Lenin und die Juden

Lenin als Teenager, 1887© AFP/TASS

Bei vielen historischen Figuren muss man ihr Handeln in dem damaligen herrschenden Kontext betrachten, ohne aber die Folgen ihrer Entscheidungen zu relativieren. So verhält es sich auch mit Wladimir Lenin. Mit den Revolutionen im Russland von 1917 standen Juden zuvor verwehrte gesellschaftliche Positionen offen. Lenin war jedoch wegen machtpolitischer Überlegungen Gegner der Idee einer jüdischen Nation sowie jüdischer kollektiver Selbstbestimmung. Historiker sind aber der Auffassung, Lenin wäre eher ein Philo-Semit als ein Antisemit gewesen. Er verurteilte die sogenannte „Pale of Settlement“ - die zahlenmäßigen Beschränkungen für Juden in Schulen und Universitäten - und alle anderen Formen von Diskriminierung. Auch Pogrome kritisierte er aufs Schärfste. Unstrittig ist, dass Lenins Grundhaltung den Juden gegenüber zunächst Gleichberechtigung brachte. Zugleich wurden synagogale und religiöse Institutionen rigoros eingeschränkt, weil die Bolschewiki Religion grundsätzlich als „Opium fürs Volk“ bekämpften.

Von Alexander Kumbarg

„Wir sind die Unseren, wir werden eine neue Welt aufbauen...“

Historisch gesehen ist Lenin eine sehr interessante politische Figur. Natürlich gilt er als „böse“. Aber man sollte ihn nicht einseitig aus dem damaligen Kontext, aus der sozio-politischen Situation des Russischen Reiches reißen. Und gerade bei der Judenfrage ist alles vielschichtiger, als es auf den ersten Blick scheint.

 

Jüdische Wurzeln

Wladimir Iljitsch Lenin betrachtete sich selbst als Russen. So hielten es alle Mitglieder seiner Familie, der Uljanows. Im Russischen Reich wurde im Pass lediglich die Religionszugehörigkeit vermerkt, und in sowjetischen Fragebögen gab Lenin stets „Welikoross“ an (damals übliche Bezeichnung für Russen). Dennoch ist seine Abstammung keineswegs frei von jüdischen Wurzeln.

Nach Lenins Tod (1924) entdeckte seine Schwester Anna Iljinitschna Uljanowa-Elisarowa in den Leningrader Archiven Unterlagen, die belegten, dass ihr Großvater mütterlicherseits – der Arzt Alexander Dmitrijewitsch Blank – ursprünglich Israel (Jisroel) Blank hieß. Er stammte offenbar aus Schytomyr (damals Zhitomir) in der Ukraine und wuchs in einer ärmeren Kleinhändlerfamilie auf. Im Alter von 17 Jahren konvertierte er zum Christentum, um aus dem damals vorgeschriebenen jüdischen Ansiedlungsgebiet („Pale of Settlement“) herauszukommen und die Medizinisch-Chirurgische Akademie besuchen zu dürfen. Ob Lenin selbst davon wusste, ist ungeklärt; am ehesten spricht vieles dafür, dass er sich nicht sonderlich für seinen eigenen Stammbaum interessierte. Hätte er davon erfahren, hätte er womöglich neugierig reagiert oder die Nachricht pragmatisch ins revolutionäre Weltbild eingeordnet.

Anna wandte sich 1924 mit ihren Funden zunächst an den bolschewistischen Spitzenfunktionär und Direktor des Instituts für Parteigeschichte, Lew Kamenew (eigentlich Rosenfeld). Doch wie der US-Historiker Johanan Petrovsky-Stern, Autor des Buches Lenin’s Jewish Question, in der russischen Zeitschrift Ogonjok erklärt, fürchtete man, dass Gegner der Revolution Lenin in die Reihe der „jüdischen Bolschewiki“ einordnen und so die anti-bolschewistische Hetze weiter anheizen könnten. Immerhin war es gängige Praxis, revolutionäre Führer wie Trotzki (Bronstein) und Kamenew (Rosenfeld) unter ihren ursprünglichen Familiennamen in antisemitischen Pamphleten anzugreifen.

 

1932 startete Anna Uljanowa einen weiteren Versuch und schrieb direkt an Stalin:

„In den letzten Jahren habe ich gehört, dass der Antisemitismus wieder zunimmt, sogar unter Kommunisten … Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass es kaum richtig ist, den Massen diese Tatsache zu verschweigen. Sie könnte im Kampf gegen die Nazis, im Kampf gegen den Antisemitismus einen großen Dienst erweisen … Iljitsch schätzte die Juden immer hoch … Die große Begabung dieses Volkes ist seit langem bekannt … Er sprach von ihrer ‚Zähigkeit‘ im Kampf…“

Stalin dagegen war ein Realpolitiker. Ihm war bewusst, wie tief antisemitische Strömungen in der Bevölkerung verankert waren und dass die Enthüllung jüdischer Wurzeln des offiziell beinahe „heiliggesprochenen“ Lenin dem Ansehen der Partei schaden könnte. Es wäre ein Triumph für antisemitische Antikommunisten gewesen, die den „russischen Führer“ des Weltproletariats als vermeintlichen „Fremdkörper“ denunzieren würden. Also blieb es bei der Darstellung: Lenin = Uljanow – keine weitere Debatte. Unter dem Gesichtspunkt historischer Genauigkeit mag Stalin falsch gelegen haben, doch seine Entscheidung war parteipolitisch nachvollziehbar.

Vertuschung und Instrumentalisierung

In den teils antisemitisch gefärbten 1960er Jahren trafen wieder Forscher auf Belege für Lenins „jüdische Herkunft“. Michail Shtein zeigte diese Dokumente der Schriftstellerin und Lenin-Biografin Marietta Schaginjan. Ihre Bitte, die Materialien in ihrem Buch „Die Uljanows“ verwenden zu dürfen, lehnte das Zentralkomitee kategorisch ab. Man sorgte sich vor allem um das, was Schaginjan die „prokommunistischen Antisemiten“ nannte – also jene, die den Bolschewismus unterstützten, aber zugleich antisemitisch geprägt waren. 1965 wurde der Zugang zu diesen Unterlagen sogar gesperrt. Vernichtet hat man sie nicht, denn alles, was mit Lenin zu tun hatte, galt der Partei als „sakrosankt“.

So blieb die Nationalität von Lenins mütterlichem Großvater in der Sowjetunion jahrzehntelang ein strikt gehütetes Tabu. Interessanterweise wusste hingegen jedes Schulkind, dass Fanny Kaplan, die auf Lenin geschossen hatte, Jüdin war. Der Brief von Anna Uljanowa an Stalin wurde erst in den 1990er Jahren einem breiteren Kreis von Historikern und dann auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bei antisemitischen Monarchisten rief das große Freude hervor: „Da sieht man es! Die Juden haben die Revolution in Russland gemacht. Trotzki, Sinowjew, Swerdlow … und jetzt auch noch Lenin!“ Gleichzeitig waren manche Lenin-Verehrer enttäuscht; einige versuchten, den Brief als Fälschung darzustellen – offenbar aus Furcht, das beinahe sakrosankte Lenin-Bild könnte Risse bekommen.

Übrigens kam es während der Revolution und des Bürgerkriegs mitunter vor, dass Leute Lew Trotzki für „russischer“ hielten als Lenin, selbst wenn die Weißgardisten auch gegen Trotzki wüste judenfeindliche Karikaturen im Umlauf hatten. Isaak Babel schildert in seiner „Konarmija“ (besonders in der Erzählung „Salz“) eine Szene, in der ein Rotarmist eine Tütenverkäuferin belehrt:

„Wir reden jetzt nicht über die Juden, schädliche Bürgerin. Juden gehören hier nicht her. … Obwohl ich nicht für Lenin sprechen kann, so ist Trotzki doch ein verzweifelter Sohn des Gouvernements Tambow …“

 

„Der jüdische Arbeiter ist unser Bruder.“

Viele Revolutionäre um 1900 waren internationalistisch gesinnt und zeigten nur selten ausgeprägte fremdenfeindliche Ansichten. In der SDAPR (Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands) waren verschiedene Nationalitäten vertreten, die sich primär als Sozialisten verstanden, nicht als Repräsentanten bestimmter Ethnien. Das galt für Lenin, der wiederholt den „Großrussischen Chauvinismus“ bekämpfte und sich klar gegen Antisemitismus positionierte.

„Das am meisten unterdrückte und verfolgte Volk ist das jüdische Volk“, schrieb er sinngemäß in seinen Aufsätzen.

Er verurteilte die sogenannte „Pale of Settlement“, die zahlenmäßigen Beschränkungen („Numerus Clausus“) für Juden in Schulen und Universitäten und alle anderen Formen von Diskriminierung. Auch Pogrome – oft von zaristischen Behörden unterstützt – kritisierte er aufs Schärfste. Lenin war überzeugt: Das Judentum habe die „Saat des Sozialismus“ in die rückständigeren russischen Arbeitermassen getragen, während die Regierung versuchte, „die Juden“ zum Sündenbock für jeden Missstand zu machen, um von der revolutionären Bewegung abzulenken.

Nach der Oktoberrevolution (1917) verabschiedete der Zweite Allrussische Sowjetkongress – gleichzeitig mit Dekreten zu Frieden und Boden – auch ein Dekret zum Kampf gegen Konterrevolution und Pogrome. An alle lokalen Sowjets erging die Weisung, jedwede Gewalt gegen Juden zu unterbinden. Als Vorsitzender des Rates der Volkskommissare (Sownarkom) nahm Lenin die Bekämpfung antisemitischer Propaganda sehr ernst. Die neue Sowjetmacht leistete jüdischen Opfern von Pogromen materielle Hilfe, vor allem in den Unruhen 1918–1919.

Mit dem Bürgerkrieg (1918–1920) verschärfte sich die Lage. Viele Weiße Garden und nationalistische Gruppen riefen offen zu Judenverfolgungen auf – etwa mit dem Slogan „Schlagt die Juden, rettet Russland!“. 1918 erließ der Sownarkom auf Lenins Drängen die „Resolution zur Bekämpfung des Antisemitismus und der Judenpogrome“:

„Die bürgerliche Konterrevolution versucht, die Hungersnot und Not der Massen den Juden anzulasten … Der jüdische Bourgeois ist nicht als Jude, sondern als Bourgeois unser Feind. Der jüdische Arbeiter ist unser Bruder.“

Lenin sah in Pogromen und antisemitischer Hetze eine bewusste Zersplitterung der Arbeiterfront: „Der Hass auf die Juden kommt den Kapitalisten zugute, die dadurch Zwietracht säen.“ Wer Pogrome initiiere oder anstachle, solle „geächtet“ (sprich: zum Tode verurteilt) werden, um eine Spaltung in den eigenen Reihen zu verhindern. 1919 folgte eine berühmte Rede Lenins „Über die Pogromhetze gegen die Juden“. Er war überzeugt, der Judenhass gedeihe vor allem in den rückständigsten Bereichen der Gesellschaft. Juden seien hingegen „unsere Brüder in der Unterdrückung durch das Kapital“. Unter Chruschtschow wurden die alten Tonaufnahmen von Lenin 1961 neu aufgelegt – nur diese eine Rede gegen den Antisemitismus ließ man merkwürdigerweise weg.

 

Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung

Auch in der Roten Armee kam es zu antisemitischen Zwischenfällen, da viele Soldaten aus derselben bäuerlich geprägten und oftmals ungebildeten Schicht stammten wie die Weißgardisten. Anders als ihre Feinde bestraften die Bolschewiki jedoch Pogrome in den eigenen Reihen rigoros. Nach der Niederlage der Roten Armee bei Warschau (1920) kam es etwa in der Ersten Kavalleriearmee (Budsjonnys Armee) zu Ausschreitungen gegen jüdische Zivilisten. Die Verantwortlichen wurden in Prozessen belangt; einige erhielten lange Haftstrafen, andere wurden erschossen.

Gerade in den heutigen Regionen der Ukraine, Weißrusslands und des südlichen Russlands wüteten die Kämpfe besonders grausam. Historiker schätzen, dass insgesamt Zehntausende jüdische Zivilisten Opfer des Bürgerkriegs wurden, der mit seinen wechselnden Frontlinien und zahlreichen Milizen – von Weißgardisten bis zu lokalen Banden – eine regelrechte Pogromwelle auslöste. Während die Roten Pogrome immerhin bekämpften, blieben sie bei den Weißen und verschiedenen nationalistischen Formationen (etwa Petljura-Anhängern oder Anarchisten unter Nestor Machno) oft ungesühnt oder wurden sogar stillschweigend geduldet.

Der ungarische Historiker Tamás Krausz deutet in seinem Werk „Lenin und die Juden“ an, dies habe dazu geführt, dass die Rote Armee in Summe weit weniger Pogrome beging als die Weißgardisten. Das könne man angesichts der späteren Shoah als historischen Fortschritt in dem Sinne betrachten, dass hier erstmals konsequent staatliche Maßnahmen gegen Pogrome ergriffen wurden.

Der Grossvater Lenins Alexander Blank hieß ursprünglich Israel (Jisroel).© kulturologia.ru

 

„Ich vertraue den Juden“

Im engsten Kreis um Lenin gab es viele Juden: Grigori Sinowjew, Lew Trotzki, Jakow Swerdlow, Karl Radek, Maxim Litwinow, Moses Uritski, Jakow Ganetzki, Grigori Sokolnikow oder den teils jüdisch stämmigen Lew Kamenew. Lenin schätzte ihre Energie, Bildung und ideologische Überzeugung. Maxim Gorki schrieb in seinem Essay Wladimir Lenin (1924), Lenin habe einmal behauptet, die Russen seien „hochbegabt, aber faul im Geiste“, während Juden oftmals herausragende Intelligenz und Elan an den Tag legten. Ob wörtlich oder nur sinngemäß: Es zeigte jedenfalls seinen Respekt.

Trotzki beschrieb in „Mein Leben“, wie Lenin ihn 1917 zum Volkskommissar für Innere Angelegenheiten ernennen wollte. Trotzki entgegnete, es sei unklug, einen Juden an die Spitze einer Institution zu stellen, die Polizei und Sicherheitsorgane lenke. Lenin ließ sich davon nicht wirklich beeindrucken, ernannte ihn vorerst zum Kommissar für Auswärtige Angelegenheiten und später zum Volkskommissar für Militär- und Marinewesen.

Der Journalist Ilja Okunew schildert in der israelischen Zeitschrift Aleph eine Begebenheit, nach der Lenin zu seinem Chauffeur Michail Kusmin sagte:

„Ich vertraue den Juden. Wissen Sie, warum? Kein Volk war unter dem Zarismus so rechtlos wie sie. Unsere Revolution hat ihnen Bürgerrechte verschafft – sie werden der Sowjetregierung treu dienen.“

Die unzähligen Pogrome der Weißen und anderer Milizen während des Bürgerkriegs bestätigten vielen Juden, dass nur der Bolschewismus ihnen Gleichstellung und Schutz bieten konnte. Trotz antijüdischer Tendenzen in Teilen der Gesellschaft rückten zahlreiche jüdische Intellektuelle in den Staats- und Parteiapparat auf, da zum Beispiel der Numerus Clausus und ähnliche diskriminierende Regelungen wegfielen.

 

Zionismus ist schlimmer als Antisemitismus?

Lenin erkannte das Judentum nicht als zusammengehörige Nation an: Eine Nation definierte er (in der damaligen marxistischen Terminologie) über gemeinsames Territorium und Sprache. In seinen „Kritischen Notizen zur nationalen Frage“ (1913) sah er im Zionismus eine bürgerliche Ideologie, die das jüdische Proletariat von der internationalen Arbeiterbewegung ablenke. Er setzte auf eine „freiwillige Assimilation“ und verurteilte jeden Versuch, Juden in separaten nationalen Strukturen zu halten. In seiner Sicht waren sie keine gesonderte „Nation“, sondern eine benachteiligte Minderheit, die in der sozialistischen Gesellschaft restlos gleichberechtigt werden sollte.

Damit lehnte Lenin einerseits den Zwang ab, sich zu „russifizieren“, andererseits blieb er skeptisch gegenüber jeder Form ausgeprägter jüdischer Nationalkultur. Mit dem Bund, einer eigenständigen jüdischen Arbeiterpartei, kam es wiederholt zu Auseinandersetzungen. Lenin brandmarkte das Konzept einer kulturell-nationalen Autonomie als spalterisch, weil es – so sein Vorwurf – das Proletariat in Kleingruppen zerlege.

 

Hebräisch als „Werkzeug des Zionismus“

Nach der Machtergreifung (Oktoberrevolution) versuchte Lenin, durch die Einrichtung eines Jüdischen Kommissariats (Jewkom) und jüdischer Sektionen (Jevsekzija) die jüdische Bevölkerung für den Bolschewismus zu gewinnen. Jiddisch galt als Sprache der breiten jüdischen Massen und wurde staatlich gefördert; Hebräisch hingegen verbot man rasch, da es als „Werkzeug des Zionismus“ galt. Gleichzeitig wurden synagogale und religiöse Institutionen rigoros eingeschränkt, weil die Bolschewiki Religion grundsätzlich als „Opium fürs Volk“ bekämpften.

Lenins Idee, dass alle Nationalitäten sich letztlich zu einer einzigen sozialistischen Gemeinschaft verbinden würden, ließ erzwungene „Russifizierung“ zwar nicht zu, aber die massive staatliche Steuerung führte de facto zu einer weitreichenden „Sowjetisierung“ der Juden. Vieles von dem, was man später als kulturelle Verflachung und Verlust jüdischer Identität beklagte, begann bereits in den 1920er Jahren.

Lenin war kein Antisemit, aber auch kein klassischer „Philosemit“. Seine Politik zielte auf den Klassenkampf und setzte den Nationalgedanken dem Proletarier-Internationalismus untergeordnet. In der Praxis legten Lenin und seine Mitstreiter mit ihrer autoritären Machtausübung jedoch den Grundstein für ein Staatsmodell, in dem spätere Führer – vor allem Stalin – Antisemitismus als Instrument der Herrschaft einsetzen konnten. Aus dem anfänglich propagierten „Weltproletarischen Internationalismus“ entwickelte sich ein repressives System, das in Krisenzeiten immer nach Sündenböcken suchte.

Wie sich die Situation weiterentwickelt hätte, wäre Lenin länger an der Macht geblieben, ist reine Spekulation im Stil „alternativer Geschichtsschreibung“. Vielleicht hätte Lenin entschieden gegen eine antijüdische Staatsdoktrin eingeschritten, vielleicht hätte er aber auch den aufkeimenden Nationalismus in den Reihen der Partei unterschätzt. Unstrittig ist, dass Lenins Grundhaltung den Juden gegenüber zunächst Gleichberechtigung brachte, zugleich aber durch den massiven Zentralismus des Sowjetsystems die Voraussetzungen für spätere Repressionen gegen kulturelle Minderheiten schuf.

 

Das Erbe Lenins

Das Erbe Lenins in der Judenfrage ist zwiespältig. Einerseits bekämpfte er aktiv Pogrome und die alte zaristische Judenfeindlichkeit, ließ Juden in hohe Funktionen aufsteigen und förderte (jiddische) Kulturansätze. Andererseits blieb er verhaftet in einem doktrinären Marxismus-Leninismus, der nationale Besonderheiten als rückständig oder nebensächlich abtat. Die spätere Geschichte der Sowjetunion – in der Juden nach 1948 immer stärker als „potenziell unzuverlässige Kosmopoliten“ verfolgt wurden – ist eine traurige Konsequenz der unbewältigten Widersprüche im stalinistisch geprägten System.

Während sich Lenin eine internationale, klassenlose Gesellschaft ohne nationale Feindschaften erhoffte, formte er zugleich einen Einparteienstaat mit rigiden Strukturen. Der latente Antisemitismus, der im Volk und in Teilen des Apparats lebendig blieb, konnte sich so in späteren Jahrzehnten gefährlich entladen.

So endete die bolschewistische „Befreiung“ der Juden keineswegs in einem dauerhaften Paradies der Gleichheit, sondern führte in eine politisch autoritäre Ordnung, in der jüdisches Leben abermals beschränkt wurde – wenn auch in anderer Form als unter den Zaren. Damit ist die Geschichte Lenins und der Juden eines der anschaulichsten Beispiele dafür, wie ideologische Utopie und reale Machtpolitik oft auseinanderdriften und zu tragischen Folgewirkungen führen.

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