Die halbherzige Distanz der Evangelischen Kirche zu BDS und die Entjudaisierung der Bibel

In der evangelischen Bibel wurden wichtige jüdische Bezüge des Urtextes unterschlagen – dies beeinflusst bis heute den protestantischen Blick auf Israel.

Heinrich Bedford-Strohm, Oberhaupt der Evangelischen Kirche in Deutschland, lässt israel-feindliche Pfarrer gewähren.© Ferdinand Ostrop, AFP

Von Elisabeth Lahusen

Es gibt eine neue Stellungnahme der EKD zur Debatte um die „Boycott, Divestment and Sanctions“-Bewegung, kurz BDS. Hier wird nach einer Einleitung in 10 Punkten dargelegt, wie die EKD ihre Position im Konflikt zwischen Israel und den „Palästinensern“ sieht, in welcher Situation sich die EKD in Folge der deutschen Vergangenheit befindet, und dass man trotz der eigenen historischen Einbindung die Zusammenarbeit mit BDS-Unterstützern braucht.

Auffallend ist: Es handelt sich in Form und Aufbau nicht um ein Diskussionspapier, sondern um eine Verkündigung in 10 Punkten. Man ist sich von Seiten der EKD also offenbar sehr sicher. 10 Punkte – das erinnert nicht nur zufällig an die 10 Gebote. Göttliche Gebote haben bekanntlich den Vorteil, dass sie nicht hinterfragt werden dürfen. Sie sind in Stein gemeißelt und die Gläubigen haben sich danach zu richten. Die EKD gibt folgerichtig an dieser Stelle auch keine Erklärungen dafür, warum sie es für wichtig hält, mit BDS-Unterstützern zusammenzuarbeiten. Sie sagt hier weder, warum man diese Zusammenarbeit für notwendig hält, noch hinterfragt sie die Quellen der eigenen Argumente. Wenn aber ein Zug so eindeutig in die Irre fährt, dann lohnt es sich, zu schauen, ob es nur am aktuellen Zugführer, oder vielleicht doch auch an der vorangegangenen Weichenstellung liegt. Ich möchte mir daher erlauben, zu einem Exkurs zu den 10 Geboten einzuladen, denn die Probleme der Lutheraner mit dem jüdischen Volk sind viel älter als der Nahostkonflikt.

 

Was im modernen Dekalog der EKD fehlt

Wer die christlichen Traditionen kennt, wird wissen, dass die lutherische und katholische Kirche bei den 10 Geboten signifikante Veränderungen vorgenommen haben. Die Unterschiede zu anderen christlichen Traditionen (Anglikanisch, Orthodox, Reformiert) lasse ich hier bewusst außen vor, obwohl es hier auch in Bezug auf die traditionellen antijüdischen Tendenzen und ihre Ausformungen in der antisemitischen und antiisraelischen Politik der Gegenwart durchaus interessante Beobachtungen gibt. Ich möchte hier explizit nur die Rolle der EKD beleuchten und beziehe mich deshalb im Folgenden auf die Wiedergabe des Dekalogs im Onlineauftritt der EKD (www.ekd.de/Zehn-Gebote-10802.htm). Für das Verständnis werden jeweils 2 Gebote der ebenfalls online verfügbaren Übertragung aus dem hebräischen Urtext durch Rabbi Dr. Bamberger von der Synagogengemeinde Saar gegenübergestellt (leicht redigiert) und auf bestimmte Punkte hingewiesen, die auch für das Verständnis der Sicht der EKD auf den Nahostkonflikt wichtig sind. Kenner des jüdischen Urtexts mögen verzeihen, wenn hier nicht jede Nuance berücksichtigt wird.

Die EKD stellt ihrer Online-Darstellung der 10 Gebote unter dem Titel „Grundlage der christlichen Ethik“ folgenden Text voran:

„Einzelne Gebote kennen viele aus dem Religionsunterricht: Du sollst nicht töten. Oder: Du sollst Mutter und Vater ehren. Nach biblischer Überlieferung hat Gott die Zehn Gebote dem Propheten Mose auf dem Berg Sinai übergeben. Sie sind im Alten Testament überliefert. Die Gebote regeln die Haltung des Menschen zu Gott und zu den Mitmenschen.“

Schauen wir einmal genau hin. Was steht in der jüdischen Bibel und was hat die EKD aktuell daraus für die christliche Ethik gemacht?

Übertragung nach dem Urtext:

Gott sprach alle diese Worte also:

(1.) Ich bin der Ewige, dein Gott, der ich dich aus dem Lande Ägypten geführt hat, aus dem Hause der Sklaven.

(2.) Es seien dir keine anderen Götter vor meinem Angesichte. Mache dir kein behauenes Bild oder jegliche Gestalt von dem, was im Himmel oben, von dem, was auf der Erde unten, und von dem, was im Wasser unterhalb der Erde. Bücke dich nicht vor ihnen und diene ihnen nicht, denn ich bin der Ewige, dein Gott, ein eifervoller Gott, der die Schuld der Eltern ahndet an den Kindern, am dritten und am vierten Geschlecht, denen, die mich hassen. Und der Gnade erweist bis ins tausendste Geschlecht denen, die mich lieben und meine Gebote hüten.

Die EKD dazu:

„Das erste Gebot

Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

Das zweite Gebot

Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen.“

Hier fällt auf, dass der Bezug der 10 Gebote zum Judentum völlig eliminiert wurde. Der moderne lutherische Gläubige erfährt hier zudem weder etwas von dem Ursprung des jüdischen Volkes im Nahen Osten („dein Gott, der ich dich aus dem Lande Ägypten geführt hat“), noch etwas davon, dass das Judentum durch die Geschlechterfolge weitergetragen wird und es sich also nicht nur um einen Glauben, sondern ganz explizit um ein Volk handelt. (Ganz im Gegensatz übrigens zur Lutherbibel letzter Hand, wie sie 1545 durch Hans Lufft gedruckt wurde. Man kann Luther einiges vorwerfen im Umgang mit den Juden, aber eine willkürliche Verkürzung des Bibeltextes wäre ihm nicht eingefallen. Und auch die Elberfelder Bibel kennt den Sabbat und den Bezug zum Auszug aus Ägypten.) Das 3. jüdische Gebot wird dann bei den Theologen der EKD weiter zum 2. christlichen. Damit verschiebt sich neben dem Verlust des Bilderverbotes auch die Zählung. Gehen wir weiter nach der Übertragung aus dem Urtext:

(3.) Sprich nicht den Namen des Ewigen, deines Gottes, zum Vergeblichen aus, denn der Ewige lässt den nicht ungestraft, der seinen Namen zum Vergeblichen ausspricht.

(4.) Gedenke des Sabbattages, ihn zu heiligen. Sechs Tage sollst du arbeiten und all dein Werk verrichten. Der siebente Tag ist Sabbat dem Ewigen, deinem Gott, zu ehren, verrichte keinerlei Arbeit, du, dein Sohn und deine Tochter, dein Knecht, deine Magd, dein Vieh und dein Fremder, der in deinen Toren lebt. Denn in sechs Tagen hat der Ewige den Himmel und die Erde erschaffen, das Meer und alles was in ihnen ist, und ruhte am siebenten Tage, darum segnete der Ewige den Sabbattag und heiligte ihn.

EKD:

Das dritte Gebot

Du sollst den Feiertag heiligen.

Das vierte Gebot

Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

Aus dem heiligen jüdischen Sabbat wird hier einfach der „Feiertag“. Dass die Siebentagewoche eine jüdische Erfindung war, der man als guter Christ in der Form, aber nicht mehr im Inhalt folgt (Sonntagsruhe) erfährt man hier ebenfalls nicht.

Weiter heißt es in der jüdischen Bibel:

(5.) Ehre deinen Vater und deine Mutter, dass deine Tage lang werden auf dem Erdreiche, das der ewige, dein Gott, dir gibt.

(6.) Morde nicht.

Die EKD führt weiter mit

Das fünfte Gebot

Du sollst nicht töten.

Das sechste Gebot

Du sollst nicht ehebrechen.

Was es auf sich hat mit dem Hinweis auf Erde, die Gott dem Menschen gibt und der damit verbundenen Ehrung der Eltern, wäre vielleicht auch einmal interessant. Denn es gibt über die EKD hinaus ein großes Unverständnis christlicher Kreise in Bezug auf die Bindung des jüdischen Volkes zu Eretz Israel. Aber hier gibt es noch ein weiteres Problem, das unmittelbar in die Gegenwart wirkt. Aus dem 6. Gebot des Judentums wird bei der EKD das 5. Gebot. Und nicht nur die Zählung ist eine andere, sondern es wird dabei auch inhaltlich eine Veränderung vorgenommen. Jedes moderne Strafgesetzbuch in demokratischen Staaten unterscheidet im Sinne der jüdischen Bibelfassung zwischen Morden und Töten. Die EKD unterscheidet hier ausdrücklich nicht und gibt ihren Gläubigen damit auch keine Richtschnur für ihr Handeln. Es wäre danach auch folgerichtig kein Unterschied, ob ein Polizist, um sich oder andere zu retten, einen Attentäter tötet, oder ob jemand vorsätzlich einen anderen Menschen ermordet. Wer zwischen Mord und Tötung nie zu unterscheiden gelernt hat, läuft Gefahr, etwas moralisch gleichzusetzen, was nicht zu vergleichen ist. Dieser Fehler lässt sich schon bei Luther nachweisen.

Der Vollständigkeit halber seien auch Nr. 7 und 8 erwähnt:

(7.) begehe keinen Ehebruch,

(8.) stehle nicht,

EKD:

Das siebte Gebot

Du sollst nicht stehlen.

Das achte Gebot

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

Weiter geht es mit

(9.) sage gegen deinen Nächsten kein falsches Zeugnis aus.

(10.) Begehre nicht das Haus deines Nächsten, begehre nicht das Weib deines Nächsten, seinen Knecht, seinen Ochsen, seinen Esel und alles, was deinem Nächsten gehört.“

EKD:

Das neunte Gebot

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

Das zehnte Gebot

Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.

Um formal wieder auf die Zahl 10 zu kommen, wird bei der EKD das 9. Gebot (Reihenfolge nach 2. Buch Mose) einfach aufgeteilt und es werden zweie daraus gemacht. Das 9. EKD- Gebot schützt demnach explizit die Immobilie und das 10. dann allen beweglichen Besitz des „Nächsten“. Ich möchte hier einmal offenlassen, ob der verbale Furor bestimmter westlicher Christen gegen jüdische Häuslebauer im Westjordanland vielleicht genau hier seinen Ursprung hat. Die katholische Kirche hat übrigens aktuell aus dem Besitz an der Frau ein exklusives 9. Gebot (Reihenfolge nach 5. Buch Mose) gebastelt.

Die Schlussbemerkung der EKD lautet:

„Hinweis: Bei der Zählung der Gebote gibt es im Judentum und in den christlichen Kirchen unterschiedliche Traditionen. Die hier wiedergegebene Fassung folgt der lutherischen und römisch-katholischen Tradition. Eine andere Zählung ergibt sich dort, wo das Bilderverbot – ‚Du sollst dir kein Bildnis machen‘ – als zweites Gebot aufgeführt wird, so in der anglikanischen, reformierten und orthodoxen Tradition. Dort werden dann ‚neuntes‘ und ‚zehntes‘ Gebot als ein Gebot verstanden.“

Die massiven inhaltlichen Eingriffe in den jüdischen Urtext sind der EKD also keine Erwähnung wert. Das lässt vermuten, dass hier auch kein Bewusstsein für die Tragweite der eigenen Textexegese vorhanden ist.

 

Was die EKD zu BDS zu sagen hat

Seit Anfang März steht nun die Stellungnahme der EKD zu BDS online. Den 10 Punkten ist eine Erklärung vorangestellt:

„BDS“ steht für Boycott, Divestment and Sanctions und geht zurück auf einen internationalen Aufruf der palästinensischen Zivilgesellschaft aus dem Jahr 2005. Unterstützt und initiiert wurde der Aufruf von palästinensischen Parteien, Verbänden und Organisationen als Erstunterzeichnern. Ziel der Kampagne ist, mittels verschiedener Boykottmaßnahmen auf Israel wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Druck auszuüben, um Israel zur Änderung seiner Politik gegenüber dem palästinensischen Volk und zur Beendigung der Besatzung palästinensischer Gebiete zu bewegen.“

Hier wird keine klare Trennung zwischen „geht zurück auf Zivilgesellschaft“ und „wurde initiiert von Parteien, Verbänden und Organisationen“ vorgenommen. Dass die „Palästinensische Autonomiebehörde“ als politisches Zentralorgan ein höchst problematisches Verhältnis zu zivilen Standards hat und auch die Hamas-Partei in ihrem Herrschaftsgebiet diktatorisch auftritt, scheint bei der EKD noch nicht angekommen zu sein. Wer eine Änderung von „Politik“ verlangt, sollte mit den jeweiligen Verantwortlichen der anderen Seite in einen Dialog treten und konkrete Forderungen äußern. Doch BDS verkündet unterschiedslos Boykott

„gegen israelische Waren und Dienstleistungen, israelische Künstlerinnen und Künstler, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Sportlerinnen und Sportler.“

Mit anderen Worten: allen Israelis wird die Begegnung oder der Auftritt, etwa in den Medien oder bei Vortragsveranstaltungen, grundsätzlich verweigert. Anders als hier von der EKD dargestellt, verfolgt BDS also ein ganz anderes Ziel als nur Kritik an der aktuellen israelischen Politik.

Unter Punkt 1 heißt es: „Der Rat der EKD hält in der aktuellen Debatte um Israel und Palästina an seiner bisherigen Position fest und tritt für eine Zweistaatenlösung ein.“ Hier möge sich die EKD vormerken, dass eine „Zweistaaten-Lösung“ erst denkbar ist, wenn auch die „Palästinenser“ einen eigenen Staat ausgerufen haben. Vorerst weigern sie sich, das zu tun. Weiter schreibt die EKD: „Maßstab ist dabei stets die Einhaltung der Standards der Menschenrechte und des Völkerrechts.“ Welche Menschenrechte die Hamas im Umgang mit der Bevölkerung des Gazastreifens einhält und wie es insbesondere den Christen dort ergeht, scheint die EKD dabei nicht zu interessieren.

In Punkt 2 distanziert sich die EKD von der BDS- Bewegung:

„Die Evangelische Kirche lehnt Boykottmaßnahmen gegen Israel ab und beteiligt sich nicht an entsprechenden Projekten im Rahmen der BDS-Kampagne. (…) Gerade in Deutschland ist das Assoziationsfeld der NS-Aktion „Kauft nicht bei Juden“ praktisch unvermeidlich, wenn sich die Worte „Boykott“ und „Juden / jüdischer Staat / Israel“ verbinden. Wer durch sein politisches Reden und Handeln Existenzängste bei Nachfahren von Shoah-Überlebenden und -Opfern auslöst, kann nicht glaubhaft darlegen, Antisemitismus-Gefahren hinreichend ernst zu nehmen. Durch Boykottaufrufe gegen Firmen, Veranstalter und Organisationen werden bisweilen die Meinungs-, Kunst- oder die Wissenschaftsfreiheit eingeschränkt. Jüdische Gemeinden und Institutionen werden teils pauschal für die Politik des Staates Israel in Regress genommen. Solche Boykottaufrufe sind ein Hindernis für eine Friedenslösung, die Israels Fortbestand als demokratischer Staat und nationale Heimstätte des jüdischen Volkes ebenso garantiert wie sie die Rechte der Palästinenser in einem eigenen Staat gewährleisten muss.“

Die EKD verkennt dabei, dass Iran, „palästinensische“ Organisationen wie die Hamas oder auch die Hisbollah im Libanon sowie früher alle arabischen Staaten, darunter Ägypten und Syrien, ganz offen die Vernichtung des jüdischen Staates verkündet und betrieben haben. Nicht nur Nachkommen der Schoah-Überlebenden, sondern jeder einzelne Israeli kennt den Begriff „Existenzangst“. Die Raketen der Hamas und auch die Selbstmordattentäter unterscheiden auch nicht zwischen arabischen und jüdischen Israelis. Wobei auffallend ist, dass die EKD die religiöse und ethnische Vielfalt in Israel nicht berücksichtigt. Im Gegenteil, die EKD bemüht sich sichtlich um Äquidistanz zu beiden Seiten – Israel und dem „palästinensischen Volk“, wobei die „palästinensische“ Seite als „zivilgesellschaftlich“ dargestellt wird und man Kritik an Israel (hat Israel etwa keine Zivilgesellschaft?) grundsätzlich begrüßt, aber keinerlei Kritik an den diversen „palästinensischen“ Organisationen übt.

„3. Für die Haltung der Evangelischen Kirche spielt die besondere historische Verantwortung Deutschlands, die auch den Kirchen aus ihrer eigenen Geschichte erwächst, eine grundlegende Rolle. Sie ergibt sich für die Evangelische Kirche aus ihrem eigenen historischen Versagen gegenüber den Juden. Israel hat für das deutsche Selbstverständnis seit Ende des Zweiten Weltkrieges eine fundamentale Bedeutung. Anhand von Israel reden wir immer auch über „uns“ und „unsere Lehre“ aus Auschwitz. Dies unterscheidet die Diskussion in Deutschland von der internationalen Debatte, aber auch von der Art und Weise, in der der Konflikt in Israel und Palästina von den Betroffenen selbst erlebt wird.

Im letzten Jahrzehnt beobachten wir in Deutschland mit Sorge und Entsetzen eine Zunahme antisemitischer verbaler Aus- und gewaltsamer Überfälle. Neben einem selbstkritischen Umgang mit unserer eigenen Geschichte und Tradition sehen wir uns daher in der Verantwortung, allen Formen von Antisemitismus sowohl in den eigenen Reihen wie auch in unserer Gesellschaft entschieden entgegenzutreten. Das betrifft auch unser Verhältnis zu Israel. Diese besondere Verantwortung der evangelischen Kirchen in Deutschland unterscheidet sich daher prinzipiell von der Position anderer Kirchen mit anderen historischen Erfahrungen und in anderen politischen Kontexten.“

Die EKD erwähnt hier die besondere Verantwortung der Kirche und das eigene Versagen. Genau hier hätte die EKD in ihrer Stellungnahme auch die eindeutig antisemitischen und letztlich juden-vernichtenden Absichten der BDS-Bewegung in den Vordergrund stellen müssen. Und wen meint die EKD mit „die Betroffenen selbst“ – nur die „Palästinenser“, oder auch die jüdischen und arabischen Israelis, die unter dem Terror leiden? Und warum werden die Ursachen der „Zunahme antisemitischer verbaler Aus- und gewaltsamer Überfälle“ in Deutschland nicht genannt? Nebenbei sei hier angemerkt, dass der Staat Israel erst 3 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gegründet worden ist.

„4. Der Staat Israel und seine Politik dienen häufig als Projektionsfläche für antisemitische Ressentiments unterschiedlicher Provenienz (rechtsradikal, linker Antizionismus, islamistisch). Kritik an Israel hat insofern einen judenfeindlichen Resonanzraum. Es ist deshalb unerlässlich, eine konkrete Diskussion darüber zu führen und jeweils im Einzelfall zu überprüfen, wo die Grenzlinien zwischen legitimer Kritik, konstruierten Feindbildern und judenfeindlichen Ressentiments liegen. (…)“

Hier erwähnt die EKD die Problematik einer Grenzüberschreitung von legitimer politischer Kritik zu Antisemitismus. Aber warum diese politische Kritik sich angesichts der vielen diktatorisch geführten Nachbarstaaten so exklusiv immer Israel aussucht, wird nicht hinterfragt.

„5. Die EKD registriert mit großer Sorge, dass sowohl pro-israelische als auch pro-„palästinensische“ Unterstützergruppen in Deutschland ihre Positionen in immer ausschließenderer Weise vertreten und dass das gesellschaftliche Diskussionsklima zum Thema Israel und Palästina immer stärker vergiftet wird. Der Streit ist häufig geprägt durch eine Tabuisierung und Skandalisierung abweichender Meinungen und durch eine Verhärtung der Fronten, die Verständigung und Differenzierung kaum mehr zulassen.“

In diesem Bemühen um Äquidistanz wird völlig außer Acht gelassen, dass es sich bei der antiisraelischen Agitation und ihren Unterstützern nicht um Vertreter „abweichender Meinungen“ handelt, sondern um vernichtungs-antisemitische Propaganda, die das Existenzrecht Israels in Frage stellt.

„6. Die EKD sieht als Anliegen des BDS-Gründungsaufrufs von 2005 das Bekenntnis zu Gewaltfreiheit, den Einsatz für Menschenrechte und das Ziel eines gerechten Friedens in Israel und Palästina. Sie sieht zugleich mit Sorge, dass sowohl im Gründungsaufruf als auch in der Bewegung selbst eine klare Abgrenzung gegenüber einer einseitigen Kritik fehlt, die auf eine Delegitimation des Staates Israel und seine Dämonisierung als jüdischem Staat hinausläuft und damit von einer antisemitischen Haltung nicht mehr unterscheidbar ist und einseitige Bewertungsmaßstäbe anlegt. Sie verurteilt es, wenn BDS-Vertreter und -Vertreterinnen aggressiv auftreten und Druck auf staatliche und nichtstaatliche Institutionen, Veranstalter, Unternehmen etc. ausüben, sich dem grundsätzlichen Boykott gegen Israel anzuschließen.“

Dieser Punkt ist besonders abenteuerlich. Denn einerseits wird BDS völlig ohne Beleg „als Anliegen das Bekenntnis zu Gewaltfreiheit, den Einsatz für Menschenrechte und das Ziel eines gerechten Friedens in Israel und Palästina“ zugeschrieben, aber schon in der Folge wird zurecht das tatsächliche Verhalten und die Aggressivität von BDS erwähnt. Doch welchen Wert haben „Bekenntnisse“ zu Gewaltlosigkeit, wenn sie in der Wirklichkeit nicht umgesetzt werden. Warum kann hier die EKD diese Diskrepanz zwischen Propaganda und Wirklichkeit nicht klar als Lüge benennen?

Unter 7. behauptet die EKD:

„Im Interesse einer friedlichen Regelung des israelisch-palästinensischen Konfliktes, an der gerade Deutschland interessiert sein muss und ist, bedarf es einer differenzierten Sicht auf Ursachen, Verantwortlichkeiten, aber auch auf Unversöhnlichkeiten und unauflösbare Gegensätze. Es bedarf ernsthafter Bemühungen und Sensibilität in der wechselseitigen Wahrnehmung und in der Anerkennung legitimer Bedürfnisse, Interessen, Motivationen und Sichtweisen aller Beteiligter. Es braucht ein hohes Maß an Nüchternheit, Sachlichkeit, Differenziertheit aber auch Einfühlungsvermögen und Sensibilität als Basis für einen Dialog, der gegenseitiges Verstehen und Verständigung ermöglicht.“

Genau daran hätte sich auch die EKD halten müssen, wenn sie wie selbstverständlich von „Palästina“ und „palästinensischen Gebieten“ redet. Und was sind hier „legitime Bedürfnisse“ und wo liegt das deutsche Interesse, wenn speziell auf „palästinensischer“ Seite aus religiösen Gründen die Abschaffung des jüdischen Staates auf „islamischem Land“ gefordert wird?

„8. Die EKD und ihre Evangelische Mittelost-Kommission sind seit Jahrzehnten bemüht, Dialogfähigkeit und Dialogräume zwischen Gruppen und Organisationen zu stärken, die sich der Solidarität entweder mit Israel oder mit Palästina verpflichtet fühlen. (…) In einem solchen Dialog haben Positionen sowie Vertreter und Vertreterinnen, die einseitig Israel diffamieren und dämonisieren oder antisemitische Positionen einnehmen, ebenso wenig Raum wie jene, die jegliche Kritik an der Regierung Israels und ihrer Politik als judenfeindlich zurückweisen und unter einen antisemitischen Generalverdacht stellen.“

Das ist bemerkenswert: Es gibt zwar in vielen demokratischen Ländern außer den bekannten Oppositionsparteien immer auch eine „außerparlamentarische Oppositionen“, aber nur im Falle von Israel scheinen Vertreter der Kirche sich berufen zu fühlen, zusätzlich eine „außerstaatliche Opposition“ zu unterstützen.

„9. Die EKD ist auf verschiedene Weise – bis hin zu vertraglich geregelten Kirchengemeinschaften oder auf der Ebene der Kirchlichen Weltbünde – auch mit ökumenischen Partnern verbunden, die sich als Teil der BDS-Bewegung verstehen, einzelne Maßnahmen wie etwa einen Investitionsentzug umgesetzt haben oder BDS-Maßnahmen unterstützen. Dieses Engagement kann die erwähnten ökumenischen Partnerschaftsbeziehungen nicht in Frage stellen. (…) Eine sachliche Auseinandersetzung darüber, wie die ökumenisch gemeinsam angestrebten politischen Ziele eines gerechten Friedens für die Region am besten erreicht werden können, muss möglich sein.“

Das heißt im Klartext: Wir wollen zwar wegen der deutschen Geschichte nicht selbst bei BDS mitmachen, aber wenn es andere tun, dann bleiben wir trotzdem deren Freunde. Und was bitte bedeutet mit Blick auf die Situation des Irak, auf Krieg und Bürgerkrieg in Syrien, auf die Hamas, den IS, den islamischen Dschihad, Boko Haram und diverse andere Terrorgruppen und nicht zuletzt den antiisraelischen Vernichtungswillen des Iran ein „gerechter Friede für die Region“?

„10. Die Kritik an der BDS-Kampagne darf nicht dazu führen, die Arbeit bzw. Unterstützung anerkannter israelischer, palästinensischer und internationaler Organisationen einzuschränken. Die EKD unterstützt israelische und palästinensische Menschenrechtsorganisationen; sie fördert humanitäre und soziale Dienste in den besetzten palästinensischen Gebieten und engagiert sich gemeinsam mit Partnern vor Ort für Versöhnung und Verständigung zwischen Israelis und Palästinensern.“

Bei allem Bedauern der EKD über den Antisemitismus in Europa, der auch über BDS angeheizt wird: Eine Verantwortlichkeit von der PA oder gar der Hamas für die Situation der Palästinenser und die Rolle von BDS, die von Anfang an den Terror legitimiert hat, will oder kann die EKD weder sehen noch eindeutig benennen. So wie die 10 Gebote dieser Kirche nicht zwischen Mord und Tötung unterscheiden, hat man auch hier keinerlei moralischen Kompass erkennen.

Es wäre schon ein Fortschritt, wenn man sich künftig beim Lernen der 10 Gebote auch daran erinnert, wie diese ursprünglich gedacht waren. Und wenn man schon ein Gebot für den Schutz der Immobilienbesitzer einführt, so sollte man auch der Juden gedenken, die im letzten Jahrhundert im gesamten arabischen Raum enteignet wurden, sowie auch der Christen, die dort aktuell aus ihren Häusern vertrieben werden. Denn eines ist sicher: ein gerechter Friede in Nahost ist mit Israelkritik nicht zu erreichen.

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