Lokot – die russische Nazi-Republik

Beamte der Region Brjansk (Russland) versuchen die peinliche Geschichte der massiven örtlichen Zusammenarbeit mit den Nazis zu vertuschen und behindern eine engagierte Historikerin

Die Lage der Republik Lokot© WIKIPEDIA

Von Grigorij Reichman

„Denn ein beflißner Tor ist schlimmer als ein Feind“, – lehrt uns der Fabeldichter Iwan Krylow in „Der Eremit und der Bär“. Und was ist dann mit einem übermütigen (und kulturlosen) Beamten des Kulturbetriebs einer ganzen Region, der weißzumachen versucht, dass sein Wort, welches er seinem Gegner in brüllender Form kundtut, die einzig logische Lösung sei, und dass nur er allein wisse, wie man in der Geschichtswissenschaft auf dem Boden der Tatsachen bleib? Ist ein solcher Tor nicht ebenfalls schlimmer als ein Feind?

Was soll das alles?

In einem meiner Facebook-Posts schrieb ich über eine fleißige Kollegin aus Russland, ihres Zeichens Historikerin und Archivarin, deren Namen ich zu diesem Zeitpunkt nicht nennen wollte, da ich fürchtete ihre ohnehin nicht einfache Lage noch mehr zu erschweren. Beamte begannen sie zu jagen und sie zu verunglimpfen für ihren Versuch, einen objektiven, wissenschaftlichen Standpunkt zu Ereignissen vor 75 Jahren zu vertreten – heroische und tragische zugleich, die in einer ganz bestimmten russischen Region geschehen waren und im Zusammenhang mit dem Zweiten Weltkrieg, dem Nazi-Besatzungsregime, der Kollaboration, der russischen Volksbefreiungsarmee, dem Antisemitismus und dem Holocaust stehen. Die Kollegin berief sich dabei auf ihre Archivdokumente.

Der enorme Druck durch die Beamten der russischen Verwaltungsregion, denen so etwas wie Redefreiheit und Berufsethos offenbar fremd sind, zwangen die Kollegin dazu, sich als Expertin zu verteidigen und ihr verfassungsmäßiges Recht auf freie Meinungsäußerung durchzusetzen.

Ich sehe mich daher ebenfalls gezwungen, nun doch offen über sie zu sprechen. Die Kollegin heißt Jekaterina Derewjanko und sie arbeitete im Staatsarchiv der Verwaltungsregion von Brjansk (270 Kilometer südwestlich von Moskau, nahe des Dreiländerecks Russland – Ukraine – Weißrussland). Während des „Großen Vaterländischen Krieges“ (1941-1945) war der Brjansker Raum eines der Hauptaktionsgebiete der Partisanen in Russland. Doch das Gebiet war viel mehr als das. Es geht hier nicht nur um den Heldenmut der Russen, sondern auch um Kollaboration, also um die Zusammenarbeit der Einheimischen mit den deutschen Besatzern. Das Dorf Lokot in der Brjansker Region wurde zum Zentrum der „Republik Lokot“, ein seit dem Einmarsch der Nazis unter Selbstverwaltung russischer Kollaborateure stehendes Land; ohne Juden und Kommunisten versteht sich.

Jekaterina Derewjanko, die internationale Holocaust-Forscherin

Jekaterinas Verdienst besteht darin, dass sie mithilfe ihrer Archivdaten (viele Dokumente aus dieser Zeit wurde im Brjansker Archiv aufbewahrt) in dem Artikel „Die Geschichte der Lokot-Selbstverwaltung in den Dokumenten des Staatsarchivs der Region Brjansk“ versucht hat, ein Bild des Alltagslebens dieser Kollaborateure zu erstellen. (Übrigens hat sie im Ausland Praktika zum Thema Holocaust absolviert, insbesondere am israelischen Yad Vashem-Institut und im Haus der Wannsee-Konferenz in Berlin). Und gleich nach ihrer großen Arbeit wurde sie für ihren „Mangel an Patriotismus“ heftig kritisiert.

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