Warum blieb Opa Mendel?

Zwei Erschießungen in der Familie Schmidt – Erzählung eines russischen Emigranten über seine jüdische Familie in den Zeiten des sowjetischen Geheimdienstes NKWD und zwei Weltkriegen

Von Igor Reif

Der Bericht stammt von Mendel Schmidts Enkel. Niedergeschrieben hat ihn unser Autor Igor Reif:

Mein Großvater väterlicherseits, Mendel Schmidt, war in der Tat als Schmied in seinem Dorf tätig. Das Dorf – oder Städtchen – mit 200 bis 300 Bewohnern hieß Senno, 40 Kilometer von der weißrussischen Stadt Orscha entfernt. Ein reizender Ort, muss man sagen, mit einer Natur von seltener Schönheit. Im Städtchen gab es eine Kirche und eine Synagoge.

Der Dorfschmied war für Vieles zuständig, von seinem unmittelbaren „Service“ bis hin zu feinster Juwelierarbeit. So war es auch kein Wunder, dass die Dorfbewohner meinem Großvater höchste Anerkennung zollten und er sehr beliebt war. Zu meinem großen Bedauern besitze ich kein Bild von ihm. Nicht nur kein Bild – gar nichts ist von ihm geblieben: Kein Haus, keine Familienstücke, kein Andenken; bloß ein elendes Fleckchen Erde, klein und unnütz, fünf mal zehn Meter, mit einem schiefen Zaun.

Ja, ein Gräuelbild der Verwüstung fanden wir vor, mein Bruder und ich, als wir 1972 aus Moskau zu diesem vergessenen Massengrab angereist sind. Die örtliche Verwaltung gab sich nicht einmal die Mühe, ein Schildchen mit den Namen der Erschossenen anzubringen. Möglicherweise trifft auch uns eine gewisse Schuld: Wir fanden keine Zeit früher herzukommen. Ach, jeder kennt doch nur zu gut dieses hektische Großstadtleben: Mal sind die Kinder krank, mal muss man umziehen, mal renovieren… Und all diese Dinge können nicht warten; nur die Toten – sie schweigen und fordern nichts. Aber damals konnte mein Bruder ein Auto erwerben (er war an der Reihe in der langen Liste der willigen Käufer), ein Schiguli, das erste Modell, und wir haben uns Wort gegeben, diesen Sommer endlich dorthin zu fahren.

Koscher in der sowjetischen Provinz

So machten wir uns auf den Weg. Unterwegs erzählte Isja, der sieben Jahre älter ist als ich, wie er als Kind immer die Sommer in diesem Senno verbrachte; er konnte sich an alles erinnern. Wie er im Fluss badete, wie die Oma ihn mit Erdbeeren fütterte, zu denen es die beste Sahne auf der Welt gab – diese Sahne aus dem Dorf, und an den koscheren Tagen – von Opa wurde das geheim gehalten – gab sie ihm im Kabuff hinter der Küche eine gute Scheibe selbstgebackenes Brot, dick mit Butter beschmiert: Damit das Stadtkind mit dem Ungesäuerten allein bloß nichts vermisst…

Aber wir haben kein Haus als solches finden können. Mein Vater starb im Mai 1941, seine Schwestern heirateten, und so kam es, dass nach dem Krieg niemand mehr in das elterliche Haus zurückkehrte.

Das Grab zeigte uns eine entfernte Verwandte, eine der Wenigen, die nach der Flucht und Evakuierung zurückkamen. Sie hat uns auch erzählt, wie alles geschah, sie wusste es von den Dorfbewohnern, den damaligen Zeugen.

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