„Zwischenfall in Vichy“

Das aufrüttelnde Theaterstück des jüdischen Dramatikers Arthur Miller tourt in neuer Bearbeitung durch Deutschland

Der Schriftsteller Arthur Miller (1915-2005)© GEORGES BENDRIHEM, AFP

Von Jeanette Krymalowski

Zu den Jüdischen Kulturtagen Rhein-Ruhr 2019, die vom 28. März bis zum 14. April 2019 stattfanden, ist das Theaterstück „Zwischenfall in Vichy“ von Arthur Miller realisiert worden. Die Premiere fand am 31. März im Saal der Kölner Synagogen-Gemeinde statt – dann ging es weiter u.a. nach Essen, Wuppertal, Dortmund und Düsseldorf.

Geschrieben hat Miller das Stück im Jahre 1964 nach einer Recherche beim Auschwitzprozess in Frankfurt. Es behandelt das Problem der mittelbaren Schuld und thematisiert die unbewusste Teilhabe jedes Einzelnen am unaufhörlichen Unrecht dieser Welt. Es spielt im September 1942 auf einer Polizeiwache in Vichy am Sitz der mit den deutschen Besatzern kollaborierenden französischen Regierung Petain.

Verschiedene Menschen, zum größten Teil jüdischer Herkunft, sind mit falschen Papieren in diesen unbesetzten Teil Frankreichs geflüchtet. Die Zuschauer erleben diese Personen, während sie darauf warten, dass sie einzeln zu einem Verhör gerufen werden, bei dem auch ein Professor für Rassenkunde anwesend ist. Ihre wahre Identität soll damit herausgefunden werden, und ihr Schicksal wird sich gleich danach entscheiden.

Jeder dieser Flüchtlinge reagiert anders auf die lebensbedrohliche Gefahr. Auf Nachrichten, die besagen, dass jüdische Menschen in Öfen verbrannt werden, sagt einer, dass diese Nachricht völlig unglaubhaft und unvorstellbar sei. In ihren Aussagen und Dialogen versuchen die Flüchtlinge ihre willkürliche Festnahme zu begreifen und zu analysieren; dabei zeigen sich verschiedene, individuelle, politische und gesellschaftliche Haltungen und Denkmuster. Wir sind mittendrin – was nun, was jetzt?

Die Dialoge nehmen die Zuschauer mit – konfrontieren sie mit Wahrheiten, regen an zur Auseinandersetzung mit dem Thema, wie es zur Katastrophe kam, richten sich gegen Gleichgültigkeit und sind für das Hinterfragen, appellieren an die ethische Verantwortung jedes einzelnen Menschen.

Am Schluss geschieht etwas, womit keiner rechnet: Der österreichische, nicht-jüdische Aristokrat von Berg, der sich ebenfalls unter den Flüchtlingen befindet, rettet den Familienvater und Psychiater Leduc unter Aufgabe seines eigenen Lebens, indem er seinen lebensrettenden Passierschein Leduc überlässt und selber in der Polizeistation verbleibt – ein erleuchtender Moment, der zeigt, dass der Mensch in Eigenverantwortung mutig handeln kann. Es gab diese Menschen, aber sie waren Ausnahmen.

Die Schauspieler lassen Millers Werk überzeugend präsent werden. Bühnenausstattung und Hintergrundgeräusche setzen Effekte genau da, wo sie hingehören.

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