„Eine entfernte Möglichkeit des Guten...“

Zum 100. Geburtstag des italienisch-jüdischen Autos, Chemikers und Holocaust-Überlebenden Primo Levi

Primo Levi

Von Marko Martin

Es war einmal ein außergewöhnlich freundlicher, aber auch schüchterner Junge, am 31. Juli 1919 geboren in Turin, aufgewecktes Kind jüdisch-säkularer Eltern, deren Familien seit Jahrhunderten im Piemontesischen siedelten. Viele Jahrzehnte später, nun längst pensionierter Chemiker mit grauem Haar, doch noch immer mit weltneugierigen Augen, wird Primo Levi sein einstiges Ich auf diese Weise beschreiben: „Ich war ein Junge von vierzehn, fünfzehn Jahren, als ich beschloss, mich für die Chemie zu interessieren, weil ich begeistert war von der Parallelität zwischen der geschriebenen Formel und dem Vorgang im Reagenzglas.“

Bereits mit 23 Jahren dann trotz Mussolini‘scher Rassegesetze promoviert, wenig später Mitglied einer italienischen Partisanengruppe, kurz darauf auch als Partisan verhaftet, doch schließlich als Jude nach Auschwitz deportiert: Februar 1944.

Wie hatte er dort überleben können, fragt im Mai 1986 ein italienischer Journalist den inzwischen längst weltberühmten Autor von „Ist das ein Mensch?“, und Doktor Levi antwortet: „Ich war vom Glück begünstigt, weil ich Chemiker war, weil ich einem Maurer begegnete, der mir zu essen gab, weil ich die Hindernisse der Sprache überwand (das kann ich mir selbst zugute halten); ich bin nie krank geworden, nur ein einziges Mal am Schluss, und auch das war ein Glück, denn es hat mir die Evakuierung aus dem Lager erspart. Die anderen, die Gesunden, sind alle umgekommen, denn sie wurden mitten im Winter nach Buchenwald und Mauthausen verlegt.“

 

Biochemische Science-Fiction

Das Interview ist nur eines von vielen – Primo Levi ist häufig im Radio zu hören und im Fernsehen zu sehen, in der Zeitung „La Stampa“ hat er seit vielen Jahren eine regelmäßige Kolumne (in der deutschen Buchfassung unter dem Titel „Die dritte Seite“), und seine fast ausnahmslos preisgekrönten und in alle Weltsprachen übersetzten Bücher thematisieren nicht nur Auschwitz, sondern die Grundbedingungen menschlicher Existenz schlechthin, inklusive Gedichte und einiger zum Teil durchaus ironischer Story-Ausflüge ins Genre der „biochemischen Science-Fiction“, wie sein Schriftstellerfreund Italo Calvino anerkennend schreibt.

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