Jakob Egit – der Vater der jüdischen Autonomie in Schlesien nach dem Zweiten Weltkrieg

Die unglaubliche Geschichte der nur vier Jahre lang bestehenden jüdischen Autonomie in einem winzigen Teil von Polen, dem im Eulengebirge befindlichen Reichenbach.

Landkarte Schlesiens mit der Stadt Reichenbach
© MENAHEM KAHANA, AFP

Von Tina Adcock

Reichenbach gehörte bis zum Siebenjährigen Krieg noch zu Österreich und fiel anschließend an Polen. Diese kleine Stadt war Schauplatz einiger historischer Ereignisse. Im Jahr 1790 etwa trafen sich dort Repräsentanten aus Böhmen, Österreich, Preußen, Holland und Polen, um über den Österreichich-Türkischen Krieg zu verhandeln. Am 27. Juli 1813 wurde in der Stadt außerdem die Konvention von Reichenbach unterzeichnet, die das anti-napoleonische Bündnis schuf – bestehend aus Preußen, Russland und Österreich. Die Industrialisierung, sowie die Judenemanzipation förderten den Aufschwung der Region. Bereits seit 1875 gab es eine Synagoge in „Rychbach“. Sie überdauerte selbst den Zweiten Weltkrieg, da man sie an einen „arischen“ Friedhofsgärtner verkauft hatte. Während des Krieges diente die Synagoge – ironischerweise – als Hauptquartier der Hitlerjugend, und wurde nach Kriegsende an die Gemeinde zurückgegeben. Seit dem deutschen Überfall auf Polen im Jahr 1939 gehörte die Region zum damaligen Deutschen Reich. Die Stadt hatte, wie viele andere in Schlesien, Glück im Unglück, und wurde nicht zerstört. Reichenbach kam jedenfalls nach dem Kriegsende zu Polen. Vor allem polnische Juden und ehemalige KZ-Häftlinge, die im Lager Groß-Rosen als Arbeitssklaven für das Nazi-Geheimprojekt „Riese“ (ein Stollensystem – der Ersatz für das Führerhauptquartier) Zwangsarbeit verrichten mussten, siedelten sich in der Stadt an.

Die rasche Organisation der jüdischen Autonomie war bemerkenswert. Es gab eine jüdische Selbstverwaltung, jüdische Schulen, Krankenhäuser, Waisenhäuser, landwirtschaftliche Kibbuzim, Theater und vieles mehr.

Im Jahr 1946 benannte die polnische Behörde Rychbach in Dzierzoniów um. Die anfängliche Unterstützung der polnischen Regierung wich allerdings schnell, weil die Kommunisten einen zentralistischen Staat anstrebten. Die Regierung vertrat bald schon die Meinung, dass eine jüdische Autonomie die staatliche Autorität untergraben würde. Die Angriffe auf Juden häuften sich, ein Beispiel dafür ist unter anderem das Pogrom von Kielce am 4. Juli 1946. Es kam zu Schauprozessen gegen jüdische Partei- und Staatsfunktionäre. Nach dem Pogrom von Kielce zogen viele ehemalige Einwohner in das Heilige Land, andere wanderten in die Vereinigten Staaten aus. Im Jahr 1980 wurde schließlich die Synagoge geschlossen und verfiel, da es nicht mehr genügend jüdische Anwohner gab.

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