„Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit – Sie haben keine Chance.“

Wie akademischer Antisemitismus in der UdSSR bis in die 80er Jahre hinein die jüdischen Mathematiker aus dem Lande trieb

Grigori Margulis

Von Juri Perewersew

Im März 2009 und im März 2014 wurde der Abelpreis, ein Äquivalent des Nobelpreises für Mathematik, an Michail Gromow und Yakow Sinai verliehen. Der Preis, ins Leben gerufen von der norwegischen Regierung und benannt nach dem norwegischen Mathematiker Niels Henrik Abel, wird seit 2003 jährlich verliehen und mit 6 Millionen norwegischen Kronen dotiert, womit er einer Entsprechung des Nobelpreises nahekommt. Gromow und Sinai sind jüdische Mathematiker, ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion, Angehörige der sowjetischen mathematischen Schule, deren Repräsentanten in Mathematikwissenschaften herausragende Leistungen erbracht und große Erfolge errungen haben, trotz eines blühenden Antisemitismus. Man fragt sich, was könnten schon Antisemitismus und Mathematik gemein haben? Dennoch war dies in der Sowjetunion bittere Realität.

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Stalins antisemitische Propagandaschlacht Ende 1940er/Anfang 1950er Jahre betraf die jüdischen Mathematiker zunächst einmal nicht, wenn man von den allgemeinen Ängsten und den Gerüchten über den sadistischen Plan Stalins, alle Juden nach Sibirien in die Verbannung zu schicken, absieht. Zwar wurden sie „für gewöhnlich“ verfolgt, dies hielt sich jedoch in den „von oben“ bestimmten Grenzen.

Die Kollegen machen Druck

Dennoch spürten die sich der Mathematik verschriebenen Juden seit 1960 einen ungeheuren Druck, welcher überraschenderweise von ihren Kollegen ausging. Der Grund war so simpel wie perfide: Man wollte sie loswerden – nicht, um ihre Stellen zu übernehmen, sondern aufgrund einer von international bekannten und hochdekorierten Vertretern der wissenschaftlichen Oberschicht inspirierten und organisierten Kampagne. Unter ihnen waren die Mitglieder der Russischen Akademie der Wissenschaften Iwan Winogradow (1891 – 1983), Lew Pontryagin (1908 – 1988) und der damals noch junge Igor Schafarewitsch (1923 – 2017), künftig ebenfalls Akademiemitglied. Winogradow als Direktor des Mathematischen Steklow-Instituts der Russischen Akademie der Wissenschaften brüstete sich später damit, sein Institut sei nach dem Tod des 1978 gestorbenen Dr. habil. phys., Dr. habil. math. Mark Nejmark „judenrein“ geworden. Wie der bedeutende Mathematiker, Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften Sergej Nowikow (geb. 1938), einmal bemerkte, stand das Mathematische Steklow-Institut unter der Leitung Winogradows für demonstrativ nach außen getragenen, niederträchtigen Antisemitismus, welchen Winogradow auch konsequent durchsetzte. In der Tat wurde dieses führende Institut „dank“ den Bemühungen seines Direktors zu einem Nest, ja zu einer Brutstätte des Antisemitismus, und die drei bedeutenden, einflussreichen Mathematiker – Winogradow, Pontryagin und Schafarewitsch – verbargen nicht ihre antisemitische Gesinnung, sondern agierten bewusst offenkundig.

Ein mathematisches Institut als Brutstätte der Judenfeindlichkeit

Iwan Winogradow wurde bereits in jungen Jahren bekannt, nachdem er die Lösungen für eine Reihe der Probleme gefunden hatte, welche für die Mathematik am Anfang des 20. Jahrhunderts als aussichtslos galten. Obwohl er sich anschließend für keine bedeutsamen Veröffentlichungen bemerkbar gemacht hatte, wurde Winogradow zweimal „Held der Sowjetunion“ und erhielt den Lenin-Orden, den Staatspreis der UdSSR sowie die Lomonossow-Goldmedaille. 1942 wurde er Mitglied der Royal Society und der American Philosophical Society. 1962 wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt.

In diesem judophoben Triumvirat Winogradow – Pontryagin – Schafarewitsch hielten die ersten zwei es nicht für richtig, direkt zu verkünden: „Ja, wir betrachten Juden als schädliches, gefährliches Volk und werden, solange wir leben, keinem von ihnen den Zutritt in unseren Bereich gewähren.“ Die „Ehre“, das Sprachrohr dieser Leitlinie zu sein, wurde Schafarewitsch zuteil. Das durchschnittliche Publikum seiner Bücher wurde mit den Geschichten über die blutrünstigen, heimtückischen Juden versorgt. Die Grundidee seines Traktats „Russophobie“ (1982) übernahm Schafarewitsch vom französischen Historiker Augustin Cochin, der als wahre Ursache sowie treibende Kraft der Französischen Revolution „das kleine Volk“ nannte, die Minderheit als eine antinational gesinnte Elite, welche dem „großen Volk“ ihre Ideen und Theorien aufnötigt.

Schafarewitsch behauptete, dass der Kern dieser „bösen Minderheit“ in Russland die auf eigenen Profit ausgerichteten Juden seien. Dieser Kern drängt dem „großen Volk“ „abwertende, gemein-verächtliche, mit hochnäsiger Ironie bestärkte Sicht auf alles Russische“: „Das Interesse des Menschen für die Arbeit und das Schicksal seines eigenen Landes schwindet; das Leben an sich wird zu einer überflüssigen Bürde; junge Menschen suchen einen Ausweg, indem sie irrationale Gewalttaten begehen, Männer werden zu Alkoholikern und Drogenabhängigen, Frauen gebären keine Kinder mehr, das Volk stirbt aus…“, schrieb er.

Nach dem Erscheinen der „Russophobie“ haben 31 in der Gesellschaft hochgeachtete Persönlichkeiten – russische Intellektuelle, Politiker, Wissenschaftler – einen Protestbrief veröffentlicht; unter den Verfassern waren Juri Afanassjew (1934 – 2015, russischer Politiker und Historiker, - Anm. d. Übers.), Dmitri Lichatschow (1906 – 1999, Philologe und Literaturhistoriker, - Anm. d. Übers.), Andrej Sacharow (1921 – 1989, Physiker, bekannt als „Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe“, Dissident, Friedensnobelpreisträger, - Anm. d. Übers.).

Ungeachtet dessen setzte Schafarewitsch seine Arbeit fort; eines seiner letzten Bücher war „Dreitausendjähriges Rätsel“ (2002). Im Vorwort zum Buch schrieben seine Herausgeber: „Der herausragende Denker unserer Zeit, Igor Schafarewitsch, ist nach seiner langjährigen Studie der Judenfrage zu dem Schluss gekommen, dass sie immer präsent war, sobald es um die Machtergreifung ging. So war es in Ägypten und Persien, in Rom und in der alten Khazaria, aber auch in nicht so ferner Vergangenheit in Russland.“

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Schon Mitte der 1960er Jahre gelang es einer Gruppe der Akademie-Mitglieder unter der Leitung von Winogradow und Pontryagin, die komplette mathematische Sektion der Akademie der Wissenschaften sowie die Redaktionen führender mathematischer und physikalisch-mathematischer Fachzeitschriften des Verlags „Nauka“ („Wissenschaft“, russ.) unter ihren Einfluss zu bringen. In den 1970er Jahren kontrollierten sie darüber hinaus die Gremien für Mathematik der Höchsten Qualifikationskommission und die fachwissenschaftliche Dissertationsbeiräte.

Absichtlich schwierigere Prüfungs-Aufgaben?

Zwischen 1964 und 1984 wurde kein Mathematiker jüdischer Herkunft in die Akademie der Wissenschaften der UdSSR gewählt. Diskrimination war allumfassend und staatlich verordnet. Sie begann bereits mit den Aufnahmeprüfungen an vielen angesehenen Universitäten; an der Staatlicher Universität Moskau wurde ab 1967 jüdischen Studenten der Zugang zu den Mathematik- und Mechanik-Studiengängen fast gänzlich verwehrt. Den Talentiertesten, den Siegern der Mathematik-Olympiaden wurden die kompliziertesten Aufgaben der internationalen Wettbewerbe angeboten, was laut Prüfungsbestimmungen verboten war. In die mündliche Prüfung wurden die Fragen vom höchsten Schwierigkeitsgrad eingebaut, welche den Rahmen des Schulprogramms bei weitem überstiegen.

Akademiemitglied A. Sacharow bemerkte, dass eine der Prüfungsaufgaben selbst ihn eine Stunde intensiver Arbeit zuhause gekostet hat, während ein Abiturient während der Prüfung dafür lediglich 20 Minuten Zeit hätte – unter den Augen eines unfreundlichen Prüfers. Dies führte dazu, dass 1977 die Fakultät für Mechanik und Mathematik der Staatlichen Universität Moskau einen einzigen jüdischen Studenten aufgenommen hatte, aus Angst vor einem internationalen politischen Skandal, denn Viktor Galperin, um den es sich bei diesem einzelnen Studenten handelte, wurde im gleichen Jahr Sieger des internationalen Mathematik-Wettbewerbs in Belgrad.

Und es gab sie, Skandale internationalen Ausmaßes aufgrund der Diskriminierung der Juden in der UdSSR. Ein bekanntes Beispiel: Im Mai 1980 boykottierten 40 Mathematiker mehrerer amerikanischen Universitäten das Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaft und Dekan der Fakultät für Mechanik und Mathematik der Nowosibirsker Uni, Juri Jerschow. Jerschow wurde in die USA im Rahmen des sog. James-Fulbright-Programms eingeladen. Von Senator J. W. Fulbright 1946 ins Leben gerufen, ermöglichte dieses Programm den amerikanischen Studenten, Lehrern und Professoren einen akademischen sowie kulturellen Austausch mit ihren Kollegen aus der ganzen Welt. Der Grund dieses Boykotts war die Beteiligung Jerschows an der antisemitischen Politik gegenüber seinen jüdischen Kollegen in der Sowjetunion: Es wurden Dissertationen jüdischer Wissenschaftler abgewiesen (was sie allerdings später nicht daran hinderte, berühmt zu werden); jüdische Namen strich man aus der Einladungsliste der Konferenz zum Thema Mathematische Logik in Kischinau 1976.

Darüber, wie diskriminiert und schikaniert Juden bei den Aufnahmeprüfungen an den Universitäten waren, schrieb unter anderem Edward Frenkel – Professor in Harvard, zurzeit Professor in Berkeley, bekannt durch seine Arbeiten im Bereich der Darstellungstheorie, algebraischer Geometrie und mathematischer Physik, Mitglied der American Academy of Arts and Sciences und der American Mathematical Society. Obwohl in der berühmt-berüchtigten „fünften Rubrik“ seines Passes „Nationalität: Russisch“ stand, da er eine russische Mutter und einen jüdischen Vater hatte, bekam Frenkel 1984 beim Vorstellungsgespräch an der Staatlichen Universität Moskau direkt gesagt: „Verschwenden Sie nicht Ihre Zeit – Sie haben keine Chance.“

An den anderen, weniger prestigeträchtigen Hochschulen gab es Quoten: An der Staatlichen Universität für Erdöl und Erdgas in Moskau konnte Frenkel schließlich zusammen mit wenigen zum Studium zugelassenen jüdischen Abiturienten angewandte Mathematik studieren. Es gab lediglich zwei solcher Hochschulen in Moskau, wo junge Juden ihrer Begabung im Bereich der exakten Wissenschaften eine Perspektive geben konnten: Die besagte Universität für Erdöl und Erdgas sowie das Institut für Verkehrsingenieure; es gibt nicht wenige brillante Mathematiker, deren wissenschaftliche Karriere dort begann.

Dem Autor dieser Zeilen ist die geschilderte Situation bekannt: Als stellvertretender Dekan einer Fakultät an einer Hochschule in Charkow (damals Ukrainische SSR) 1982 – 1984 hatte ich mit der Aufnahmekommission zu tun, wo alle Abiturienten in Gruppen aufgeteilt wurden – Russen, Ukrainer, Juden usw.; dabei wurde streng geprüft, dass die Zahl der zum Studium zugelassenen Juden nicht den „von oben“ definierten Rahmen übersteigt.

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Und dennoch gab es in diesem Meer des pathologischen Judenhasses anständige, mutige Menschen, welche dem Antisemitismus Einhalt geboten. An dieser Stelle muss die Leitung des Zentralen Instituts für Wirtschaft und Mathematik der Akademie der Wissenschaften UdSSR erwähnt werden. Akademiemitglied Wiktor Mejerowitsch Polterowitsch erzählte: „An dem Zentralen Institut [für Wirtschaft und Mathematik der Akademie der Wissenschaften] waren damals all diejenigen Wissenschaftler tätig, die woanders keine Chance bekämen, als Jude eine Anstellung zu erhalten. Die klügsten Köpfe in der Mathematik arbeiteten dort:

J. Golstejn, W. Danilow, A. Dynin, E. Dynkin, A. Katok, B. Mitjagin, B. Mojscheson, G. Chenkin u. a. Sie waren mit ihren abstrakten Forschungen beschäftigt und versuchten sich gleichzeitig in der Wirtschaftstheorie. Später wanderten viele in den Westen aus; die Behörden waren erbost…“ Dank solcher Oasen konnte die sowjetische mathematische Schule eine ganze Reihe herausragender Mathematiker jüdischer Abstammung präsentieren, Gelehrten, deren Verdienste in der ganzen Welt anerkannt sind.

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Eine Erweiterung des Kreises fähigster jüdischer Mathematiker, welche die größten Erfolge auf ihrem ausgewählten Wege erzielten, förderte die sogenannte jüdische Untergrunduniversität, gegründet 1978 von Bella Subbotowskaja in ihrer Wohnung in Moskau. Sie ist aus Not entstanden: Subbotowskaja, die selbst an der Fakultät für Mechanik und Mathematik studierte und bereits ihre erste Dissertation geschrieben hat, wusste aus erster Hand, welchen Schikanen jüdische Abiturienten während der Aufnahmeprüfung ausgesetzt sind: Sie bekamen extra komplizierteste Aufgaben, welche während der dafür vorgesehener Zeit völlig unmöglich waren, zu lösen. Bald bildete man ungeniert sogar Gruppen jüdischer Abiturienten, um später, bei der Notenvergabe, keinen solchen „Fremden“ zu verpassen. Bella Subbotowskaja begann zunächst damit, den Durchgefallenen zu helfen, Widersprüche zu schreiben. Bald wurde klar, dass dies auch nicht helfen würde; dann organisierte sie Gruppen für die Prüfungsvorbereitung bei sich zuhause. Auch andere Mathematiker jüdischer Abstammung halfen ihr, unter ihnen Menschenrechtler Walerij Senderow und Boris Kanewskij. Während die erste Gruppe nur 14 Menschen zählte, waren es in den nächsten fünf Jahren ca. 400 zukünftige Studenten. Von der Existenz dieser Untergrunduniversität erfuhr man zunächst über den Bekanntenkreis, später konnte jeder an dem Vorbereitungsunterricht teilnehmen. Das Niveau der angebotenen Vorlesungen entsprach nicht nur dem an der Uni-Fakultät, sondern übertraf es nicht selten, da die Referenten sich nicht vom Rahmen des obligatorischen Programms eingeengt fühlten.

Auch an dieser Uni gab es am Ende des Semesters Prüfungen, allerdings auf einer freiwilligen Basis. Trotzdem wollten alle an den Prüfungen teilnehmen: Man kam hierher, um tatsächlich Wissen zu erwerben, wohingegen an der Staatlichen Uni Moskau es nicht selten der sog. Lehrstuhl für Militärkunde war, der die Studenten anlockte, indem er ihnen ermöglichte, dem tatsächlichen Wehrdienst zu entgehen.

1983 wurde Bella Subbotowskaja unter ungeklärten Umständen von einem Auto erfasst und tödlich verletzt…

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Wir blicken in die 1970er Jahre zurück, auf die berühmten sowjetischen jüdischen Mathematiker. 1978, noch vor der beschämenden Aussage Winogradows, wurde Grigori Margulis, bekannt für seine Algebra-Forschung, auf den 18. Internationalen Mathematikerkongress nach Helsinki eingeladen, um eine der höchsten Auszeichnungen im Bereich Mathematik entgegen zu nehmen: Die Fields-Medaille. Winogradow und Pontrjagin setzen durch, dass Margulis aus der sowjetischen Delegation ausgeschlossen wurde. Das löste einen der ersten Skandale aus: Pontrjagin musste seinen Platz als Vertreter der UdSSR im Exekutivkomitee der Internationalen Mathematischen Union räumen, und der Kongress in Helsinki erließ ein Dokument – „Die Lage in der sowjetischen Mathematik“ –, das viele damalige mathematische Funktionäre namentlich erwähnte: Akademiemitglieder Winogradow, Pontrjagin, Tichonow, Nikolski u. v. m.

1991, als die Hauptgegner von Grigori Margulis bereits das Zeitliche gesegnet hatten, wurde er als Professor in die USA, an die Uni Yale, eingeladen; 10 Jahre später wählte man ihn in die National Academy of Sciences, 2005 bekam er den Wolf-Preis (verliehen in Israel seit 1978 als Zeichen der Förderung von Wissenschaft und Kunst zum Nutzen der Menschheit).

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Nicht minder skandalös war die Geschichte von Ilya Piatetski-Schapiro. 1953 wurde er durch das von ihm entwickelte Theorem, das seinen Namen bekommen hat, berühmt. 1968 verlor er jedoch seine Stellung an der Staatlichen Universität Moskau, der Auslöser war ein Brief an die sowjetischen Behörden mit der Forderung, den Dissidenten und Mathematiker A. Jessenin-Wolpin aus der geschlossenen psychiatrischen Abteilung zu entlassen (in der Sowjetunion hieß es immer, es gäbe dort keine politischen Häftlinge; es war allerdings ein offenes Geheimnis, dass inhaftierte Dissidenten in der Psychiatrie untergebracht worden waren, - Anm. d. Übers.). Piatetski-Schapiro war einer der Unterzeichner. Daraufhin stellte er einen Ausreiseantrag, dem nicht entsprochen wurde – die zynische Begründung lautete, er sei ein viel zu bedeutender Wissenschaftler, um ihn ausreisen zu lassen. Ilya Piatetski-Schapiro blieb in Moskau ohne jede Lebensgrundlage. Im Westen und in den USA wurde man auf sein Schicksal aufmerksam. 1976 wurde sein Fall in der National Academy of Sciences zur Prüfung eingereicht: Das Ziel war, das Ausreisevisum für Piatetski-Schapiro zu erzwingen. Dies erwies sich als wirksam: Im gleichen Jahr durfte der Wissenschaftler ausreisen. Er unterrichtete an der Universität in Tel Aviv und parallel an der Universität Yale (USA), 1978 wurde er in die Israelische Akademie der Wissenschaft gewählt, 1981 erhielt er den Israelpreis und 1990 den Wolf-Preis. Viermal wurde er eingeladen, auf dem Internationalen Mathematikerkongress zu sprechen.

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Wie Grigori Margulis wurde auch Efim Selmanov durch seine Forschung im Bereich der kombinatorischen Algebra-Probleme bekannt und erhielt dafür 1994 die renommierte Fields-Medaille. Allerdings lebte er zu dieser Zeit – seit 1987 – bereits in den USA und war zunächst Professor an der Wisconsin University und an der Chicago University; derzeit an der University of California (San Diego) sowie an dem Korea Advanced Research Institute.

Dmitri Kashdan, vielfacher Träger internationaler Auszeichnungen im Bereich der Mathematik, Entwickler – gemeinsam mit Grigori Margulis – des berühmten „Theorem Kashdan-Margulis“, emigrierte 1975 in die USA und wurde Professor an der Harvard University. Als gläubiger Jude ging Kashdan 2002 nach Israel (wo er seinen Namen änderte und danach David hieß) und parallel zu Harvard Professor an der Hebräischen Universität in Jerusalem wurde. Darüber hinaus ist er Mitglied der National Academy of Sciences, American Academy of Arts and Sciences sowie der israelischen Akademie der Wissenschaften.

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Wir erinnern uns an die zwei Träger des Abelpreises, welche am Anfang dieses Textes erwähnt wurden: Michail Gromow und Yakow Sinai. Trotz russischem Nachnamen ist Michail Gromow ein halachischer Jude: Seine Mutter, Lija Rabinowitsch, war die Cousine vom Schachweltmeister Michail Botvinnik. 1973 habilitierte Gromow in Leningrad, 1974 verließ er mit seiner Familie die Sowjetunion mit israelischem Ausreisevisum und kam über Italien in die USA. M. Gromow war Professor an amerikanischen und französischen Universitäten, seit 1996 ist er Professor an der New York University. Internationale Anerkennung erfuhr er durch seine Forschung in Differentialgeometrie, erhielt mehrere Preise für Mathematik, darunter 1993 den Wolf-Preis und 2009 den Abelpreis. Wie Piatetski-Schapiro wurde auch Michail Gromow viermal Referent auf den internationalen Mathematikerkongressen, was eine hohe Ehrung darstellt und seine große Autorität in wissenschaftlichen Kreisen bezeugt.

Yakov Sinai forscht zum größten Teil in der mathematischen Physik sowie Mathematik, insbesondere in enger Verflechtung von Wahrscheinlichkeitstheorie und der Theorie dynamischer Systeme. Seit 1993 Professor an der Princeton University, bekam er den Wolf-Preis in Mathematik einige Jahre vor seinem berühmten Studenten Grigori Margulis. Sinai war bereits Träger etlicher prestigeträchtigen Auszeichnungen in Mathematik und Physik, bevor er 2014 den Abelpreis erhielt. Seit 1993 ist er ausländisches Mitglied der British Royal Society,

der American Mathematical Society (2009) und der National Academy of Sciences of the USA (2012).

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Diese Reihe der jüdischen Mathematiker könnte um viele Namen ergänzt werden – E. Dynkin, I. Bernstein, W. Kaz, B. Mojscheson... Der Grund, dass sie alle ihr Heimatland, wo sie bereits große Erfolge in ihren wissenschaftlichen Bereichen erlangt hatten, verließen, war so trivial wie bitter – es war der blühende Antisemitismus, welcher in der Sowjetunion im Allgemeinen und in der mathematischen Community im Besonderen vorherrschte.

Antisemitismus verschonte selbst Israel Gelfand nicht, war er doch zusammen mit Andrej Kolmogorow die größte Gestalt der Mathematik des 20. Jahrhunderts weltweit. Darüber hinaus war Gelfand ein herausragender Biologe, Autor zahlreicher Veröffentlichungen über Neurophysiologie von Willensbewegungen, der Zellmigration in Gewebekulturen. Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass Gelfand ein autodidaktisches Genie war – er hat sich selbst an die Spitze der Wissenschaft hochgearbeitet, hatte weder ein Hochschuldiplom noch ein Zeugnis der mittleren Reife. Kolmogorow sagte, er spüre im Beisein Gelfands „die Anwesenheit des höheren Geistes“.

Israel Gelfand nahm an den Atom- und Raketenprogrammen der UdSSR teil. Seine Art, komplizierteste Aufgaben anzugehen war durch enorme freie, schöpferische Phantasie gekennzeichnet. Eine solch umfangreiche Wissensbreite, auch in den erzielten Forschungsergebnissen, ist für Einzelpersonen kaum möglich und bis heute beispiellos geblieben.

Jedoch war auch Gelfand – hochdekoriert mit zahlreichen Auszeichnungen (darunter drei Lenin-Orden) und Preisen (zwei Stalin-Preise, Lenin-Preis, Staatspreis der UdSSR) – nicht imstande, sich den in wissenschaftlichen Kreisen herrschenden Zuständen zu widersetzen. Als Erster erhielt er 1978 den Wolf-Preis, aber die Delegationen für internationale Kongresse zusammenzustellen, lag in den Händen der antisemitischen akademischen Clique, und alles unterlag der Judophobie: Man ließ Gelfand nicht ins Ausland, er durfte an keiner internationalen Konferenz teilnehmen; drei Mal scheiterte er bei den Wahlen in die Akademie der Wissenschaften.

Bis 1984, einunddreißig Jahre lang (!), dauerte die Schikane an. Mittlerweile wurden das Verbot für Gelfand, an den internationalen Kongressen teilzunehmen sowie das Verhindern seiner Wahl in die Akademie zum Absurdum. Endlich „durfte“ Gelfand Akademiemitglied werden. 1989 lud man ihn in die USA ein und bot ihm eine Stelle als Professor an der Harvard University und an dem Massachusetts Institute of Technology. Später kam die Professur für Mathematik und Biologie an der Rutgers University hinzu. Israel Gelfand starb am 5. Oktober 2009 mit 96 Jahren. Zu dieser Zeit war er Ehrendoktor von sieben ausländischen Universitäten und Ehrenmitglied von 12 Akademien und wissenschaftlichen Gesellschaften. An dem seinem Gedenken gewidmeten Seminar bemerkte Semjon Gindikin, ebenfalls Professor an der Rutgers University, dass der Name Israel Gelfands in das „Guiness-Buch der Rekorde“ gehöre, als jenes Menschen, welcher der Mathematik 74 Jahre seines Lebens gewidmet hat.

Die UdSSR vertreibt ihre eigenen Wissenschaftler

Bis Ende 1980er Jahre verließen die UdSSR so gut wie alle bedeutenden Mathematiker mit wissenschaftlichem Einfluss. Professor Melvyn Nathanson (New York University) verglich die Massenemigration jüdischer Mathematiker aus der Sowjetunion – man könnte beinah von einem Exodus sprechen – mit der Abwanderung der Wissenschaftler aus Nazideutschland und mahnte: Diese Politik würde dazu führen, dass die UdSSR zukünftig in wissenschaftlichen Bereichen nicht mit dem Westen konkurrieren können und vom Technologieimport abhängen würde. So kam es dann auch, zunächst in der Sowjetunion und später – im Russland der Gegenwart… Das Fazit wurde vom Präsidenten der Moskauer Mathematischen Gesellschaft, Akademiemitglied Viktor Wassiljew, ausgesprochen: Auf der Konferenz Russischer Akademie der Wissenschaften am 29. August 2013 betonte er, dass die Auswirkungen der Aktivitäten sowjetischer „staatlicher Partei-Antisemiten“ unwiederbringlich und sehr schmerzhaft für die russische Mathematikwissenschaft seien: Antisemitische Pogrome haben sie zerstört.

 

Übersetzung aus dem Russischen von Irina Korotkina

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