Vom Schtetl in die Grube hinter der Lubjanka

Das Leben und Schicksal des jiddischen Sowjet-Poeten Leib Kwitko

Von Michael Rumer

Der amerikanische Schriftsteller Hovard Fast erzählt in seinen Memoiren über ein Gespräch mit Boris Polewoi, dem sowjetischen Schriftsteller, der mit einer Gruppe anderer Kulturschaffender auf einer Reise durch die USA war. Hovard Fast fragte ihn nach seinem Freund Leib Kwitko, den Fast in Moskau kennengelernt hatte. Kwitko habe sich nicht mehr gemeldet, habe seit Langem keine Briefe beantwortet, böse Gerüchte machen die Runde… „Vergessen Sie die Gerüchte“, antwortete munter Polewoi. „Alles bestens, es geht ihm gut!“ und fügte hinzu: „Wir sind Nachbarn!“

Zu dieser Zeit verwesten die sterblichen Überreste Kwitkos in einer Grube, im Hof des berüchtigten Lubjanka-Gefängnisses, zusammen mit den anderen ermordeten jüdischen Schriftstellern und Dichtern. Oh, diese verfluchte Zeit, pharisäisch und voller Ängste, mit ihren Märtyrern und Henkern!

Über Leib Kwitkos Talent – so heiter, so voller Licht –, wurde nicht selten geschrieben. Darüber, wie harmonisch, einem Kinde gleich er die Welt sah. Darüber, dass diese seine Welt in Wirklichkeit alles andere als sorglos war, spricht man hingegen kaum.

 

Arme Kindheit im Schtetl

Die bittere Armut eines Waisenkindes im Schtetl, das jede Arbeit für ein Stück Brot annehmen musste, sei sie noch so unzumutbar; dabei ist ihm diese Begabung gegönnt wie ein Kuss des Ewigen auf die Stirn: Die Gabe wie ein Volkslied; die Melodie fließt – und wird zu seiner Poesie, zu den Gedichten, die er – ein Naturtalent ohne jegliche Bildung – sein ganzes Leben, bis zu seiner letzten Stunde, schrieb.

Das Andere, ja, das gab es auch. Die Revolution hat er sofort akzeptiert, voll und ganz: Was wäre er ohne sie geworden, käme da nicht die Große Befreiung der geistigen Kräfte des Volkes, diese Macht, welche erst die eigene zu sein schien – und dabei suchte alles zu unterjochen; quälte, zerdrückte, zerstörte jede freie Regung, freie Literatur, und erst recht die jüdische Literatur – das wird unser besonderes Thema sein.

Sie existierte 80 Jahre. Ihr Geburtsjahr – 1872, als Mendele Moicher Sforim (von Scholem Alejchem nicht umsonst „Großvater“ genannt, was seine Klassiker-Rolle betonen sollte) seine Novelle „Di Kliatsche“ (Die Mähre) veröffentlicht hat. Dieses jiddische Buch zeigte, dass es nicht immer der aufklärerische Utilitarismus sein muss, welcher für die jiddische Kultur bezeichnend war: Das tragische Alltagsleben eines kleinen Schtetls konnte Mendele Moicher Sforim authentisch und durchdringend beschreiben.

 

Jiddisch hatte als Kultursprache keinen guten Ruf

Natürlich wurde auch früher auf Jiddisch geschrieben, auch vor den drei Gründern der jiddischen Literatur Izhok Peres, Scholem Alejchem und Mendel Moicher Sforim. Aber im Gegensatz zu der hebräischen Literatur mit ihrem hohen intellektuellen, ästhetischen und religiösen Niveau galt die dürftige Diktion des Jiddischen als genügend für die unbedarften einfachen Leute.

In Westeuropa in der Zeit der Aufklärung diente Jiddisch nicht mehr der literarischen Kunst. Assimilierte Juden zogen es vor, in den Sprachen ihrer Gastländer zu kommunizieren. Im Osten dagegen hinter der für Juden eingeführten Ansiedlungsgrenze blühte diese Sprache auf dem Boden der Kultur des Volkes wie in einer Oase und trug prachtvolle Früchte. In den 1940er Jahren war das zu Ende. Hitler vernichtete die Leser – Stalin die Schreibenden. Der 12. August 1952, der Tag, an dem jüdische Schriftsteller – Mitglieder des Jüdischen Antifaschistischen Komitees, die Besten der Besten in der jüdischen Literatur –, erschossen wurden, bezeichnete ihr Ende.

In die Literaturkreise wurde Kwitko von David Bergelson eingeführt; bald darauf, während der Oktoberrevolution, gehörte er, neben David Hofstein und Peretz Markisch, zur Triade führender Dichter der Kiewer Gruppe. Charakteristisch für diese Triade war das Bestreben, in die volkstümliche jiddische Poesie eine heitere expressionistische Note einzubringen. Alle drei gingen in den 1920er Jahren ins Ausland, kamen zurück, pflegten ihre Freundschaft, halfen einander; traten dem „Jüdischen Antifaschistischen Komitee“ bei – und wurden alle an einem Tag erschossen.

 

Aufenthalt in Deutschland

Zunächst aber ging Kwitko nach Deutschland.

In einem Brief (Berlin, Oktober 1922) schrieb er: „Wenn Sie nur wüssten, welch eine Bitterkeit mich in diesem ‚Herzen Europas‘ überkommt… Neben einem Häuflein Langweiler und Nervensägen – Armleuchter-Emigranten, die ständig eine Fahne haben; neben stetem Elend und dem Druck, ein Auskommen zu finden, schlug mich endgültig die Nachricht vom Tode meines Bruders nieder – der einzige von mir noch am Leben geglaubte, verstarb er längst in Amerika…“

Er zog nach Hamburg, arbeitete bei der sowjetischen Außenhandelsvertretung, trat der Kommunistischen Partei Deutschlands bei. Aus Angst, für seine propagandistische Tätigkeit unter den Arbeitern verhaftet zu werden, kehrte er 1925 in die Sowjetunion zurück und ließ sich in Moskau nieder.

Zunächst scheint alles perfekt: Er wird in die verschiedenen Literaturkreise und Redaktionen eingeführt, seine Werke werden veröffentlicht, unter ihnen ein autobiographisches Essay über das Leben in Hamburg und siebzehn Kinderbücher allein im Jahre 1928.

Aber das ideologische Diktat verschärft sich, der Druck wird immer größer. Die sogenannten „Ewsektionen“ (von „ewrejskaja sektsija“, jüdische Sektion) als langer Arm der Kommunistischen Partei greifen immer härter zu: Es werden Synagogen und verschiedene Institutionen in den jüdischen Gemeinden geschlossen, Rabbiner werden verunglimpft; die gesamte Existenz der jüdischen Kultur wird in Frage gestellt. Umtriebig wie er war, trat Kwitko gegen einen der führenden Köpfe der „Ewsektion“ namens Litwakow auf, und veröffentlichte das satirische Gedicht „Der stinkende Vogel Moili“ (Moische Litwakow).

 

Berufsverbot wegen Aufsässigkeit

Es versteht sich von selbst, dass er daraufhin wegen seines „Rechtsrucks“ aus der Redaktion hinausgeworfen wurde, mit einem faktischen Berufsverbot. Kwitko nimmt eine einfache Tätigkeit als Arbeiter in der Traktorenfabrik in Charkow an, aber auch sein neuer Sammelband „In Traktor-Zech“ (In der Werkabteilung) wurde nicht veröffentlicht.

Unerwartete Ruhe stellte sich 1932 ein, nach der Auflösung der Literaturverbände.

Kwitko geht nach Moskau, er darf wieder publizieren. Und er hat aus seinen „Fehlern“ gelernt: Seine Werke aus dem neuen Sammelband entsprechen allen Anforderungen des „sozialistischen Realismus“. Man spürt die Selbstzensur auch in seinem autobiographischen Roman „Die jungen Jahre“, in dem es um die Ereignisse des Jahres 1918 geht. Zwar kommt ihm seine wunderbare melodische Begabung nicht abhanden. Dennoch häufen sich Gedichte mit den Titeln „Lenin“, „Vor Lenins Porträt“, „Mit meinem Land“… und Kinder rezitieren:

„An Klim Woroschilow*

Hab ich den Brief geschrieben:

Genosse Woroschilow, der Volkskommissar!

Mein Bruder wird in diesem Jahr

In der Roten Armee dienen…“

1947 wurden 30 Jahre seiner schriftstellerischen Tätigkeit im großen Stil gefeiert. 30 Jahre vorher, im Februar 1917, hatte er an einen Freund geschrieben:

„Das Leben scheint mir ein völliges Durcheinander zu sein, es verbirgt jedoch wunderbare Perlen – die Perlen des Romantismus. Das Leben wäre großartig, die Welt herrlich, wenn wir selbst das alles nicht zerstört hätten… Ich bin davon überzeugt, dass das urtümliche Antlitz des Lebens und der Welt uns verborgen bleibt. Irgendwo in der Tiefe der Jahrhunderte ruht das vergessene, das unverfälschte Original – das wahre Leben.“

Ob der Poet an seinem Lebensende diese, seine eigenen Zeilen nochmals hätte unterschreiben können?

Und weiter rezitieren Kinder:

„Genosse Woroschilow,

Der ist mir lieb und teuer.

Genosse Woroschilow,

Du kannst ihm vertrauen!“

Nein, Genosse Woroschilow vertraute nicht, ebenso wenig Genosse Stalin: Leib Kwitko wurde ermordet.

 

* Marschall Kliment Woroschilow (1881-1969) war einer der wenigen Vertrauten Stalins, welche auf Stalins Befehl nicht ermordet wurden; seinerzeit Verteidigungsminister, später einige Jahre Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets und damit Staatsoberhaupt des Landes.

 

Übersetzung aus dem Russischen von Irina Korotkina

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