Camp Bitnua in Eilat

Das weltweit größte Volkstanzcamp für israelische Folklore

Tanzaufführung der Tanzmeister (links: Yaron Carmel)


Von Matti Goldschmidt

Ganz neu ist die Idee einer Volkstanzveranstaltung über mehrere Tage und inbegriffener Übernachtung nicht: Denn was die israelische Tanzfolklore angeht, so hatte der in Wien gebürtige Fred Berk bereits 1961 mit seinem „Camp Blue Star“ in North Carolina begonnen, 1978 zumindest in Europa gefolgt von Maurice Stone und „Machol Europa“. 2009 schließlich begann der Choreograph und Tanzmeister Gadi Biton mit einer israelischen Version. Dass es dazu erst so relativ spät kam, liegt vor allem an der Tatsache, dass man in Israel, ganz im Gegensatz zum Ausland, praktisch täglich landaus, landein einen Volkstanzabend besuchen kann – eine auf mehrere Tage gelegte konzertierte Tanzveranstaltung schien bis dato kaum notwendig.

Trotzdem sollte mit einem neuen Versuch begonnen werden, denn reine Wochenenden (Freitag/Samstag) hatte bereits Moshe Telem, in erster Linie Landwirt, seit Mitte der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts im Kibbuz Sdoth Yam nahe Caesarea auf die Beine gestellt. So begann man vor elf Jahren mit den entsprechenden Vorbereitungen, wobei dem Organisationsteam weniger ein reines Tanzen im Blickfeld lag: Durch Konzerte im Bereich des Pops, aber auch der Folklore, sollte das Ganze über die damals zweieinhalb Tage aufgelockert werden. Rund 650 Interessierte folgten diesem ersten Aufruf.

 

Besucher aus aller Welt

2019 war es schließlich wieder soweit: Zwischenzeitlich wurde die Veranstaltung um einen Tag aufgestockt und dem Aufruf für den 23.–26. Oktober, das mittlerweile elfte Mal, folgten nach Angaben der Organisatoren an die 3.000 Teilnehmer. Darunter befanden sich auch knapp über 100 aus dem Ausland, etwa aus Australien, Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Österreich, Rumänien, Tschechien, Ungarn, Uruguay oder den USA. Alleine aus dieser Länderaufstellung ist ersichtlich, dass der israelische Volkstanz längst zu einem weltweiten Phänomen angewachsen ist.

Tänzerische Unterstützung erhielt das Festival durch insgesamt 28 Tanzmeister; aus Platzgründen sollen nur diese hier namentlich genannt sein, die über das Israelische Tanzhaus bereits in München oder Pappenheim wirkten und somit auch in Deutschland bekannter sein dürften: Michael Barzelai, Gadi Biton, Eran Biton, Yaron Carmel, Dror Davidi, Yaron Elfasy, Hila Mukdasi, Avner Naim, Tamir Scherzer, Yig'al Trikki und Yankele Ziv. Wie mir Gadi Biton erzählte, ist der personelle wie auch infrastrukturelle Aufwand für die Showproduktionen um einiges höher zu bewerten als für den Volkstanz selber, darin läge wesentlich mehr Arbeit – wenn auch Letzteres, namentlich der Volkstanz, das eigentliche Ziel der Veranstaltung sei.

So wird auf sechs Tanzflächen parallel getanzt, wobei die größte dieser Tanzflächen eine Fläche von 1.200 m² hat und tagsüber überdacht ist, um die Tanzaktiven vor der Sonne zu schützen; Ende Oktober gibt es in Eilat nämlich weiterhin sommerliche Temperaturen von gut über 30° C. Die zweitgrößte Tanzfläche mit immerhin noch 800 m² befindet sich, vom Hotelkomplex isoliert, in einer provisorischen Halle mit Klimaanlage. Alle Tanzflächen sind mit Holzplatten derart versehen, dass daraus ein Schwingboden entstand. Tänzerisch ist somit praktisch für alle gesorgt. Auch wenn das Gros der Teilnehmenden eher als fortgeschritten einzustufen ist, gibt es Klassen nicht nur für Anfänger und sogenannte Mittlere, sondern auch für ausschließlich Frauen, die aus religiösen Gründen lieber unter sich bleiben wollen. Wie überall in Israel wird auch hier ein spezielles Augenmerk auf Rollstuhlfahrer gelegt, für die ebenfalls (natürlich eigene) Tanzkurse vorgesehen sind.

Gadi Biton, Veranstalter des Tanzcamps „Bitnua“

 

Themen-Tänze und Popstars

Die einzelnen Tanzeinheiten sind in der Regel thematisch gegliedert, etwa in Horatänze oder die traditionellen, ursprünglich arabischen Debkas. Eine kleinere Tanzfläche ist ausschließlich für Tänze aus der Gründerzeit des Staates Israel vorgesehen, „Nostalgia“ genannt. Natürlich konnten nicht alle Teilnehmer im Hotel Sport, dem Zentrum der Veranstaltung übernachten. So wurden auch die benachbarten Hotels belegt, etwa Laguna, Rivera, Royal Garden und King Shlomo, die allesamt der Hotelkette Isrotel angehören. Durchschnittlich bezahlten die Teilnehmer für das Gesamtpaket rund 2.500 israelische Schekel (ILS), also in etwa € 650. Das Gesamtbudget der Veranstaltung, so Biton, belaufe sich auf ILS 5 Million (oder € 1,28 Mio.); öffentliche Gelder stünden keine zur Verfügung.

Die für Bitnua eingeladenen Popstars stellen eigentlich ein „Who’s who“ der israelischen Unterhaltungsmusikszene dar. So trat 2019 als Erstes Ariel Zilber auf, ein Urgestein des israelischen Pops und Mitbegründer der Rockband „Tamuz“, 1974 mit Shalom Chanoch. Am Donnerstag folgte Moshe Peretz, der Schwarm israelischer Teenager, Träger mehrerer Gold- und Platinalben. Das erste Konzert am Freitag wurde von Boaz Sharabi gehalten, der in seiner langen Karriere über 30 Nummer-Eins-Schlager vorweisen kann. Für das Schabbat-Konzert kam der Schauspieler und Sänger Yehoram Gaon auf die Bühne. Wegen seiner Muttersprache Ladino ist er insbesondere bei orientalischen Juden beliebt. Die rund 3.000 Zuschauer, ob jung oder älter, sangen durchwegs jedes einzelne seiner Lieder mit. Als er vor seinem Auftritt nachfragte, ob es das eine oder andere Lied von ihm gäbe, auf das auch getanzt würde, erhielt er die zumindest für Gaon selbst überraschende Antwort, dass man auf fast alle seine Lieder tanze. Blieben noch einige andere Popgrößen aus den Vorjahren zu erwähnen wie Rita, Idan Raichel, Eyal Golan oder Shlomi Shabbath.

Zu all dem hatten die Organisatoren dieses Jahr insgesamt sieben Aufführgruppen eingeladen, die mittags zur „pool party“ oder abends vor den Popkonzerten ihre Choreographien vorstellten. Außer die reine Übernachtung selbst wurden auch hier sämtliche Ausgaben wie Transport, Diäten und Eintritt zu den Tanzaktivitäten von Bitnua übernommen. So wurde das tägliche Programm auf angenehme Art aufgelockert. Es ist in jedem Fall beeindruckend gewesen, noch nach Mitternacht über tausend Tänzer auf der Haupttanzfläche beobachten zu können, und am letzten Abend gab es tatsächlich die Möglichkeit – zumindest für die ganz Hartgesottenen – bis sechs Uhr morgens durchzutanzen. Wie mir Yaron Carmel, der Koordinator des tänzerischen Programmes, erklärte, begänne man bereits am Tage nach Ende der Veranstaltung für das kommende Jahr zu planen. Womit im Jahre 2020, immer nach Ende des Laubhüttenfestes, das Dutzend von Bitnua voll sein dürfte.

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