Die Bibelfälscher von Dänemark

Die dänische Bibelgesellschaft hat in einer neuen Übersetzung das Wort „Israel“ mehrmals aus dem Heiligen Buch getilgt. Sogar die Königin nahm an den Veröffentlichungsfeierlichkeiten des geistlichen Standardwerkes jüdischen Ursprungs teil.

Königin Margrethe II. war wohl nicht bewusst, was für ein Projekt sie mit der neuen Bibel unterstützte.© Mara sosti , AFP

Von Elisabeth Lahusen

Stolz verkündete die renommierte Dänische Bibelgesellschaft im März „Dänemark bekommt eine neue Bibel“: Das Ereignis wurde sogar mit einem Besuch von Königin Margrethe gewürdigt, der Schirmherrin der Bibelgesellschaft des skandinavischen Landes. Zur Veröffentlichung bekam das Staatsoberhaupt natürlich ein eigenes Exemplar der „Bibel 2020“ geschenkt. Zur Veröffentlichungsfeier, die am 22. März in allen Kathedralen des Landes stattfand, nahm Königin Margrethe am Festgottesdienst in der Kirche „Unserer Lieben Frau“ in Kopenhagen teil.

Hunderte Dänen hatten sich zuvor in Lesezirkeln und Arbeitskreisen im ganzen Land enthusiastisch und fleißig an dem Projekt „Bibelen 2020“ beteiligt. Handwerker, Krankenschwestern, Lehrer und Schüler, Theologen und Laien prüften den neuen Text auf Verständlichkeit und Texttreue. Es sollte eine Bibel für das Volk werden. Ohne abgehobene Begrifflichkeit, sondern so, dass sie für jeden verständlich sei. Dutzende begeisterte Presseartikel begleiteten die Arbeit.

Doch Mitte April kam die Ernüchterung, als Jan Frost, ehemaliger Vorsitzender der israelfreundlichen dänischen Organisation „Ordet og Israel“ (Wort und Israel) in verschiedenen Sozialen Medien darauf aufmerksam machte, dass in der neuen dänischen Bibelübersetzung etwas Entscheidendes fehlt.

Frost kopierte zwei Übersetzungen des 121. Psalms einmal aus der offiziellen Dänischen Bibel von 1992 und zum anderen aus der neuen Fassung von 2020 und schrieb dazu:

„Das Psalmen-Buch ist der meistgelesene Teil des Alten Testaments unter Christen. Obwohl es bei vielen Hymnen um die Kinder Israel geht, dachten die Übersetzer der neudänischen Version der Bibel, ‚die Bibel 2020‘, offenbar, dass sie das in einigen der Hymnen wohl missachten könnten. Deshalb haben sie den Text gekonnt angepasst und den Namen Israel entfernt. Zum Beispiel in Psalm 121, den viele Christen sehr lieben. Kann man das ein Übersetzen des Textes nennen? Urteile selbst! Mit alter theologischer Ausdrucksweise heißt es ‚Ersatztheologie‘. Man ersetzt Israel durch die Kirche.“

 

Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht

Damit hat der dänische Gelehrte auf etwas aufmerksam gemacht, das zuvor von tausenden Lesern und Dutzenden dänischer Zeitungsredaktionen übersehen worden war, wie der Historiker und Journalist Mikael Jalving in „Jyllands Posten“, der größten dänischen Tageszeitung, selbstkritisch bemerkte:

„Der frühere Präsident von ‚Wort und Israel‘ hat die neue Übersetzung der Bibel untersucht, die die Bibelgesellschaft gerade auf die Straße geschickt hat, und festgestellt, dass alle Verweise auf Israel (mit einer Ausnahme) aus dem Neuen Testament herausgelöst wurden. Stattdessen werden jetzt Begriffe wie die ‚Juden‘ oder das ‚jüdische Volk‘ verwendet. Darüber wundert sich der gute Mann. Ich auch, genauso wie es mir leidtut, die neue Sprachrichtlinie übersehen zu haben, als ich die neue Ausgabe überprüft und gelobt habe. Während Israel von der Karte gelöscht wird, gibt es zahlreiche Verweise auf z.B. Ägypten, Jordanien und Libyen in der Bibel, obwohl diese Orte heute auch andere geographische Grenzen haben als vor 2000 Jahren. Israel ist offensichtlich ein Stein in den Schuhen der Bibelgesellschaft.

Das von Birgitte Stoklund Larsen geführte Projekt sagt zu seiner Verteidigung, dass die Entfernung Israels im Neuen Testament aus rein kommunikativen Gründen erfolgt ist. Wenn der Name Israel beibehalten würde, könnten neue Leser den Ort mit dem Staat Israel verwechseln. Aber was ist mit Ägypten? Libyen? Libanon? Syrien? Jordanien? Offensichtlich müssen diese Namen heute in der Bibel fortgesetzt werden. Warum genau ist gerade Israel völlig anders? Eine qualifizierte Vermutung könnte sein, dass die Generalsekretärin der Bibelgesellschaft dafür bekannt ist, palästinensische Sympathien zu fördern, und noch 2016 in einer Chronik in JP – gemeinsam mit der fuchsroten Bischöfin in Haderslev, Marianne Christiansen, und dem fuchsroten Domprobst in der Kopenhagener Kathedrale, Anders Gadegaard – die Verantwortung für den Israel-Palästina-Konflikt den Israelis zuschob und die Palästinenser davon freisprach, eine Rolle bei der Eskalation des Konflikts gespielt zu haben.“ Der Artikel schließt mit dem bitteren Resümee: „Man könnte auch sagen, dass die Bibelgesellschaft es gemacht hat wie Poul Nyrup im Jahr 1996: Wenn wir Salman Rushdie nicht erwähnen, dann existiert er überhaupt nicht. Das gleiche hier: Wenn wir Israel nicht erwähnen, wird es wahrscheinlich verschwinden.“

Jalving erinnert hier an einen in Dänemark unvergessenen Skandal, als im Herbst 1996 der dänische Ministerpräsident Poul Nyrup Rasmussen aus „Sicherheitsbedenken“ verhindern wollte, dass Salman Rushdie am 14. November zur Entgegennahme des Aristeion-Literaturpreises der Europäischen Union nach Kopenhagen kommen dürfe.

Durch Jan Frosts Aufmerksamkeit ist nun die klammheimliche Verleugnung Israels bei der Übersetzung des Neuen Testaments in der „Bibelen 2020“ öffentlich geworden. Blogger und Journalisten in Dänemark, Deutschland und Israel haben das Thema dann aufgegriffen.

 

Die Bibelgesellschaft dementiert jede politische Absicht

Auf die Frage: „Warum wird ‚Israel‘ im Neuen Testament in der zeitgenössischen dänischen Bibel 2020 nur einmal erwähnt?“ antwortet die Dänische Bibelgesellschaft auf ihrer Homepage:

„Im Neuen Testament wurde das Wort ‚Israel‘ in ‚das jüdische Volk‘, ‚die Juden‘ oder ‚das Volk‘ übersetzt, denn wenn der griechische Text das Wort ‚Israel‘ verwendet, bezieht es sich auf ein Volk, mit dem Gott eine besondere Beziehung hat – Jakobs Nachkommen. Für den weltlichen Leser, der die Bibel nicht gut kennt, könnte sich ‚Israel‘ jedoch nur auf ein Land beziehen. Daher wurde das Wort ‚Israel‘ im griechischen Text auf andere Weise übersetzt, so dass der Leser versteht, dass es sich auf das jüdische Volk bezieht.“

Und während man vor einem Monat sogar noch die Königin vor den Propagandakarren spannen konnte, erklärt man nun kleinlaut: „Die Bibel 2020 soll nicht die autorisierte Fassung von 1992 ersetzen, sondern sie nur ergänzen.“

Die Erklärung, dass das Land Israel in biblischen Zeiten nicht mit dem heutigen Israel identisch sei, ist erkennbar fadenscheinig, denn die gleiche Logik wird von den Übersetzern nicht angewendet, wenn andere Länder erwähnt werden, wie Mikael Jalving sehr richtig bemerkte.

 

Der uralte christliche Hass auf das Volk des Bundes

Doch Jan Frost weist noch auf ein tieferes Problem hin. Denn es geht hier nicht nur um Worte, sondern um die sogenannte Substitutionstheologie (lat. substituere, „ersetzen“) Mit dieser Enterbungs- oder Enteignungstheologie wurden jahrhundertelang Judenverfolgungen in ganz Europa begründet. Mit der Bibel in der Hand redete man sich Pogrome schön, indem man behauptete, das einst von Gott erwählte Volk Israel sei nicht mehr das Volk seines Bundes, sondern für alle Zeit von Gott verworfen und verflucht, und Gottes Verheißungen an Israel seien auf die Kirche als neues Volk Gottes übergegangen. Erst nach dem millionenfachen Mord im Holocaust begann hier allmählich ein Umdenken, das sich seit dem Zweiten Vaticanum von 1965 auf katholischer und dem Synodalbeschluss der Rheinischen Landeskirche von 1980 auf evangelischer Seite in einer Revision des Bibelverständnisses niedergeschlagen hat. Erst jetzt begann man mit Martin Buber vom „nie gekündigten Bund“ Gottes mit Israel zu sprechen.

Martin Mordechai Buber, der große jüdische Denker und Religionsphilosoph (1878-1965), hat in seinem historischen Zwiegespräch mit dem protestantischen Neutestamentler Karl Ludwig Schmidt am 14. Januar 1933 – also zwei Wochen vor der sogenannten „Machtergreifung“ Hitlers – im Jüdischen Lehrhaus in Stuttgart das jüdische Bundesverständnis eindringlich dargestellt:

„Ich lebe nicht fern von der Stadt Worms, an die mich auch eine Tradition meiner Ahnen bindet; und ich fahre von Zeit zu Zeit hinüber. Wenn ich hinüberfahre, gehe ich immer zuerst zum Dom. Das ist eine sichtbar gewordene Harmonie der Glieder, eine Ganzheit, in der kein Teil aus der Vollkommenheit wankt. Ich umwandle schauend den Dom mit einer vollkommenen Freude. Dann gehe ich zum jüdischen Friedhof hinüber. Der besteht aus schiefen, zerspellten, formlosen, richtungslosen Steinen. Ich stelle mich darein, blicke von diesem Friedhofgewirr zu einer herrlichen Harmonie empor, und mir ist, als sähe ich von Israel zur Kirche auf. Da unten hat man nicht ein Quentchen Gestalt; man hat nur die Steine und die Asche unter den Steinen. Man hat die Asche, wenn sie sich auch noch so verflüchtigt hat... Ich habe da gestanden, war verbunden mit der Asche und quer durch sie mit den Urvätern. Das ist Erinnerung an das Geschehen mit Gott, die allen Juden gegeben ist. Davon kann mich die Vollkommenheit des christlichen Gottesraums nicht abbringen, nichts kann mich abbringen von der Gotteszeit Israels. Ich habe da gestanden und habe alles selber erfahren, mir ist all der Tod widerfahren: all die Asche, all die Zerspelltheit, all der lautlose Jammer ist mein; aber der Bund ist mir nicht aufgekündigt worden. Ich liege am Boden, hingestürzt wie diese Steine. Aber gekündigt ist mir nicht. Der Dom ist, wie er ist. Der Friedhof ist, wie er ist. Aber gekündigt ist uns nicht worden.“

Nein, der Bund wurde nie aufgekündigt. Das Wort bleibt bestehen.

„So spricht Gott, der Herr: Wenn ich das Haus Israel wieder sammle aus den Völkern, unter die sie zerstreut worden sind, so werde ich mich an ihnen heilig erweisen vor den Augen der Heiden, und sie sollen in ihrem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe.“

(Hesekiel 28,25)

Und wer als Christ jetzt nach Ostern die Apostelgeschichte aufschlägt, der sei an die erste Frage erinnert, die die Apostel dem Auferstandenen stellten:

„Da fragten ihn die, welche zusammengekommen waren, und sprachen: Herr, stellst du in dieser Zeit für Israel die Königsherrschaft wieder her?“

(Apostelgeschichte 1,6)

Und so können wir Juden und Christen vereint sein in dem eindringlichen Gebet des Psalmisten:

„Gott, schweige nicht! Verstumme nicht und sei nicht stille, Gott! Denn siehe, deine Feinde toben, und die dich hassen, erheben das Haupt. Gegen dein Volk planen sie listige Anschläge, und sie beraten sich gegen die, die bei dir geborgen sind. Sie sprechen: Kommt und lasst uns sie als Nation vertilgen, dass nicht mehr gedacht werde des Namens Israel!“

(Psalm 83)

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