Das Geheimnis der Rosa Mamlock

Ein Zufallsfund in einem Teich in Nord-Polen bildet den Grundstein für eine neue jüdische Friedhofsgedenkstätte bei Danzig

Herr Mamlock mit dem Grabstein seiner Großmutter

Von Andreas C. Schneider

Es war ein heißer Sommertag im Jahr 2015. Bei Niedrigwasser fanden Angler an einem Teich beim nordpolnischen Örtchen Garnsee/Gardeja einen großen, verdreckten, undefinierbaren Stein. Als sie ihn grob reinigten, entdeckten sie auf ihm unbekannte Schriftzeichen. Daraufhin benachrichtigten sie den Geschichtslehrer und Journalisten Ryszard Bartosiak und fragten ihn um Rat. Nach einer gründlicheren Säuberung erkannte er in dem knapp hundert Kilogramm schweren Marmorblock einen jüdischen Grabstein mit hebräischen Schriftzeichen und der deutschen Inschrift „Rosa Mamlock - geb. Itzig - geb. 25. Mai 1850, gest. 16. Oktober 1920“.

friedhof_opt

Bartosiak begab sich auf Spurensuche und erforschte die Geschichte des Grabsteins. Unter anderem fand er heraus, woher der außergewöhnliche Fund ursprünglich stammte. Der ehemalige Standort war ein jüdischer Friedhof auf einem kleinen Hügel in der Nähe des Teiches nordöstlich des Ortszentrums. Vom Friedhof ist heute nichts mehr übrig. Das Gelände wurde teils eingeebnet und zugebaut. Seine Rechercheergebnisse fasste der Lehrer und Journalist im November 2015 für die Zeitung „Kurier Kwidzyński“ in einem Artikel zusammen. Die Überschrift lautete „Das Geheimnis von Rosa Mamlock“.

Der Artikel war auch im Internet zu lesen. Dort stieß die deutsche Historikerin Dr. Gabriele Bergner auf ihn und informierte einen Nachfahren Rosa Mamlocks darüber – und zwar ihren Urenkel Michael Mamlock in Berlin. Er forscht seit 40 Jahren nach Mitgliedern seiner Familie. Schon bald fuhr er nach Garnsee bei Danzig ins ehemals deutsche Westpreußen. Der Empfang im rund 2.500 Einwohner zählenden Örtchen war sehr herzlich. Herr Mamlock sprach mit dem Bürgermeister und konnte erstmals den Grabstein seiner Urgroßmutter sehen und berühren. In Gesprächen erfuhr er unter anderem, dass noch zahlreiche weitere Grabsteine in den Teichen rund um das ehemalige Gelände des jüdischen Friedhofes vermutet werden. Bislang konnte man weltweit die Nachkommen von 20 jüdischen Familien ermitteln, die früher in der Gemeinde Garnsee wohnten und deren Angehörige dort bestattet wurden. Sie leben in den USA, in Deutschland, in Israel, in Brasilien, in England und den Niederlanden.

Rosa-Mamlock

Der Gemeinderat sicherte Unterstützung bei der Bergung der restlichen Grabsteine und der Einrichtung einer Gedenkstätte mit diesen auf dem alten Friedhofsgelände zu. Das deutsche Auswärtige Amt, das polnische Ministerium für Kultur und der Verband der jüdischen Gemeinden Polens befürworten diese Planungen ebenfalls. Das Geld dafür muss allerdings größtenteils durch Spenden aufgebracht werden. Das Projekt zur Schaffung der Gedenkstätte zur Völkerverständigung und zur Erinnerung an die ehemaligen jüdischen Bürger trägt nun den Namen „Gardeja Memorial“. Es hat viele Facetten. Dazu gehören auch die Produktion eines deutsch-polnischen Dokumentarfilms, die Erarbeitung einer Dauerausstellung zu den Verstorbenen und die Veröffentlichung von Lehrmaterial für die umliegenden Schulen, damit die polnischen Schüler mehr über die deutsch-jüdische Geschichte ihrer Region erfahren.

Joanna Mieszczyńska, eine Regional-Botschafterin des Warschauer Museums zur Geschichte der polnischen Juden (POLIN), begrüßt das Projekt sehr. „Es ist wichtig, diese Geschichte so genau wie möglich zu zeigen. Besonders interessant wird es, wenn die Schüler selber forschen“, meint sie. Die Grabsteine werden bald geborgen und untersucht. Dann wird es für die Schüler viele Gelegenheiten dazu geben.

Der Berliner Kaufmann Michael Mamlock hat zur Durchführung des anspruchsvollen internationalen Projektes eine Stiftung ins Leben gerufen: www.mamlock-foundation.com

Wenn Sie die Stiftung bei ihrer wichtigen Erinnerungsarbeit unterstützen möchten, können Sie einen Betrag Ihrer Wahl auf folgendes Spendenkonto mit dem Betreff „Gardeja Memorial“ überweisen:

Pax-Bank eG,

IBAN: DE 84 3706 0193 6002 5750 17 BIG: GENODED1PAX

 

Es ist auch möglich, eine Patenschaft über einen der geborgenen Grabsteine zu übernehmen.

Sehr geehrte Leser!

Die alte Website unserer Zeitung mit allen alten Abos finden Sie hier:

alte Website der Zeitung.


Und hier können Sie:

unsere Zeitung abonnieren,
die aktuelle oder alte Ausgaben bestellen
sowie eine Probeausgabe bekommen

in der Druck- oder Onlineform

Unterstützen Sie die einzige unabhängige jüdische Zeitung in Deutschland mit Ihrer Spende!

Werbung


Auf Sommer-Besuch bei den Juden Kroatiens

Auf Sommer-Besuch bei den Juden Kroatiens

Die dalmatinischen Küstenstädte Split und Dubrownik besitzen kleine, aber lebendige jüdische Gemeinden und beherbergen u.a. die ältesten sephardischen Synagogen Europas.

Arabischer Brief an Theodor Herzl: „Guter G‘tt, historisch betrachtet ist es wirklich Ihr Land!“

Arabischer Brief an Theodor Herzl: „Guter G‘tt, historisch betrachtet ist es wirklich Ihr Land!“

Wie sich die Nation Israel zu Beginn des 20. Jahrhunderts schon vor der offiziellen Staatsgründung heranbildete.

Eine jüdische Theater- und Filmkarriere: Paul Muni zum 125. Geburtstag

Eine jüdische Theater- und Filmkarriere: Paul Muni zum 125. Geburtstag

Der jiddische Muttersprachler Muni aus Österreichisch-Galizien wurde in Amerika zu einem der berühmtesten Theater- und Filmschauspieler seiner Zeit.

Rav Kook: Ein prophetischer Denker der jüdischen Wiederfindung und Rückkehr in die heilige historische Heimat

Rav Kook: Ein prophetischer Denker der jüdischen Wiederfindung und Rückkehr in die heilige historische Heimat

Der Großrabbiner hatte in den 1920er Jahren großen Anteil daran, auch orthodoxe Juden für die Idee des Zionismus zu gewinnen und gilt als geistiger Vater des religiösen Zionismus und Wegbereiter der Staatsgründung Israels. Am 1. September jährt sich sein Todestag zum 85. Mal.

Das „Antisemitismus-Problem“ der Linkspartei-Studenten

Das „Antisemitismus-Problem“ der Linkspartei-Studenten

Der Hass linker Studenten auf Israel ist kein neues Phänomen – eine Zeitreise in die späten 1960er Jahre zum SDS

Achtundsechziger und Dreiunddreißiger

Achtundsechziger und Dreiunddreißiger

Die offensichtliche Israel- und Judenfeindlichkeit der 68er-Bewegung findet nicht selten eine Erklärung darin, dass nicht wenige der fanatischsten Linken dieser Zeit selbst aus tiefbraunen Nazi-Familien stammen – hier drei exemplarische Kurz-Biografien.

Westdeutsche Politiker, ihre Image-Angst und der Holocaust

Westdeutsche Politiker, ihre Image-Angst und der Holocaust

Zahlreich westdeutsche Politgrößen, die zum Teil selbst Nationalsozialisten gewesen waren, empfanden sich weniger als Schuldige, sondern vielmehr als „Opfer“ der Holocaust-Aufarbeitung und des Holocaust-Gedenkens in Nachkriegsdeutschland und den USA. Jacob Eder hat ein neues Buch zur Erinnerungskultur an den Judenmord seit den 70er Jahren veröffentlicht.

Niemand bleibt allein!

Niemand bleibt allein!

Zum 100. Jahrestag der „Union russischer Juden in Deutschland“, die Hilfe bei der jüdischen Einwanderungswelle nach dem Ersten Weltkrieg leistete.

„Der gemeinen Judischheit Befehlshaber in Teutschland“

„Der gemeinen Judischheit Befehlshaber in Teutschland“

Von den wechselvollen Beziehungen zwischen Hofjuden und Herrschern im Mittelalter und der Neuzeit Europas

Zwischen Front, Familie und NS-Regime

Zwischen Front, Familie und NS-Regime

Noch 1944 fuhren täglich 22.000 deutsche Soldaten auf Heimaturlaub. Ein neue Forschungsarbeit beleuchtet wie häufig Juden geraubte Güter aus den besetzten Ländern „daheim“ die Moral heben sollten.

Ganz im Sinne des Islam: Die lange Sklavenhaltergeschichte des Irans bis ins 20. Jahrhundert

Ganz im Sinne des Islam: Die lange Sklavenhaltergeschichte des Irans bis ins 20. Jahrhundert

Als in Europa und den USA bereits das Frauenwahlrecht eingeführt wurde, wurde im Iran noch unvermindert mit Sklaven gehandelt.

Die heilige Hure

Die heilige Hure

Zum 120. Geburtstag von Hedwig Porschütz: Die deutsche Prostituierte wurde bereits 2012 als „Gerechte unter den Völkern“ anerkannt, weil sie unter Lebensgefahr zahlreiche Juden während der NS-Zeit versteckte.

Werbung

Alle Artikel
Diese Webseite verwendet Cookies, um bestimmte Funktionen zu ermöglichen und das Angebot zu verbessern. Indem Sie hier fortfahren, stimmen Sie der Nutzung von Cookies zu. Mehr dazu..
Verstanden