„Woran ich auch denke, Auschwitz ist immer präsent“

Zum 90. Geburtstag des Literaturnobelpreisträgers Imre Kertész

Imre Kertész nach der Nobelpreisverleihung in Stockholm 2002© AFP

Von David Schimanovskij

Im Jahre 2002 jubelte Ungarn: Zum ersten Mal wurde der Literaturnobelpreis einem ungarischen Schriftsteller verliehen. Einige schienen jedoch konsterniert: „Soll er ‚unser‘ sein? Kertész ist ein Jude reiner Abstammung, und für den Nobelpreis wurde er auf Vorschlag der Deutschen hin nominiert.“

Imre Kertész wurde am 9. November 1929 in Budapest als einziges Kind in eine assimilierte jüdische Familie hineingeboren; seine Muttersprache war Ungarisch. Sein Großvater Adolf Klein wechselte in der Zeit der Magyarisierung (Assimilierung der nationalen Minderheiten, - Anm. d. Übers.) seinen Namen auf Kertész.

Mit zehn Jahren erlebte Imre die Scheidung seiner Eltern und kam ins Internat. Auch in Ungarn war Ende der 1930er eine schwere Zeit, es wütete das autoritäre Regime Horthys, der antisemitische Gesetze einführte. Im März 1944 okkupierte die deutsche Wehrmacht Ungarn und an die Macht kam der pronazistische Szálasi. Im Juli 1944 wurde Imre Kertész, der damals nicht einmal 15 Jahre alt war, verhaftet und nach Auschwitz deportiert; dank dem Rat eines erfahrenen Häftlings machte er sich bei der Selektion zwei Jahre älter und konnte so dem sicheren Tod entkommen: Kinder wurden als „Unbrauchbare“ in die Gaskammer geschickt; Erwachsene arbeiteten und hofften dies zu überleben.

Der Schriftsteller Imre Kertész war bereits über 70, als er eine Kopie der Häftlingsliste von der Gedenkstätte Buchenwald erhielt; eine Liste, in der das Datum „18. Februar 1945“ vermerkt wurde. Unter der Rubrik „Ausgeschieden“ las er über den Tod des Häftlings Nr. 64921 Imre Kertész… Damals wurde er jedoch, schwer krank, ins Lagerspital gebracht, und am 13. April 1945 befreiten amerikanische Truppen das Lager, was ihm das Leben rettete.

Zurück in Budapest beendete Imre seine schulische Ausbildung und bekam 1948 eine Stelle bei der Zeitung „Világosság“, welche 1951 zu einem Parteiorgan der Kommunisten wurde. Kertész als „ideologisch Ungefestigter“ verlor jedoch seine Stelle und musste zum Militärdienst. Danach verdiente er unregelmäßig seinen Lebensunterhalt beim Rundfunk, schrieb Texte für Radioinszenierungen und Musicals, jobbte bei der Hochschule für Kinematographie. In diesen Jahren regierte in Ungarn Mátyás Rákosi, ein totalitärer Stalinist. Um nicht als „Schmarotzer“ zu gelten und so in die „Umerziehung“ zu geraten (das typische Vokabular dieses Regimes), nahm Imre eine Festanstellung an. Tagsüber schuftete er als Fabrikarbeiter, seine Nächte widmete er der Literatur: Er schrieb Prosa „für irgendwann“ und machte Übersetzungen.

 

„Immer wollte ich verstehen, warum Menschen so sind“

Literarische Tätigkeit wurde für Kertész zum Synonym vom „Leben“, sein Leitmotiv – die Erinnerung an die Schrecken des Nazismus. Dennoch traute sich Kertész sein erstes Werk über den Holocaust erst im Jahre 1961 zu schreiben. Er arbeitete zehn Jahre daran, weitere fünf Jahre kämpfte er für die Veröffentlichung. Im sozialistischen Ungarn gab es keinen Bedarf für dieses Thema, sodass der Roman „Schicksalslosigkeit“ – auf Deutsch erschienen unter dem Titel „Roman eines Schicksalslosen“ – weder von den Kritikern noch vom Publikum beachtet wurde. Den Titel seines Buches deutete Imre Kertész auf folgende Weise:

„Was bezeichne ich aber als Schicksal? Auf jeden Fall die Möglichkeit der Tragödie. Die äußerste Determiniertheit aber, die Stigmatisierung, die unser Leben in eine durch den Totalitarismus gegebene Situation, in eine Widersinnigkeit presst, vereitelt diese Möglichkeit: Wenn wir also als Wirklichkeit die uns auferlegte Determiniertheit erleben statt einer aus unserer eigenen – relativen – Freiheit folgenden Notwendigkeit, so bezeichne ich das als Schicksalslosigkeit.“

(Zitiert aus: Imre Kertész, Galeerentagebuch, Eintrag vom Mai 1965, - Anm. d. Übers.)

Die Hauptfigur des Romans ist ein jüdischer Junge namens Düry Köves, welcher erst ins Ghetto und später ins KZ kommt; dort lernt er, „ein Leben zu leben, das kein Überleben zulässt“ und wird auch Zeuge dessen, wie die Gewaltopfer immer mehr physischen und psychischen Entwürdigungen ausgesetzt sind. Er ist erstaunt, wie durchdacht und logisch dieses System von den Deutschen aufgebaut ist. Und er kommt zu einer absurden, einer kafkaesken Schlussfolgerung: „Bereits am Gymnasium hätte man uns Auschwitz beibringen sollen.“

1977 wurden zwei Erzählungen von Kertész veröffentlicht („Der Spurensucher“ und „Detektivgeschichte“), 1988 „Fiasko“ und später „Kaddisch für ein nicht geborenes Kind“ – das letzte Buch in der Trilogie über die Odyssee von Imre Kertész. Er schrieb in seinem Tagebuch: „Denke ich an einen neuen Roman, denke ich wieder nur an Auschwitz. Es ist uns nicht gegeben, anzufangen, von neuem zu leben. Ich führe mein Leben fort – dieses immer gleiche leblose, erstarrte Leben.“

Protagonist des „Kadischs“ ist derselbe wie im ersten Roman. Er heiratet eine nach dem Krieg geborene Jüdin, die wunderschön ist und von einem Kind träumt. Der Ehemann verweigert ihr jedoch entschieden diesen Wunsch – er kann seine Angst, in dieser Welt, wo ein Holocaust möglich ist, nicht überwinden: „Niemals darf mit einem anderen Kind das geschehen, was mir in meiner Kindheit widerfahren ist… Was, wenn es später sagt: ‚Ich will kein Jude sein?‘“

 

Er blieb nach 1956 in Ungarn

Kertész wurde oft „Dissident“ genannt, verließ Ungarn nach 1956 jedoch nicht. In seinem Essay schrieb er: „Uns war klar, dass wir von einer kriminellen Bande regiert werden, welche nach den Gesetzen einer kriminellen Welt schaltet und waltet. Der Einmarsch der sowjetischen Truppen [1956] in Ungarn war das Paradebeispiel einer solchen kriminellen Aktion, und sie hat einen tiefen Einschnitt in unserem Gewissen hinterlassen.“

Er lebte eine Zeit lang in Berlin, ging aber irgendwann nach Ungarn zurück, obwohl er wusste, dass selbst nach dem Fall der kommunistischen Diktatur das Erbe des Vergangenen noch lange zu spüren sein wird. In der Erzählung „Protokoll“ (1991) zeigte Kertész die Willkür der knallharten, herzlosen Macht im postkommunistischen Ungarn; sein bitteres Fazit war: „In diesem Land, wo mir zuteilwurde, zu leben sind alle Gesetze immer […] gegen mich gerichtet und sind widerrechtlich. Jahrzehnte lang malträtiert, gedrillt, mit dem Bewusstsein eines Minderwertigen; wenn auch nicht gleich zu Tode gequälter Bürger; selbst hier und jetzt wurde ich von dem stechenden Mitleid zu mir selbst überwältigt… Bis zum heutigen Tag lebte ich wie ein Sklave, meine Gedanken, mein Talent, mein wahres ‚ich‘ tief vor allen verbergend, denn ich wusste: Nur als Sklave kann ich frei sein.“

Außer Romanen und Essays schrieb Kertész Memoiren und Publizistik. Seine Bücher sind in zahlreiche Sprachen übersetzt, zwei Romane wurden verfilmt. Zu seinen Auszeichnungen zählen vier ungarische Literaturpreise und der St.-Stephan-Orden, die Goethe-Medaille, der Große Preis der Leipziger Buchmesse, der Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung; Kertész wurde außerdem zum Mitglied der Berliner Akademie der Künste gewählt. Den Literaturnobelpreis bekam er „dafür, dass er mit seiner schöpferischen Tätigkeit nach einer Antwort auf die Frage sucht, wie ein Individuum in einer Zeit, in der die Gesellschaft sich eine Persönlichkeit immer eifriger unterwirft, weiterleben und denken kann..."

Imre Kertész starb am 31. März 2016 und wurde in Budapest beigesetzt.

 

„Man darf niemanden zwingen, Jude zu sein“

Über seine Kindheit schrieb Kertész: „Wir waren städtische, Budapester Juden, im Grunde genommen, keine Juden (allerdings auch keine Christen), welche jedoch am Jom Kippur streng fasten – unbedingt, bis zum Mittag…“ Es gab entfernte Verwandte aus einem ungarischen Dorf, später wurden sie in Auschwitz verbrannt; sie waren „echte“ Juden: „Morgens – Gebet, abends – Gebet, vor dem Essen – Gebet; Gebet, um Wein zu trinken… Und es waren gute, liebe Menschen.“

Erst im Konzentrationslager verstand Imre, wer er ist: „Immer wichtiger wurde für mich, dass auch ich Jude bin, besonders, als klar wurde, dass dieser Umstand mit dem Tod bestraft wird. Später akzeptierte ich den Gedanken, Jude zu sein… Mit der Demut eines Untergehenden begriff ich: Diese Gedanken hören auf zu existieren, sobald ich zu existieren aufhöre.“

Kertész legte keinen Wert auf traditionelles jüdisches Leben, betrachtete jedoch seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk als einen wegweisenden Umstand in seinem Schicksal. Mehrmals war er in Israel, unterstützte es und kämpfte unermüdlich gegen Antisemitismus.

Der Schriftsteller beschreibt mit einer großen psychologischen Genauigkeit die Verwirrung seines Protagonisten, als dieser von seinen jüdischen Wurzeln erfährt: Unter der Boshaftigkeit, Beschränktheit und dem Fanatismus einiger seiner Freunde und Kollegen litt er besonders. Die unumgänglichen und sinnlosen Diskussionen über Antisemitismus bedrückten ihn extrem, denn Antisemitismus sei keine Überzeugung, sondern „…Moral der Verzweiflung, Vitalität der Untergehenden.“

Im Interview mit der Zeitung „Zeit“ betonte Kertész, dass er sich in Budapest als Verbannter fühle: „Es ist sehr schwer dort zu arbeiten, wo ein unverhohlener Antisemitismus herrscht.“ Er verließ den Verband der ungarischen Schriftsteller, um ein Zeichen gegen die Toleranz seiner Führungsspitze gegenüber der Judophobie zu setzen: „Nach Jahrzehnten des Totalitarismus will ich nicht in die Definition des ‚Jüdischen‘ hineingepfercht werden. Nie verleugne ich meine Herkunft – diesen im Himmel entschiedenen Zufall –, werde aber nie zulassen aufgrund meiner Abstammungsurkunde diskriminiert zu werden… Ich verstecke mich hinter keiner Rassen-, National- oder Gruppenidentität, ich verlange keine Befugnisse, um lauthals ihre Rechte zu propagieren und in ihrem Namen zu richten, abzulehnen, zu verfluchen.“

Die Gleichgültigkeit der Gesellschaft der Tragödie des Judentums gegenüber trieb Kertész nicht selten in die Verzweiflung: „So ist die moderne Welt; du hast hier kein eigenes Schicksal, keine Möglichkeit, dich deinem Ziel zu nähern, du wirst bloß von den Umständen geleitet. Du bist Jude? – was soll’s, trage den gelben Stern, gehe dorthin, wo du hingehen sollst, auch wenn es die Gaskammer ist.“ Dabei konnte er sich weder den Agnostizismus von Wittgenstein („Es gibt keine Erklärung für Auschwitz“), noch Adornos Aussage, „…ob nach Auschwitz noch sich leben lasse“, zu eigen machen.

Seine persönliche Erfahrung in der nazistischen Hölle war für ihn ausreichend, um ein Zeuge der Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu sein: „Als einen besonderen Glücksfall, ja ein Geschenk Gottes betrachte ich die Tatsache[…], als stigmatisierter Jude in Auschwitz gewesen zu sein… Dass ich dank meiner Herkunft etwas überlebt habe, dem in die Augen geschaut habe, etwas für alle Zeiten erfahren habe, von dem ich mich nie lossagen werde, niemals, um keinen Preis der Welt.“

Kertész wandte sich der Thora zu und verspürte das Bedürfnis, der Welt bei der Aufarbeitung der apokalyptischen Geschichte der Schoah zu helfen: „Hätte Moses ein Tagebuch geschrieben, hätte er wahrscheinlich etwas Ähnliches formuliert, bevor er zu den Juden hinausgegangen wäre, um sie zu dieser 40-jährigen Wanderung auf der Suche nach Kanaan aufzurufen.“

Genau darin sah er seine Mission: „Ein Medium zu sein, durch welches der Geist von Auschwitz zu den Menschen spricht. Auschwitz spricht aus mir heraus… Auschwitz und alles, was mit ihm zu tun hat, ist ein ultimatives Trauma eines europäischen Menschen. Es werden womöglich Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte vergehen, bevor wir es begriffen haben.“

 

Übersetzung aus dem Russischen von Irina Korotkina

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