Henry Kissinger und die Mesusa in Wladiwostok

Ein Jude musste 1974 das Treffen zwischen US- und UdSSR-Staatschef in Wladiwostok organisieren – nicht ohne kuriose Verwicklungen.

Staatstreffen in Wladiwostok, links Henry Kissinger © AFP

Von Benzion Lemster

Wir schreiben das Jahr 1974. Es ist der Höhepunkt des Kalten Krieges. Die Wirtschaft in der UdSSR und in den USA läuft auf vollen Touren: Neue Waffen werden entwickelt und produziert, immer mehr davon, unter anderem auch Kernwaffen. Die politische Konfrontation ist so stark wie nie zuvor. Die Welt steht, scheint es, unmittelbar vor einem neuen Weltkrieg; niemand will ihn, und trotzdem kann die Situation jeden Moment eskalieren.

Die Landesväter in der ganzen Welt, seien sie noch so aggressiv, verstehen: Es sind politische Mittel nötig, praktische Schritte, welche die allgemeine Lage entschärfen könnten. Nach einer langen und schwierigen Vorbereitungsphase vereinbarten die Staatschefs der USA und der UdSSR – Gerald Ford und Leonid Breschnew – endlich ein Treffen, bei dem ein Abrüstungsabkommen – der Vertrag über die Begrenzung der strategischen Offensivwaffen – endgültig besprochen und unterschrieben werden soll. Das Treffen hat man auf den 23.-24. November 1974 gelegt – es soll in Russland, nahe Wladiwostok, stattfinden.

Auf höchster Ebene also wurde die Vereinbarung getroffen. Es mussten nur noch die Vorbereitungen unmittelbar am Ort des Geschehens stattfinden. Von jeder Seite erwartete man jeweils 60 Teilnehmer, hinzu kamen 70 ausländische Medienvertreter und 40 sowjetische Journalisten. Aber auch Personal aller Art, Sicherheitsdienste etc. Alle musste man unterbringen und für gute Bedingungen sowohl für die Arbeit, als auch für Freizeit und Erholung sorgen. Und das alles auf höchstem Niveau, gemäß den westlichen Standards: Klima-, Feuerbekämpfungs- und Alarmanlagen, moderne geräuschlose und schnelle Aufzüge… Nicht zu vergessen die Gebäude selbst, denn in der benötigten Menge gab es sie einfach nicht.

Für das Treffen wurde das Sanatorium des Fernöstlichen Militärbezirks ausgewählt. Man hatte also komplizierte und verantwortungsvolle Aufgaben zu bewältigen, die zudem für die eigene Karriere nicht ganz ungefährlich waren. Man suchte nach einem geeigneten Geschäftsführer: Es sollte ein erfahrener Spezialist sein, außerdem ein solcher, der im Falle eines Misserfolgs sofort zum Alleinverantwortlichen hätte erklärt werden können; sollte die Arbeit allerdings gelingen, hätte sein Vorgesetzter die Belohnung mit ihm „brüderlich“ geteilt. Und, natürlich, sollte dieser Kandidat „der kommunistischen Sache und der sowjetischen Regierung treu ergeben sein“, so, wie es immer in den Zeugnissen hieß.

Und so einer wurde gefunden – Oberstleutnant Daniil Kotljar, Abteilungsleiter im Hochbauamt der sowjetischen Armee, dessen praktische Erfahrung im Militärbau beinahe 30 Jahre zählte. Er leitete und nahm teil am Bau wichtiger Militärobjekte. Sein Vater war Arzt, der während des Zweiten Weltkrieges in einem Militärhospital als Chirurg tätig war; sein Onkel war während des Krieges Befehlshaber der technischen Streitkräfte der Roten Armee, der „Held der Sowjetunion“ Generaloberst Leontij Kotljar.

Kotljar war der richtige Mann

Kotljar hatte bereits Erfahrung in der Vorbereitung eines solchen Treffens. Am 20. Mai 1960 sollte in Chabarowsk ein fünfstündiges Treffen zwischen Nikita Chruschtschow und dem Präsidenten der USA, Dwight Eisenhower, stattfinden. Damals hatte Hauptmann Daniil Kotljar zusammen mit Mark Lubman unter der Leitung von Oberst Lochmanow auf dem Gelände des Chabarowsker Flughafen ein großes rundes Gebäude aus Glas gebaut – ein Restaurant, das bis heute existiert. Man muss dazu sagen, dass dieses Treffen nicht stattfand – der Spionageflug von Powers hat diesen Plänen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Kotljar war ein idealer Kandidat für die Aufgabe 1974, es gab allerdings ein Makel – er war Jude. Auf der anderen Seite konnte man selbst das positiv sehen: Umso einfacher könnte man alles auf ihn schieben, sollte das Projekt nicht gelingen. Hinzu kam, dass Kotljar seit bereits fünf Jahren die Stelle eines Obersten bekleidete, ohne jemals als solcher ernannt zu werden: Perfekt, so motiviert wird er noch mehr Energie und Fleiß in diese Arbeit investieren…

Als Unterkunft für die Leiter beider Delegationen wählte man einige Bauten auf dem Sanatoriums-Gelände aus, deren Umbau und Modernisierung bevorstand. Darüber hinaus musste die ganze Infrastruktur erneuert und drei neue Gebäude für die Unterbringung der Teilnehmer, der Journalisten, des Sicherheits- und Servicepersonals gebaut werden; alles auf hohem internationalem Niveau. Ein Medizinisches Zentrum mit einem 50-Meter-Schwimmbad durfte auch nicht fehlen. Und natürlich die üblichen „Kleinigkeiten“ wie Gehwege, Straßenbeleuchtung usw. Bis zu diesem wichtigen Treffen blieben zu der Zeit lediglich fünf Monate.

Es ging los. Man arbeitete Tag und Nacht, neue Technologien lernte man direkt während der Arbeit kennen; es gab sehr viel Neues, was in der Sowjetunion bis dahin kaum oder gar nicht eingesetzt wurde. Feuerlöschsysteme oder Klimaanlagen waren damals eine Seltenheit in der UdSSR, und daher recht primitiv.

Alle Schwierigkeiten wurden überwunden, die gesamte Arbeit fristgerecht erledigt – mit einer enormen physischen und psychischen Anspannung für alle Beteiligten. Endlich konnte man aufatmen. Und kaum wollte man sich eine wohlverdiente Erholung gönnen, just in diesen Moment schlug eine „Bombe“ ein. Es kam zu einem Eklat, welcher alle Pläne über Bord zu werfen drohte, bis hin zur Absage des Treffens, das seit langem, mit großem Aufwand und von Tausenden Menschen vorbereitet wurde. Was war geschehen?

 

Sind Sie Jude?

Zu dieser Zeit war Staatssekretär Henry Kissinger die rechte Hand von Präsident Ford. Er war es, der auf der amerikanischen Seite die akribischen Vorbereitungen traf und Gespräche führte, damit dieses Treffen stattfinde und die Welt vor der Gefahr eines neuen Weltkrieges gerettet werden konnte. Derselbe Kissinger, über den in der Sowjetunion folgende Anekdote die Runde machte: Kissinger soll den sowjetischen Reporter Valentin Sorin gefragt haben, ob dieser Jude sei. „Ich bin Russe“ (in der Originalsprache „Ich bin russisch“), habe Sorin geantwortet. „Aber sicher“, soll Kissinger erwidert haben. „Und ich amerikanisch.“ Ich erwähne diese Geschichte nicht umsonst. Kissinger ist Jude; kein Orthodoxer, dennoch einer, der die Traditionen pflegt. Was zur Folge hatte, dass an seiner Tür eine Mesusa angebracht werden musste! Und so kam es, dass die Vertreter der amerikanischen Seite kurz vor dem Treffen keine Mesusa an der Tür von Kissingers Haus entdeckten und verkündeten: Würde nicht umgehend eine Mesusa angebracht werden, so würde ihr Chef hier nicht erscheinen. Ein Skandal! Der Abrüstungsvertrag ist bedroht!

„Hast du es gehört, Kotljar?“, fragt der militärische Bezirksleiter W. Petrow.

„Habe ich.“

„Was für eine Mesusa meint er denn?“

Kotljar schweigt, sichtlich irritiert.

„Ich habe dich gefragt, was, zum Teufel, diese Mesusa ist?! Du bist doch Jude!“

Daniil Kotljar (rechts) mit dem Autor. Foto: A. Schmidt

„Nie gehört, dieses Wort.“

Kotljar war, so wie der Großteil der sowjetischen Juden – zumal im Militärdienst – assimiliert, er kannte weder Thora noch Traditionen.

Panisch begann Kotljar nach jemandem zu suchen, der sich mit jüdischer Religion auskannte. Mit einem Parteifunktionär fuhr er zum Kreisparteikomitee, um sich bei dem Religionsbeauftragten zu erkundigen. Und tatsächlich, dieser wusste Bescheid: Am Rande der Stadt Wladiwostok gebe es eine Synagoge… Offiziell natürlich nicht, man versteht sich, aber, du weißt schon… Mittlerweile war es bereits Nacht; um zwei Uhr fuhren Kotljar mit dem Genossen Politkommissar 20 Kilometer nach Wladiwostok, suchten das besagte Gebäude, wobei der Politkommissar für alle Fälle einen sicheren Abstand einhielt und Kotljar alleine weiterschickte. Kotljar klopfte an der Tür, es kam ein verängstigter Greis heraus. Lange brauchte er, um zu verstehen, was man von ihm wollte; dann, auf einmal begriffen, stellte er eine einzige Frage: „Bist du a Jid?“ – bist du ein Jude?“ Kotljar bestätigte und zeigte dabei auf seine Nase… Der Greis – es war wohl der Rabbiner – nickte, verschwand kurz, kam mit einer kleinen Schachtel zurück, in der sich eine Mesusa befand und legte einen Zettel hinein (Mesusa – eine Schriftkapsel aus Holz, Metall, Glas etc., die mit den Abschnitten „Schma Israel“ aus der Thora beschriftetes Pergament enthält – wird in einem traditionellen jüdischen Haushalt an jedem Türrahmen angebracht, Kellerräume, Badezimmer und Toilette ausgenommen; die Mesusa erinnert Juden an Gottes Gebote, - Anm. d. Übers).

 

Was tun mit der Mesusa?

Zum Schluss wurde Kotljar noch unterrichtet, wohin und wie eine Mesusa anzubringen wäre.

Mission erfüllt. Um fünf Uhr morgens wurde die Mesusa an Kissingers Tür angebracht. Das Abrüstungstreffen fand pünktlich statt, die Verhandlungen verliefen erfolgreich. In der Tat waren sie von großer Bedeutung für den Weltfrieden. Und Oberstleutnant Kotljar wurde endlich offiziell zum Oberst befördert.

Daniil Kotljar widmete dem Vaterland die 38 besten Jahre seines Lebens, der Großteil davon in Fernost und im Ural. Und das Vaterland belohnte ihn „großzügig“: Der russische Staat zahlt ihm keine Rente, denn seine letzten drei Jahre diente er in der Ukraine… Zwar quittierte der Held dieser Geschichte, Oberst Daniil Kotljar, seinen Dienst noch während des Bestehens der Sowjetunion, 1986. Dennoch haben seine Rentenanfragen an zuständiges Ministerium nichts gebracht, alle Anträge wurden abgelehnt.

 

Übersetzung aus dem Russischen von Irina Korotkina

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