Kein gelber Stern für persische Juden

Der aus Persien stammende Diplomat Abdol-Hossein Sardari Qajar rettete im Frankreich der Nazi-Okkupation Tausenden persischer Juden das Leben vor den Vernichtungslagern der Nazis.

Garry Kasparov© BILL GREENBLATT, AFP

Von David Lazarus (Israel Heute)

Sardari Qajar war ein Iraner, der in die aserbaidschanische Qajar-Dynastie hineingeboren wurde, die fast 200 Jahre lang Persien regierte, bis der Iraner Mohammad Khan 1925 zum Schah gekrönt wurde und einen gewalttätigen Feldzug gegen die aserbaidschanischen Bürger des Iran unternahm. Aserbaidschan wurde nach einer langen Reihe von Kriegen schließlich zwischen den Russen und dem Iran aufgeteilt, und heute leben über 30 Millionen Aserbaidschaner im Iran. Sardari Qajar war ein Mitglied dieser indigenen aserbaidschanischen Gemeinschaft im Iran.

Die aserbaidschanischen Juden pflegen bis heute gute Beziehungen zu ihren nichtjüdischen und muslimischen Nachbarn. Die Juden verwalten sogar die weltweit einzige jüdische Stadt außerhalb Israels in Aserbaidschan. Qirmisi Qesebe ist somit die einzige Stadt der Welt, in der Juden jenseits von Israel die Mehrheit bilden. Viele berühmte Juden kamen aus aserbaidschanischen Verhältnissen, wie Garry Kasparov, der als der größte Schachspieler der Welt betrachtet wird.

Als die Deutschen in Paris einmarschierten, wurde dem 26-jährigen aserbaidschanischen Muslim Sardari Qajar die Verantwortung für die iranischen Juden in Frankreich übertragen, während die Nazis und ihre französischen Helfershelfer Juden in die Konzentrationslager ins ferne Polen und in den sicheren Tod schickten. Im Jahr 1940 forderten die Nazis alle französischen Juden auf, sich bei der Polizei registrieren zu lassen und einen gelben Judenstern zu tragen. Sardari Qajar schickte einen Brief an die französische Regierung, die seinerzeit nach Vichy verbannt war, und erklärte, dass die iranischen Juden in Ruhe gelassen werden sollten, da sie sich vollständig in die persische Kultur eingegliedert hatten. Dieser einzigartige Stellenwert, den die Juden in der persischen Welt innehalten, geht zurück bis zur Königin Esther, die den persischen König Ahasverus, der die persischen Juden vor Haman rettete, heiratete.

Unerklärlicherweise, manche sagen auf wundersame Weise, funktionierte der Plan von Sardari Qajar, und die iranischen Juden mussten nicht den gelben Davidstern tragen. 75.000 französische Juden wurden schließlich in Nazi-Todeslager geschickt, aber alle persischen Juden Frankreichs blieben unangetastet. Für die Juden, die Frankreich verlassen wollten, stellte Sardari Qajar ohne die Zustimmung der iranischen Regierung mutig iranische Pässe für jüdische Familien aus, und konnte so Tausende von Juden vor dem Holocaust der Nazis retten.

Als Yad Vashem, Jerusalems hervorragendes Holocaust-Museum, Sardari nach seiner Arbeit in Frankreich fragte, antwortete er einfach: „Wie Sie vielleicht wissen, hatte ich das Vergnügen, während der deutschen Besetzung Frankreichs iranischer Konsul in Paris zu sein, und als solcher war es meine Pflicht, alle Iraner zu retten, einschließlich der iranischen Juden.“ 2004 wurde Sardari Qajar vom Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles ausgezeichnet. Dieses Zentrum ist eine Organisation, die über den Holocaust forscht, sich mit Antisemitismus, Menschenverachtung und Terrorismus beschäftigt, die zu Israel steht und die Sicherheit der Juden weltweit verteidigt.

Was der iranische Muslim Sardari Qajar für das jüdische Volk tat, war Ausdruck eines jahrtausendelangen friedlichen Zusammenlebens zwischen Juden und den aserbaidschanischen und persischen Völkern. Sardari Qajar erinnert an eine Zeit, in der Religion und ethnischer Hintergrund durch die Wichtigkeit der Gemeinsamkeit der Menschheit und der Nationengemeinschaft verdrängt wurden. Sardari Qajar wuchs unter Aserbaidschanern auf, die in Harmonie mit den Juden lebten, und begriff wie wichtig Respekt und die Achtung der Heiligkeit des Lebens sind, und er hatte den Mut, sie zu beschützen. Eine Lektion, die wir alle bezüglich des Holocaust lernen müssen.

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