„Ich war schon in der SPD, bevor die meisten meiner Kritiker geboren waren.“

Ein Exklusiv-Interview der JÜDISCHEN RUNDSCHAU mit Dr. Thilo Sarrazin, dem ehemaligen Finanzsenator des Landes Berlin

Dr. Thilo Sarrazin© DANIEL ROLAND, AFP

Jüdische Rundschau: Herr Dr. Sarrazin, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für unser Gespräch nehmen. Wann waren Sie zum letzten Mal in Israel?

Dr. Thilo Sarrazin: Ich war noch nie in Israel, aber ein Besuch steht durchaus in meinen Reiseplanungen. Dies ist meinen Verpflichtungen in Deutschland sowie der Tatsache geschuldet, dass ich relativ wenig Überseereisen gemacht habe – aber das ändert sich gerade. Vor zwei Jahren waren wir in Südafrika, vor zwei Jahren in Indien, letztes Jahr in Südamerika. Ich war auch einige Male in der Türkei und einmal in Ägypten – aber das ist auch schon wieder 25 Jahre her. Darauf beschränken sich bisher meine nahöstlichen Reiseerfahrungen.

JR: Also haben Sie sich Israel bisher eher von der Peripherie her angenähert?

TS: Israel ist einerseits zu nah und zu fern. Es ist keine richtige Fernreise, und natürlich möchte man einmal die ganzen historischen Stätten sehen.

JR: Sie schreiben sehr wertschätzend über das jüdische Volk, beispielsweise auf Seite 13 Ihres aktuellen Buches: „Der in Europa lange Zeit weitverbreitete Antisemitismus erklärte sich nicht nur aus der religiösen Sonderrolle der Juden, sondern auch aus ihren besonders großen Erfolgen in Wirtschaft und Wissenschaft. Das führt zu Neidreaktionen etc.“.

TS: Es ist das Kennzeichen meiner Bücher, dass sie sich weitgehend nicht auf sinnliche Wahrnehmung stützen. Das geht auch Historikern so, die die Objekte ihrer Forschung nicht sinnlich wahrnehmen können, weil diese in der Regel schon tot sind. Ich versuche schlicht und einfach, wertneutral zu argumentieren. Wenn die Juden beispielsweise wie die Sinti und Roma hinsichtlich ihrer Bildungsleistung am unteren Ende der Skala stehen würden, hätte ich das genauso geschrieben. Das ist also keine besondere Wertschätzung, sondern eine Tatsachenbeschreibung, genauso wie ich beschreibe, wo die islamische Welt im Durchschnitt kognitiv steht. Das sind nicht immer angenehme Botschaften, aber ich versuche diese wertneutral rüberzubringen.

JR: Es ist einerseits die Stärke Ihrer Bücher, dass Sie sehr analytisch vorgehen, sich nicht von Emotionen leiten lassen. Auf der anderen Seite wird Ihnen dies immer wieder zum Vorwurf gemacht. Ihre Kritiker sagen, Sie seien empathielos, Sie würden sich nicht auf alltagsempirische Befunde stützen oder diese komplett ignorieren.

TS: Ich schreibe populäre Sachbücher, und der Leser merkt, dass nicht nur Statistiken einfließen, sondern immer wieder auch Einzelbeispiele, soweit ich sie beitragen kann. Natürlich macht jeder eigene Erfahrungen, aber das Wesentliche ist eine solide empirische Grundlegung.

JR: Viele Leute sagen sich „Sarrazin ist eigentlich Volkswirt, warum schreibt er über den Islam? Warum schreibt er über Meinungsfreiheit in Deutschland?“.

TS: Es wäre ja noch schöner, wenn sich Mathematiker nur zu Mathematik, Atomwissenschaftler nur zu Kernkraftwerken und Biologen nur zum Liebesleben der Maus äußern dürften. Dann wäre die Welt doch eine arme. Es ist gerade interessant, dass wir alle versuchen, uns einen gesamthaften Ausblick auf die Welt zu erschließen. Jeder Verstand, der ausreichend formal geschult wurde, gleich ob er Alte Geschichte, Jura, Mathematik oder Volkswirtschaft studiert hat, sollte den Träger des Verstandes in die Lage versetzen, sich in unterschiedliche Sachverhalte kompetent einzuarbeiten. Ich mache ja keine eigenen islamischen Forschungen, aber ich erhebe schon den Anspruch an mich, dass ich Texte lesen, verstehen und interpretieren kann.

JR: Damit stehen Sie genau im Widerspruch zu einer Tendenz unserer Zeit, der Identitätspolitik. Dies ist die Annahme, dass jemand etwas durch eigenes Erleben erfahren haben muss, um darüber kompetent urteilen zu können. Das führt das, was Sie gerade gesagt haben, ad absurdum.

TS: Das führt die ganze Wissenschaft ad absurdum, weil die gesamte Wissenschaft zu großen Teilen am toten Objekt arbeitet. Stellen Sie sich vor, Sie seine ein Paläontologe oder Astronom… wer so etwas sagt, zeigt nur, dass er von der Art wissenschaftlichen Arbeitens nichts verstanden hat.

JR: Die Argumentation vieler Humanwissenschaftler lautet: Geisteswissenschaften können und sollen gar nicht das leisten, was empirische Naturwissenschaften leisten.

TS: Die Kriterien der Wissenschaftlichkeit sind überall dieselben: Nachvollziehbarkeit und Falsifizierbarkeit von Hypothesen. Und natürlich hat Karl Marx, der den größten Teil seines Lebens im Britischen Museum im Staub von Büchern und Zeitschriften zubrachte, sehr wohl den Anspruch gehabt, die Dinge analytisch zu durchdringen. Das hat er auch getan, er hat teilweise geirrt, teilweise hatte er auch Recht. Und dann kommen andere und sagen „Jetzt machen wir hier weiter“.

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