Die Kippa gehört zu Deutschland

Die Bundesregierung muss die Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens in Deutschland durchsetzen.

Von Alexandra Margalith

Am Samstag, dem 1. Juni 2019 waren sie wieder da: Die Terroristenversteher, die mit Fahnen der Hisbollah und anderer Terrororganisationen durch die Straßen Berlins ziehen und Israel und seinen Einwohnern zu dem, was sie „Al-Quds-Tag“ nennen, krakeelend die Pest an den Hals wünschen. Im besten Fall. Im weniger guten den schnellstmöglichen Untergang.

Ausgerechnet für diesen Tag hat der Antisemitismusbeauftragte der Bundesrepublik Deutschland Dr. Felix Klein nun ein Zeichen der Solidarität mit Juden gefordert. Dr. Klein appelliert an alle Deutschen, an diesem Tag in Berlin und auch sonst überall in Deutschland eine Kippa aufzusetzen.

Der Aufruf ist das Resultat der intensiven Beschäftigung Dr. Kleins mit der aktuellen Situation der Juden in Deutschland. Und das Resultat ist alarmierend und beschämend zugleich.

So erklärte Dr. Klein jüngst in einem Interview gegenüber der Funke Mediengruppe:

„Ich kann Juden nicht empfehlen, jederzeit überall in Deutschland die Kippa zu tragen. Das muss ich leider so sagen“.

Ergänzend fügt er in diesem Interview hinzu, dass er dazu früher noch eine andere Meinung gehabt habe. Jedoch sehe er inzwischen eine „zunehmende gesellschaftliche Enthemmung und Verrohung“, die einen fatalen Nährboden für Antisemitismus darstelle.

Beinahe ist man als Jude ob dieser Erkenntnis und Aussage geneigt, sich wohler zu fühlen, denn immerhin scheint er endlich verstanden zu haben, was so viele der jüdischen Menschen in Deutschland dieser Tage umtreibt.

Und beinahe ist man auch geneigt, die Aussage Dr. Kleins zu begrüßen, denn letzten Endes hat er ja völlig Recht, es kann für Juden in Deutschland inzwischen gefährlich werden, sich als solche zu outen!

Aber eben nur beinahe.

Denn das Interview von Dr. Klein und seine Aufforderung zur Solidaritätsbekundung zeigen quasi im gleichen Schritt, wie wenig Dr. Klein tatsächlich verstanden hat.

Das „rechtsradikale Umfeld“

In seinem Interview führt Dr. Klein nämlich weiter aus, 90 % der Straftaten gegen Juden oder jüdische Einrichtungen seien dem rechtsradikalen Umfeld zuzuordnen.

Und tatsächlich ergibt sich diese Zahl aus der Statistik.

Man muss sich inzwischen allerdings schon fragen dürfen, wie oft man auch den Antisemitismusbeauftragten auf die Mängel eben dieser statistischen Erfassung hinweisen muss.

Es ist hinlänglich bekannt, dass alle antisemitischen Straftaten, bei denen sich der Täter nicht ermitteln lässt, pauschal dem rechten Spektrum zugeordnet werden, angefangen von geschändeten Friedhöfen über sogenannte „Propaganda-Delikte“, wie Hakenkreuzschmierereien und bis hin zu tätlichen Angriffen.

Ist der Täter nicht eindeutig identifiziert, kommt er, zumindest, was die Statistik anbelangt, aus der rechten Ecke. Punkt.

Dabei ist es völlig egal, dass die „Sieg Heil“ oder „Juden ins Gas“-Rufe auf Deutschlands Straßen im Sommer 2014 zum Beispiel nahezu ausschließlich aus den Mündern radikaler muslimischer Demonstranten zu hören gewesen waren. Statistisch waren sie „rechtsextrem“.

Hinzu kommt, dass bei Tatbeständen, die mehrere Delikte erfüllen, der Fall unter dem Stichwort des Delikts mit der höchsten Strafandrohung erfasst wird.

Wird jemand also erst als „Yahoud“ bezeichnet und dann geschlagen, läuft der Fall unter Körperverletzung und wird gar nicht erst als antisemitische Straftat erfasst.

Es fällt also schwer, sich darüber zu freuen, dass der Antisemitismusbeauftragte die Sachlage nun endlich erfasst hat, wenn er die offensichtlichen und hinlänglich bekannten Mängel der Statistik, auf welche er sich bei seiner Erkenntnis bezieht, nach wie vor ausblendet.

Die Tatsache, dass Juden sich in Deutschland heute nicht mehr überall und bei jeder Gelegenheit sicher fühlen können, wurde schon in etlichen Artikeln und Medienberichten als das bezeichnet, was sie ist: Ein Offenbarungseid.

Wenn Dr. Klein allerdings erklärt, dass das Tragen der Kippa „nicht überall“ empfehlenswert sei, sollte sich automatisch auch die Frage nach dem „wo nicht“, gefolgt von dem „warum nicht“. Immerhin könnte man sich als Jude dann überlegen, ob und wann und wie man diese Gegenden aufsucht oder meidet.

Aber genau dazu schweigen die Medien und auch Dr. Klein.

Offensichtlich kann oder will er die Gegenden, in denen Juden sich besser nicht als solche outen sollten, nicht genauer benennen.

Und so wird aus einem traurigen „nicht überall“ bei näherer Betrachtung nichts anderes als ein beschämendes „nirgends“.

Dr. Klein hüllt es zwar in schöne Worte, aber letzten Endes sagt er nichts anderes, als dass Juden in Deutschland heutzutage nirgends davon ausgehen können, nicht angegriffen zu werden, nur, weil sie offensichtlich jüdisch sind.

Ein größeres Armutszeugnis lässt sich für das „Nie wieder“-Land Deutschland schwerlich ausstellen.

Schuld an der zunehmenden gesellschaftlichen Enthemmung hat, so Dr. Klein, das Internet und bei den muslimischen Tätern, die zumeist schon länger in Deutschland leben, die arabischen TV-Sender „in denen ein fatales Bild von Israel und Juden vermittelt wird“. Und das ist ein weiteres Ärgernis im Zusammenhang mit dem Interview von Dr. Klein.

Was er sagt, ist nicht ganz falsch. Es ist aber auch nicht ganz richtig. Denn es ist unvollständig.

Eine ganze Menge Ursachen werden von Herrn Dr. Klein nicht genannt oder nur am Rande angesprochen.

Die Ursachen dafür, dass Juden sich heute in Deutschland nicht mehr sicher fühlen, sind nämlich vielfältig.

Tatsächlich ist der Antisemitismus von rechts heute lauter und sichtbarer als er es in den letzten Jahrzehnten gewesen war. Der Anteil derjenigen innerhalb der deutschen Bevölkerung, die antisemitisches Gedankengut hegen, liegt allerdings seit der Wiedervereinigung mehr oder minder konstant bei 20 %. Dass diese 20 % heute auf einmal so eine Rolle spielen, nachdem man sie jahrzehntelang konsequent ignoriert hatte, mag daran liegen, dass man so am elegantesten darum herumkommt, die übrigen Bedrohungen, denen Juden in Deutschland ausgesetzt sind, zu thematisieren.

Aber vielleicht ist es letztlich genau das, was dazu geführt hat, dass der klassische Antisemitismus von rechts sich heute wieder traut, sein hässliches Gesicht zu zeigen: Wenn man andere Formen des Antisemitismus konsequent ignoriert, entsteht eine Atmosphäre der Duldung. Und wenn die einen dürfen, dann dürfen die anderen auch!

Zum klassischen deutschen kommt der moslemische Antisemitismus hinzu

Zum klassischen deutschen Antisemitismus hinzugesellt ist nämlich das, was nach wie vor am liebsten nicht gesehen wird, der, den man so furchtbar ungern thematisiert, könnte das doch Rassismus schüren, den man in Deutschland „nie wieder“ sehen will:

Der muslimische Antisemitismus. Auch dieser war grundsätzlich immer da. Mit dem Erstarken der muslimischen Gemeinden in Deutschland vor und seit der Zuwanderungswelle von 2015 zeigt auch er sich allerdings lauter und deutlicher als in der Vergangenheit.

Befeuert wird dieser noch durch den als „Antizionismus“ oder „Israelkritik“ getarnten linken Antisemitismus, der sich angeblich nicht gegen Juden richtet, sondern „nur gegen Zionisten“, also an Menschen, die das Recht auf jüdische Selbstbestimmung in einem jüdischen Staat verteidigen.

Die Betroffenheit, die Dr. Klein äußert, ist glaubwürdig und man kann davon ausgehen, dass er selbst gute Absichten hegt. Allerdings scheint er wie ein zahnloser Tiger, der im Amt wenig bis keine Macht hat, gegen die katastrophalen Entwicklungen auf deutschen Straßen anzugehen. Sonst hätte er sich vielleicht nicht so schwer getan, zu konkretisieren, in welchen Gegenden Juden besser nicht mit Kippa auftauchen sollten und weshalb.

Vielleicht hätte er sonst anlässlich des Al-Quds-Marsches in Berlin auch nicht nur dazu aufgerufen für einen Tag spaßeshalber eine Kippa aufzusetzen, sondern sich dafür eingesetzt, diesen leidigen Marsch des muslimisch-antisemitischen Hasses auf deutschen Straßen endlich ein für allemal zu verbieten.

Und vielleicht hätte Dr. Klein dann auch erklärt, welche Maßnahmen in Zukunft unternommen werden sollen, um zu gewährleisten, dass Juden in Deutschland überall eine Kippa oder einen Davidstern tragen können, auf der Straße hebräisch sprechen oder sich sonst irgendwie als jüdisch outen können, ohne zu riskieren beleidigt, bespuckt, geschlagen oder schlimmeres zu werden.

Die Lösung kann jedenfalls niemals darin liegen, dass Juden ihr Judentum geheimhalten oder sich verstecken!

Hier ist Deutschland gefordert. Mit oder ohne Kippa auf dem Kopf.

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