Der Mossad und sein Hotel im Sudan

Eine Filmkritik zum neuen Spielfilm „Read Sea Diving Resort“ über die Rettung äthiopischer Juden durch den israelischen Geheimdienst

„Captain America“ Chris Evans spielt den Agenten Ari Levinson.© VALERIE MACON, AFP

Von Janina Krupop

Der Sudan als paradiesisches Urlaubsland: weicher Sandstrand, traumhafte Korallenriffe und exotische Küche. So war das zumindest in den 1970er und 80er Jahren. Was die Besucher des „Red Sea Diving Hotels“ in ihrem Urlaub damals nicht erfahren: es handelt sich um ein Tarn-Hotel, betrieben vom Mossad, um in mehreren geheimen Operationen äthiopische Juden nach Israel zu schmuggeln.

So unglaublich dies klingt, sind dies alles jedoch wahre Begebenheiten, die der israelische Regisseur Gideon Raff als Vorlage für den neusten Netflix-Film „The Read Sea Diving Resort“ wählte. Den Fokus legt Raff (bekannt für die mehrfach ausgezeichnete Thriller-Serie „Homeland“) in klassischer Hollywood-Manier auf die fünf Mossad-Agenten – sie sind die Helden der Story. Der Film kann mit echter Star-Besetzung glänzen: Ben Kingsley spielt den Geheimdienstchef, und Chris Evans bleibt seiner Rolle des „Captain America“ als wagemutiger Agent Ari Levinson treu.

Mitte der 70er bricht in Äthiopien ein Bürgerkrieg aus (Rebellen bekämpfen die u.a. von der DDR unterstützte kommunistische Regierung des Mengistu Haile Mariam). Besonders gefährdet sind die äthiopischen Juden. Diese sollen Mithilfe des Mossads über den muslimischen Sudan aus dem Land geschmuggelt werden. Hierfür schmieden die Agenten den Plan, ein sudanesisches Urlaubshotel zu kaufen und als Tarnung für die Befreiungsaktion zu benutzen. Tatsächlich kaufte der Mossad ein solches Hotel über eine schweizerische Strohfirma, welches auch von echten Touristen besucht wurde und so viel Gewinn abwarf, dass man nicht mehr auf israelische Gelder angewiesen war.

Zudem boten die Touristen die perfekte Tarnung. Das greift der Film zwar auf, driftet aber fast ins Komödienhafte ab, als die fünf Agenten quasi in Eigenregie das komplette Hotel managen. Nur am Rande sieht man die sudanesischen Mitarbeiter, die den Betrieb in Wahrheit am Laufen hielten. Für die finale Rettungsaktion kooperiert Ari Levinson mit der CIA. In Wirklichkeit gab es keine solche letzte große Operation, vielmehr wurden wiederholt kleinere durchgeführt. Und sie verliefen auch nicht alle erfolgreich. Bei dem 1.000 Kilometer langen Fußmarsch durch karges Gebiet starben über hunderte Juden, wurden entführt, ermordet, verhungerten. All diese Torturen blendet der Film aus, bleibt stark an der Oberfläche und lässt die klischeebeladenen Charaktere ebenso verblassen wie das dramatische Schicksal der äthiopischen Juden.

 

Die Königin von Saba

So fragt man sich, wieso müssen die Juden fliehen, und wie kamen sie überhaupt nach Äthiopien? Darüber ist sich die Wissenschaft bis heute uneinig. Einer Theorie nach sind sie Nachfahren der Königin von Saba, die etwa im 10. Jahrhundert vor Christus aus Israel einwanderten. Ari Levinson liest im Film seiner Tochter ein Märchen vor, wonach die arabische Königin nach Jerusalem gekommen sei und sich dort in König Salomo verliebte. Doch was passierte dann? Die Märchenstunde im Film ist damit beendet. Vermutlich bekam die Königin von Saba ein Kind von König Salomo, Menelik I.. Von einem Besuch bei seinem Vater in Jerusalem brachte dieser später ein großes Gefolge an Israeliten mit. Diese siedelten sich in Äthiopien an. Einer anderen Theorie zufolge zerstreuten sich die Israeliten nach der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 nach Christus überall auf der Welt, wobei einige auch nach Äthiopien wanderten. Dort sollten sie schon bald jahrhundertelanger Verfolgung und Unterdrückung ausgesetzt sein – zunächst, weil das Christentum Staatsreligion wurde, und die jüdische Minderheiten benachteiligte. Im Zweiten Weltkrieg marschierten zudem italienische Truppen in Äthiopien ein und massakrierten die Zivilbevölkerung, bevor schließlich in den 1970er Jahren die Juden unter der kommunistischen Diktatur des millionenfachen Mörders Mengistu enteignet wurden.

Zu diesem Zeitpunkt begann die israelische Regierung systematisch mit der Rückführung. In mehreren Geheimoperationen konnten bis in die 90er Jahre hinein tausende Juden nach Israel gebracht werden. Die Operation „Brother“ war bei Weitem nicht die erfolgreichste, aber ganz sicher die spektakulärste – was sie zur hervorragenden Filmvorlage macht. „Red Sea Diving Resort“ bleibt aber leider ein gewöhnlicher Superhelden-Film mit einem Hauch Geschichte. Unterhaltsam, kurzweilig und mit schönen Bildern, doch die Wirklichkeit war um einiges spannender.

Übrigens: ein „Red Sea Resort“ existiert noch heute an der sudanesischen Küste. 2014 eröffnete das 3,5-Sterne-Ressort mit Tauchmöglichkeiten und einfacher Ausstattung. Hinweise auf den Mossad gibt es bisher jedoch keine.

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