Regensburg vertrieben wurden), dass alles gut endet.

Ein gelungenes Buch, was ich all denen, die sich für die Geschichte der Juden im Mittelalter interessieren, nur wärmstens empfehlen kann.

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


„Wir weinten tränenlos“ – Ein Film über die Mitglieder des jüdischen „Sonderkommandos“ in Auschwitz

„Wir weinten tränenlos“ – Ein Film über die Mitglieder des jüdischen „Sonderkommandos“ in Auschwitz

Die Malerei im Judentum

Die Malerei im Judentum

„Richard Wagner und die Klezmerband. Auf der Suche nach dem neuen, jüdischen Sound in Deutschland“ – Yuriy Gurzhys neues Buch

„Richard Wagner und die Klezmerband. Auf der Suche nach dem neuen, jüdischen Sound in Deutschland“ – Yuriy Gurzhys neues Buch

Ruth Bäumler: „Shalom Sendling! Lustige Geschichten vom Tod und einer Münchner Familie“

Ruth Bäumler: „Shalom Sendling! Lustige Geschichten vom Tod und einer Münchner Familie“

Mehr als nur eine Ausstellung: Mit historischen Fakten gegen Anti-Israel-Propaganda

Mehr als nur eine Ausstellung: Mit historischen Fakten gegen Anti-Israel-Propaganda

Auf den Spuren des russischen Judentums von der Zarenzeit bis zur Gegenwart

Auf den Spuren des russischen Judentums von der Zarenzeit bis zur Gegenwart

Ein Reisebericht aus dem Herbst 2021 über die jüdische Kultur in den russischen Städten Kazan und Samara. (JR)

Gunda Trepps Buch: Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus: Lernen. Wissen. Handeln.

Gunda Trepps Buch: Gebrauchsanweisung gegen Antisemitismus: Lernen. Wissen. Handeln.

Hollywood-Museum negiert vorsätzlich die eigene jüdische Geschichte

Hollywood-Museum negiert vorsätzlich die eigene jüdische Geschichte

David Friedmans Buch „Sledgehammer“: Wie die Trump-Diplomatie dem Nahen Osten den Frieden ein deutliches Stück näher gebracht hat

David Friedmans Buch „Sledgehammer“: Wie die Trump-Diplomatie dem Nahen Osten den Frieden ein deutliches Stück näher gebracht hat

Der ehemalige US-Botschafter in Israel David Friedman beschreibt in seinem Buch „Sledgehammer“ den Weg zum Abschluss der Abraham-Abkommen und gewährt dem Leser einen Blick hinter die Kulissen der von Deutschland und der EU massiv angefeindeten pro-israelischen Trump-Politik. (JR)

Chilly Gonzales – ein exzentrisches Genie

Chilly Gonzales – ein exzentrisches Genie

Der kanadische jüdische Piano-Virtuose erfindet die klassische Musik neu

Helen Mirren als Golda Meir: "Jewfacing" oder eine glänzende Besetzung?

Helen Mirren als Golda Meir: "Jewfacing" oder eine glänzende Besetzung?

Anlässlich der Vergabe der Rolle der Golda Meir an die nichtjüdische Oscar-Preisträgerin Mirren, entbrannte eine Diskussion darüber, wie weit die sogenannte politische Korrektheit in der Kunst gehen darf. (JR)

The Jazz Singer

The Jazz Singer

Die gelungene Integration und Emanzipation der ersten Generation jüdischer Einwandererkinder aus Osteuropa und ihr prägender Einfluss auf die amerikanische Musik- und Filmkultur.

Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden